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Triage in Deutschland: Experte erklärt Corona-Hintergrund und verrät, welche Gefahren drohen

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Von: Patrick Freiwah

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Angesichts der Corona-Lage erscheinen klare Regelungen im Hinblick auf eine drohende Triage als notwendig. Experten fällen in der kontroversen Debatte ein klares Urteil.

München - Die Debatte um eine mögliche Triage in deutschen Krankenhäusern ist im Gange - und angesichts der Pandemie sind klare Regelungen notwendig. Wenn die Kapazitäten von Krankenhäusern beziehungsweise Intensivstationen an die Grenzen gelangen - und das tun sie seit geraumer Zeit - ist es wichtig, dass sich Verantwortliche an offizielle Richtlinien halten.

Das betrifft Situationen, in denen weniger Plätze oder Geräte zur Verfügung stehen, als für die Patienten erforderlich sind. Infolgedessen geraten Ärzte vor die Entscheidung, welche Menschen beispielsweise ein Beatmungsgerät erhalten und welche nicht. Eine gesetzliche Regelung für eine befürchtete Triage-Situation gibt es bislang nicht: Nach den bislang maßgeblichen „Empfehlungen“ der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) sind klinische Erfolgsaussichten das entscheidende Kriterium bei einer derartigen Situation.

Triage in Krankenhäusern: Keine Benachteiligung - weder von Behinderten, noch Impfgegnern

Nach dem am Dienstag veröffentlichten Beschluss des Bundesverfassungsgerichtes muss der Gesetzgeber nun unverzüglich Vorkehrungen zum Schutz behinderter Menschen für den Fall einer pandemiebedingt erforderlichen Triage treffen. Andernfalls bestehe das Risiko, dass Menschen bei der Zuteilung im Falle knapper intensivmedizinischer Betten oder Geräte wegen einer vorhandenen Behinderung benachteiligt würden.

Die neun Beschwerdeführer sind schwer und teilweise schwerst behindert und überwiegend auf Assistenz angewiesen. Sie fürchten in der Corona-Pandemie bei einer hohen Auslastung der Krankenhäuser eine Benachteiligung. Der Grund: Weil bei bestimmten Behinderungen oder Vorerkrankungen die Erfolgsaussichten einer intensivmedizinischen Behandlung schlechter seien als im Durchschnitt.

Mit dieser Debatte hängt eine Vorstellung zusammen, die nicht wenige Menschen für Mitbürger fordern, die sich gegen eine Corona-Impfung stemmen: Dass im Falle einer Erkrankung mit Covid-19 dieses Kriterium den Ausschlag gebe, dass im Falle einer Triage geimpften Personen der Vorzug gegeben wird.

Bis heute wird die Triage zwar prinzipiell nur in außergewöhnlichen Situationen wie Naturkatastrophen, Unfällen oder Anschlägen mit vielen Opfern angewendet. In Zeiten, in denen Einrichtungen im Gesundheitswesen jedoch längst mit Kostendruck und Sparzwängen zu kämpfen haben, sind auch ohne die erwähnten Szenarien die Kapazitäten vielerorts an ihre Grenzen gelangt.

In einer bereits Anfang 2020 veröffentlichten Empfehlung forderte der Deutsche Ethikrat, Ärzte mit einer möglichen Triage-Entscheidung nicht alleine zu lassen: Es bedürfe vielmehr „weithin einheitlicher Handlungsmaximen für den klinischen Ernstfall nach wohlüberlegten, begründeten und transparenten Kriterien“.

Coronavirus: Könnte eine Impfung die drohende Triage in Krankenhäusern beeinflussen?
Coronavirus: Könnte eine Impfung die drohende Triage in Krankenhäusern beeinflussen? © Tobias Steinmaurer/Imago

Corona, Triage und Impfverweigerer: Expertengremien fällen klares Urteil

Im Jahr 2021 ist deutlich geworden, wie kontrovers diese Frage diskutiert wird. Der Ethikrat und weitere Gremien diskutieren mit Politik, Wissenschaft und externen Sachverständigen über die Priorisierung von lebensrettenden Maßnahmen. Der Punkt scheint enorm wichtig, obgleich die Bundesregierung eine klare Regelung in Sachen Triage bislang scheute.

Kürzlich sah sich die Deutsche Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) veranlasst, ihre Leitlinie im Hinblick auf Triage zu aktualisieren - aufgrund der Frage nach dem Umgang mit Impfverweigerern. Dazu ließ der Präsident der Akademie für Ethik in der Medizin wissen, dass genau diese Situation eben nicht angewendet werden dürfe. Georg Marckmann begründete die Richtlinie damit, dass „Leistungsansprüche in unserem solidarischen Gesundheitssystem aus ethischen Gründen nicht von Kriterien wie ‚Selbstverschulden‘ oder ‚Eigenverantwortung‘ abhängig gemacht“ werden.

Wie er schildert, führe das unweigerlich dazu, dass auch andere Personengruppen mit ähnlichen Triage-Entscheidungen konfrontiert werden müssten. In diesem Zuge werden Betroffene genannt, die angesichts einer ungesunden oder gar risikoreichen Lebensweise ebenfalls ihr Leben aufs Spiel setzen - und damit ebenfalls das Gesundheitssystem belasten könnten: „Dies gilt nicht nur für Übergewicht, Rauchen oder Risikosportarten, sondern auch für die Entscheidung zum Verzicht auf eine SARS-CoV-2-Impfung“, erklärten Fachgesellschaften in diesem Zusammenhang.

Deutschland und die Pandemie: Aktuelle Handlungsempfehlungen bei einer Triage

Wie sieht derzeit die Praxis bei einer drohenden Triage in Deutschland aus? Ärzte können sich an Handlungsempfehlungen orientieren, welche als Kriterium ausdrücklich den klinischen Erfolg und nicht das Alter oder eine allgemeine körperliche Verfassung festlegen. In fachlichen Anweisungen heißt es, eine Intensivtherapie sei dann nicht indiziert, wenn der Sterbeprozess unaufhaltsam begonnen habe oder die Therapie aussichtslos sei, weil keine Besserung zu erwarten sei.

Corona-Daueralarm und Wut auf andere Personengruppen: Wir leben in einer chronisch gestressten Gesellschaft. Eine Expertin erklärt Hintergründe und Lösungsansätze. (PF mit Material der AFP)

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