„Tübinger Weg“ als Vorbild?

Ärztin fällt hartes Urteil über Corona-Strategie - „dem Virus recht gemacht“

  • Felix Durach
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Der Kreis Tübingen geht in der Corona-Pandemie einen Sonderweg. Initiatorin Lisa Federle übt nun verstärkt Kritik an einer fehlenden bundesweiten Teststrategie.

Tübingen - Gerade durch den zweiten harten Lockdown, den Deutschland seit Beginn der Corona-Krise durchläuft, werden erneut kritische Stimmen laut, welche die Maßnahmen der Regierung kritisierten. Ein Vorwurf lautet dabei, Deutschland habe noch immer keine bundesweite und einheitliche Teststrategie, um Infektionsketten schnell und effektiv zu brechne.

Geäußert wird dieser Kritikpunkt unter anderem von einer, die es wissen muss. Dr. Lisa Federle ist Notärztin, Präsidentin des DRK-Kreisverbands Tübingen und eine der Verantwortlichen für den „Tübinger Weg“ in der Pandemiebekämpfung, der mittlerweile deutschlandweit Anerkennung findet. Dieser sieht unter anderem kostenlose Schnelltests sowohl in Altersheimen, als auch auf der Straße vor, von denen die Bürgerinnen und Bürger Gebrauch machen können.

Corona-Pandemie: Kostenlose Schnelltests für alle - „Tübinger Weg“ findet bundesweit Anerkennung

Im Rahmen dieser Strategie organisierte Federle auch die Aktion „Stille Nacht, einsame Nacht? Muss nicht sein!“, bei der an den Tagen vor Weihnachten kostenlose Schnelltests für die angeboten wurden, die an Weihnachten ihren Großeltern oder anderen Verwandten aus der Risikogruppe Gesellschaft leisten wollten. Die Aktion fand sogar soviel Anklang, dass sie kurzer Hand auf ganz Baden-Württemberg erweitert wurde.

Lisa Federle (r) gemeinsam mit Schlagersänger Dieter Thomas Kuhn bei der Aktion „Stille Nacht, einsame Nacht?“ Muss nicht sein!“.

Die Quote an positiven Tests liegt in Tübingen dabei momentan etwa zwischen zwei und vier Prozent berichtet Federle der Welt: „Bei 200 Tests am Tag haben wir also acht Personen, die eben keinen Verwandtenbesuch machen und auch niemanden anstecken können“, erklärt die Notärztin. Das seien acht Infektionsketten, die gebrochen werden könnten, bevor sie zu größerem Schaden führen.

Coronavirus: Tübinger Notärztin übt Kritik an Regierung - „haben es nur dem Virus rechtgemacht“

Da Federle befürchtet, dass die Schutzanstrengungen im neuen Jahr wieder stark nachlassen könnten, will sie ihren „Tübinger Weg“ weitergehen - mindestens noch vier bis fünf Monate. Eine solche Strategie würde sich die Notärztin, die noch im Oktober die Kosten für eine Großbestellung Schnelltest vorerst selber tragen musste, für die gesamte Bundesrepublik wünschen. Bundesweit sollten nach Tübinger Vorbild kostenlose Schnelltests angeboten werden, fordert Federle. „Für Besuche bei den Großeltern, aber auch für alle, die mal mit der Nachbarin, der sie die Einkäufe machen, einen Kaffee trinken möchten.“

Schnelltests bieten zwar im Gegensatz zu PCR-Tests nur eine Genauigkeit von 95 Prozent, aber das sei „besser als nichts“, meint Federle. Den Weg der Regierung in den vergangenen Monaten und der im November beschlossene Lockdown Light, sieht die Notärztin hingegen als kritischen Fehler an. „Die Politiker wollten es allen recht machen. Damit haben sie es nur dem Virus recht gemacht.“

Coronavirus in Deutschland: „Tübinger Weg“ als Vorbild für das ganze Land?

Ebenso kritisiert Federle die schwerfälligen und lang andauernden Entscheidungsprozesse in Bezug auf die richtige Strategie gegen das Coronavirus. „Als Notärztin bin ich daran gewöhnt, schnell zu entscheiden und sofort zu handeln. Wenn ich erst ewig nachdenke und herumdiskutiere, welches der richtige Behandlungsweg ist, dann ist der Patient eben womöglich tot.“

Dass der „Tübinger Weg“ Erfolge erzielen kann, zeigt unter anderem ein Blick in die örtliche Uniklinik. Dort gehören lediglich zehn Prozent der positiv getestet zur besonders vulnerablen Risikogruppe der über 65-Jährigen. Tübingen könnte sich also zum Vorbild für ganz Deutschland entwickeln, bis der Impfstoff für die ganze Bevölkerung zugänglich ist. (fd)

Rubriklistenbild: © Tom Weller/dpa

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