1. Startseite
  2. Welt

Pfleger beschreibt die letzten Momente in Kliniken - viele Patienten nicht mehr erkennbar

Erstellt:

Von: Tom Offinger

Kommentare

100.000 Deutsche starben bereits durch die Corona-Pandemie, viele davon auf den Intensivstationen der Krankenhäuser. Doch was genau spielt sich hinter den Kulissen ab?

Berlin/München - 100.000 Tote - eine Zahl, die in Deutschland für Erschütterung sorgt. Heute Morgen überschritt die Bundesrepublik diese traurige Schwelle an Todesfällen und auch in den nächsten Tagen dürfte das Geschehen nicht an Fahrt verlieren. Die Intensivstationen in Deutschland arbeiten an der absoluten Belastungsgrenze, an eigenen Standorten längst darüber hinaus. Der Tod ist ein ständiger Begleiter der Pflegekräfte, schmerzliche Abschiede stehen auf der Tagesordnung. Der Berliner Intensivpfleger Ricardo Lange beschreibt diese Szenarien in einem Interview mit dem Spiegel.

Corona in Deutschland: „Infizierte sind jünger als letztes Jahr“

„Ich muss schlucken, wenn Sie das so sagen. Es ist eine unglaubliche Masse“, erwidert Lange auf den Hinweis, dass in Deutschland nun 100.000 Corona-Todesfälle zu beklagen sind. Trotz der hohen Zahlen liege ihm jede einzelne Person am Herzen, führt Lange weiter aus, auch in der „Hochsterbephase“ des vergangenen Jahres habe er an dieser Philosophie festgehalten. Die schwarzen Leichensäcke gebe es auch heute noch, obwohl die Situation in Berlin derzeit noch unter Kontrolle scheint. Lange erwartet demnächst ein „Déjà-vu“, die Zahlen werden auch in der Bundeshauptstadt wieder in die Höhe schießen. Eine Sache wird sich - im Vergleich zum letzten Jahr - ändern, prognostiziert Lange: „Die Infizierten sind jünger als letztes Jahr.“

Das deutsche Impfverhalten sei ausschlaggebend, auf der Intensivstation liegen zwar auch Geimpfte, die Ungeimpften seien allerdings in der Mehrheit. Diese Tatsache stimme ihn traurig, so Lange: „Die Infektion oder der schwere Verlauf wäre vermeidbar gewesen.“ Verurteilen wolle er dennoch keinen seiner Patienten: „Das überlasse ich Richtern“, unterstreicht Lange bestimmt.  „Ich pflege Schwerverbrecher, Vergewaltiger, Verkehrsrowdys. Sind alles Menschen.“ Der Impfstatus seiner Patienten interessiere ihn bei der Behandlung nicht, auch wenn er diesen trotzdem beiläufig erfahren sollte. „Wenn ich aus diesem Grund Patienten vernachlässigen würde, wäre ich im falschen Beruf. Für mich zählt der Mensch, und nur der.“

Corona in Deutschland: Trauriger Abschied von den Toten

Der Sterbeprozess an sich, wie Lange ihn beschreibt, laufe bei jedem Patienten unterschiedlich ab. Von einem halbwegs Gesunden habe er sich abends noch verabschiedet („Schönen Abend noch, wir sehen uns morgen“), am nächsten Tag war der Patient dann tot. „Und das ist so oft so! Diese rapide Verschlechterung, von hundert auf null.“ Eine Frau Anfang 40 hatte gerade die schlimmste Phase ihrer Leukämieerkrankung überstanden, als sie sich mit dem Virus infizierte. Das ohnehin schon geschwächte Immunsystem der Patienten konnte nicht mehr weiterkämpfen.

Zudem gebe es noch die Patienten, die mit ihrer Infektion langfristig auf der Intensivstation lägen. „Das sind die Patienten, zu denen ich eine sehr enge Bindung aufbaue, weil ich oft ihre einzige Bezugsperson bin, weil die Angehörigen nicht so viel da sein dürfen“, erläutert Lange. Oftmals muss er diesen Angehörigen nach langen Wochen des Wartens trotzdem eine tragische Nachricht überbringen. Zu diesem Zeitpunkt könne man viele Patienten auch nicht mehr erkennen, fügt Lange hinzu. „Wegen des Organversagens sammelt sich Wasser im Körper an, manchmal sogar in den Augen. Das Gesicht schwillt bei manchen bis zur Unkenntlichkeit an. Durch die Bauchlagerung löst sich teilweise Haut ab. Alles noch vor dem Tod selbst.“

Nach dem Tod auf der Intensivstation dürfen die Angehörigen Abschied nehmen. „Der Abschied ist distanziert, in voller Schutzmontur eben. Die Stimmung ist extrem gedrückt, Patienten liegen oft zu zweit auf einem Zimmer“, schildert Lange, der so schon viele stille Minuten miterlebt hat. „Ich muss vielleicht hereinplatzen, Schläuche wechseln, Medikamente geben, während die anderen da noch sitzen und trauern.“ Seine Antwort, ob er sich an das Sterben gewöhnt habe, spricht Bände: „Das werde ich nie.“ Man halte das Sterben nur aus, wenn man sich ab und zu lebendig fühle, meint Lange: „Sport machen, mit den Hunden raus, Menschen treffen, die keine Ahnung von dem haben, was du machst.“

Pflegepersonal auf den Intensivstationen: „Wir werden nicht gehört“

Die Arbeit unter den aktuellen Bedingungen fordert dem Personal um Lange alles ab, der Druck sei riesig, wie er am Beispiel einer Kollegin schildert: Beim Blutabnehmen eines Patienten sei sie in einer Zeile verrutscht. „Es soll hier nicht darum gehen, wieso, aber dieser Patient wurde heute Nacht reanimationspflichtig. Weil die Kollegin in der Zeile verrutscht war, weil sie müde war, weil sie vieles gleichzeitig im Kopf hatte. Sie haben den Patienten nicht verloren, sie haben ihn zurückgeholt. Aber die Kollegin war fertig. (...) Einen Fehler zu machen, kostet bei uns unter Umständen ein Menschenleben.“

Von seinem einstigen Traumjob spürt Lange nicht mehr viel. „Heute ist da nur noch Bitterkeit, die Erkenntnis: Es gehört zu diesem Beruf, die eigenen Ideale zu verraten.“ Er selbst wolle in dem aktuellen System nicht gepflegt werden, erzählt er mit aller Deutlichkeit. „Seit Beginn der Pandemie rechtfertigt die Bundesregierung die Maßnahmen damit, dass man das Gesundheitssystem, die Intensivstationen, nicht überlasten wolle. Bis heute aber wurde dieses Problem nicht angegangen, und auf den Stationen selbst ist kaum etwas passiert. Wir haben es versucht: Wir werden nicht gehört.“ (to)

Auch interessant

Kommentare