Hendrik Streeck spricht in einem Interview über das Corona-Risiko im Hinblick auf den sozialen Status
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Hendrik Streeck spricht in einem Interview über das Corona-Risiko im Hinblick auf den sozialen Status.

Virologe bezieht Stellung

Corona für arme Menschen gefährlicher: Streeck erklärt Ursachen - und macht Hoffnung auf Sommerurlaub

  • Patrick Freiwah
    vonPatrick Freiwah
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Je besser der soziale Status, desto niedriger ist das Risiko durch Corona: Virologe Hendrik Streeck erklärt, warum das so ist und warum Bund und Länder zu wenig getan haben.

Berlin/München - Dass das Coronavirus für einkommensschwächere Personengruppen eine größere Gefahr darstellt, erscheint weder neu noch überraschend. Kürzlich nahm das RKI Stellung zum Zusammenhang zwischen Corona und dem sozialen Status. Woran das genau liegt, dazu hat jetzt Virologe Hendrik Streeck in einem Interview Stellung genommen.

So seien sozial schwächere Teile der Bevölkerung durch Krankheiten wie Covid-19, aber auch andere gesundheitliche Gefahren mehr bedroht als Menschen mit einem höheren Status bzw. Einkommen. Demnach ist natürlich auch die Sterblichkeit für Bürger in sozial schlimmeren Verhältnissen höher. „Das ist ein weltweites Phänomen, und im Übrigen nicht nur bei Corona, sondern bei fast allen Infektionskrankheiten“, lässt Streeck gegenüber Bild.de wissen. Warum das so ist, dafür gibt es mehrere Begründungen. Die Faktoren hierfür sind vielschichtig:

Corona für arme Menschen gefährlicher: Virologe Streeck erklärt die Ursachen

Punkt eins: Ärmere Menschen leben in engeren Wohnverhältnissen. Mehrere Personen befinden sich auf weniger Quadratmetern und haben kaum Möglichkeiten, einander auszuweichen. Auch mangelnde Freiflächen an der frischen Luft wie zum Beispiel eigene Gärten spielen demzufolge eine Rolle.

Punkt zwei: Hier nennt der 43-Jährige den Faktor Hygiene und spricht die Situation von Hartz-IV-Empfängern an: „Zum Beispiel ein Hartz-IV-Empfänger kriegt nur 5 Euro für Hygieneartikel, da fällt aber Toilettenpapier, Zahnpasta und alles Mögliche mehr darunter. Da kann man sich keine FFP-Masken dazu leisten.“

Punkt drei: Ein weiterer Grund, warum eher ärmere Menschen wegen Covid-19 vom Tode bedroht sind, seien laut Hendrik Streeck diverse Vorerkrankungen, die mangels medizinischer Vorsorge nicht bekannt seien. „Eine Infektion kann bei sozial Schwächeren viel eher zu einem tödlichen Verlauf führen“, stellt der Mediziner deswegen fest. Kein Wunder: Das Virus schwächt das Immunsystem und stellt demzufolge eine größere Bedrohung für Menschen dar, die bereits Schädigungen an Herz, Lunge oder anderer Organe haben.

Streeck äußert sich in dem Interview zudem kritisch über Deutschlands politische Entscheidungsträger. Bund und Länder hätten für den Schutz von sozial schwächer gestellten Bürgern zu wenig getan. Der Professor der Universität Bonn benennt zudem Maßnahmen, die in sogenannten „Corona-Hotspots“ geholfen hätten und eine Vielzahl von Opfern verhindert:

Corona: Bund und Länder haben zu wenig Maßnahmen ergriffen, glaubt Streeck

Dazu zählt er eine flächendeckende „niedrigschwellige Ausgabe von FFP-Masken über Sozialdienste“ und nennt ein Projekt in Köln als Vorbild. Außerdem spricht er an, dass viele Personen womöglich aufgrund ihrer Krankenversicherung keinen Arzt aufsuchen, sondern trotz Symptomen daheimbleiben. Darüber hinaus erklärt Streeck, der kürzlich eine Fehleinschätzung eingestand: „Was auch fehlt sind Räume, in denen sich Menschen treffen können, ohne Gefahr zu laufen, sich zu infizieren.“

Für eine weitere Eindämmung hätten mobile Teams sorgen können, die in Hotspots unterwegs sind und Menschen vor Ort pragmatisch testen und impfen. „Die Impfanmeldungen übers Internet oder über Hotlines nur auf Deutsch sind wahrscheinlich schwierig“, führt der Virologe aus.

Einen Seitenhieb erhält Streeck unterdessen von einem Berliner Krankenpfleger. Der Mann war in der Bundespressekonferenz zu Gast und erklärte, dass Corona nur „on top obendrauf“ kommt, wenn es um die Probleme der Intensivstationen geht:

Corona für Migranten eine größere Gefahr? Streeck hat These - Soziologe widerspricht

Interessant ist die Einschätzung auch im Hinblick auf Migranten: Während Streeck laut Bild.de der Meinung ist, die erhöhte Corona-Gefährdung bei dieser Bevölkerungsgruppe sei lediglich auf den sozialen Status zurückzuführen („Wir haben viele Migranten, die einen schlechten sozialen Status in Deutschland haben“), widerspricht der Soziologe Ahmad Mansour.

Der Psychologe erklärt, bei Migranten würde durchaus ein höheres Risiko der Corona-Infektion bestehen - unabhängig vom sozialen Status. Der Grund seien andere familiäre Strukturen, was danach klingt, dass das Miteinander einen höheren Stellenwert genießt und somit schwer verzichtbar ist, wenn es um die Einhaltung von Corona-Maßnahmen geht. Streeck erklärt dazu: „Ich bin kein Wissenschaftler auf dem Gebiet. Aber auch dort fehlt dann wahrscheinlich die Sensibilisierung in verschiedenen Sprachen.“

Dass für die Bevölkerung bereits Sommerurlaub möglich sein wird, ist für den Virologen übrigens wahrscheinlich. Streeck äußert sich zu möglichen Vorteilen für Personen, die sich bereits einer Corona-Impfung unterzogen haben. Ähnlich wie vergangenen Sommer würden sich die Infektionszahlen nach unten bewegen: „Wir werden hoffentlich in eine Phase reinkommen, dass wir dann auch wieder Sommerurlaub machen können. Für diejenigen die geimpft sind, wird das noch unbeschwerter sein.“ (PF)

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