Eigenverantwortung statt Verbote

Corona in Schweden: Mehr Lebensqualität, aber zu welchem Preis? Blick auf die Todeszahlen überrascht

  • Raffael Scherer
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In Schweden setzt die Regierung zur Bekämpfung der Corona-Pandemie auf die Eigenverantwortung der Bürger - und gibt ihnen darum mehr Freiheiten. Kann das gut gehen?

München - Schweden ist in Deutschland seit Anfang März nicht nur als Corona-Risikogebiet, sondern auch als Hochinzidenz-Gebiet eingestuft. Die Infektionszahlen in diesem Land sind hoch, so meldete die Johns Hopkins University etwa am Dienstag (27. April) eine Sieben-Tage-Inzidenz von 378,3. Das ist mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland, wo im Vergleich die Sieben-Tage-Inzidenz am Mittwoch (28. April) laut Robert-Koch-Institut bei 160,6 lag.

Trotzdem gibt die schwedische Regierung ihren Bürgern viel mehr Freiheiten als die Deutsche - und setzt vermehrt auf Eigenverantwortung. So ist dort etwa das Tragen einer FFP2-Maske beim Einkaufen oder in der Bahn nur eine Empfehlung, keine Pflicht. Stattdessen setzt das Land mehr auf den Sicherheitsabstand.

Corona-Politik in Schweden: Läden, Fitnessstudios, Gastronomie und Schulen geöffnet

Mit Abstandsregeln haben Gastronomie, Friseure und auch etwa Fitnessstudios geöffnet. Restaurants und Bars haben bis 20.30 Uhr geöffnet, lediglich der Alkoholausschank ist ab 20 Uhr untersagt. Kindergärten und Schulen laden ebenfalls mit offenen Türen bis hin zur neunten Klasse ein. Keine Spur von den deutschen Ausgangssperren oder Schließungen des Einzelhandels.

Aus der Kombination von hohen Infektionszahlen und Freiheiten für die Bürger, müsste sich auch eine höhere pandemiebedingte Sterblichkeitsrate ergeben. So sind laut JHU CSSE COVID-19 Data bisher fast 14.000 Menschen an oder mit der Erkrankung gestorben. Und doch sinkt die Zahl der täglichen Corona-Toten seit Anfang Februar drastisch. Starben im Januar an manchen Tagen noch über 400 Menschen, so sind es seit Februar nur noch weit unter 100 pro Tag - wenn überhaupt.

Corona-Politik in Schweden: Schnelles Impfen sorgt für sinkende Sterberate

Im Vergleich zu Deutschland starben in Schweden seit Februar 2021 sogar im Verhältnis weniger Menschen an der Pandemie. Die schwedische Gesundheitsbehörde Folkhälsomyndigheten erklärt diese niedrigen Todeszahlen mit dem Impf-Fortschritt bei Risikopatienten, vor allem Alten- und Pflegeheimbewohnern. Diese machten zuvor etwa 50 Prozent der Corona-Toten in Schweden aus. Und Schweden kommt beim Impfen auch schneller voran als die meisten anderen EU-Länder. Nur Malta und Ungarn impfen in der Union noch schneller als Schweden.

Aufgrund des Impf-Fortschritts und der vergleichsweise niedrigen Todeszahlen denkt Schweden daher momentan nicht daran, von seinem „Sonderweg“ abzuweichen. Härtere Maßnahmen wären zwar theoretisch möglich, aber das Land sieht dazu derzeit keine Veranlassung. Die schwedische Gesundheitspolitik beachtet neben dem Virus auch die Folgen, die Maßnahmen, wie etwa Lockdowns, mit sich bringen.

Corona in Schweden: Auch Schäden der Einschränkungen werden bedacht

Darunter fallen psychische Erkrankungen, wie etwa Depressionen, der übermäßige Konsum von Alkohol, mangelnde Bewegung und weitere bedenkliche Folgen der Isolation. Die schwedischen Freiheiten sollen die Bürger daher nicht nur körperlich sondern auch mental gesund halten. Und diese Lebensqualität durch Freiheit versucht die schwedische Regierung ihren Bürgern durch die Maßnahmen zu geben.

Ob der schwedische „Sonderweg“ in der Pandemie die richtige Waffe gegen das Coronavirus war, bleibt abzuwarten. Und doch scheint der Weg der Freiheit anhand der niedrigen Sterberaten trotz der hohen Zahl an Ansteckungen nicht völlig abwegig.

Rubriklistenbild: © picture alliance / Anders Wiklund/TT News Agency/dpa | Anders Wiklund

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