Triage-Entscheidungen vermeiden

Tagesthemen: Arzt schildert dramatische Corona-Lage in Kliniken - und nennt das größte Problem

  • Cindy Boden
    VonCindy Boden
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Das Wort „Triage“ ist zurzeit überall zu lesen. Müssen die Klinken in Deutschland aktuell entscheiden, wen sie behandeln und wenn nicht? Ein Chefarzt schilderte in den ARD-Tagesthemen die Situation bei sich.

  • Triage bedeutet, dass Klinik-Personal entscheiden muss, in welcher Rangfolge es Patienten behandelt und wer welche Therapie bei Ressourcenknappheit bekommt.
  • Die Corona-Lage in Deutschland ist ernst, deshalb stoßen immer mehr Krankenhäuser an ihre Grenzen.
  • Viele betonen aber auch: Noch sind Intensivbetten frei.

Stollberg - Prinzipiell müssen Ärzte und Mitarbeiter in Notaufnahmen immer entscheiden, welchen Patienten sie zuerst therapieren. Was die Mediziner aber unbedingt vermeiden wollen: Entscheiden zu müssen, wer noch beatmet werden kann und wer nicht, weil die Kapazitäten einfach nicht ausreichen.

Wie bedrückend die Lage schon jetzt in manchen Krankenhäusern ist, schilderte Gregor Hilger am Mittwochabend in den ARD-„Tagesthemen“. „Es ist tatsächlich jetzt schon so, dass einzelne Kliniken immer wieder an ihre Grenzen kommen, also Patienten nicht adäquat behandeln können, die Intensivstationen voll sind“, sagt der leitende Chefarzt des Klinikums in Stollberg im Erzgebirge.

Doch momentan sei man durch gute Organisation der Region noch in der Lage, harte Triage-Entscheidungen vermeiden zu können. So werde über das regionale Organisationszentrum Chemnitz organisiert, wohin die Patienten in der Region verlegt werden, damit sie auf die Intensivstation kommen und dort adäquat behandelt werden können. Das bedeutet aber auch: Richtig eng wird es, wenn regionale oder überregionale Verlegungen nicht mehr möglich sind.

Corona in Sachsen: Interview in ARD-Tagesthemen: Klinken teils am Limit - Sorgen bereitet vor allem das Personal

Große Sorge bereitet Hilger auch die Situation um das Personal. Rund 40 Prozent der Mitarbeiter im Pflege- und Funktionsdienst seien bereits ausgefallen, weil sie an Covid-19 erkrankt seien. „Wenn dieses Personal noch weiter erkrankt, kommen wir in noch größere Versorgungsprobleme, als wir sie jetzt schon haben.“ Auch die Tatsache, dass das Personal seit langer Zeit gestresst ist, dürfe nicht vergessen werden.

Ein Oberarzt untersucht einen Patienten auf der Covid-19 Intensivstation im SRH Waldklinikum.

Empfehlungen, wie bei einer möglicherweise eintretenden Triage entschieden werden soll, wünscht sich Arzt Hilger von den Fachgesellschaften. „Ich persönlich denke, dass wenn man zu enge Rahmenbedingungen vorgibt, das Problem nicht gelöst ist, weil wir eben individuell entscheiden müssen. Wir müssen schauen, was haben wir gerade für Patienten, was haben die für eine Situation, was für Erkrankungen sind es.“ Denn auf Intensivstationen werden nicht nur Corona-Patienten behandelt.

In den nächsten Tagen und Wochen werden die Fallzahlen in den Kliniken erst einmal weiter ansteigen, glaubt Hilger. Schon jetzt hole die Klinik Personal beispielsweise aus dem Urlaub zurück. „Wir werden versuchen, mit allen Mitteln, die Notfallversorgung aufrechtzuerhalten und natürlich auch die Versorgung von an Covid-Erkrankten. Und es ist zu hoffen!“

Weltärztepräsident: Überfüllung der Intensivstationen bringt mehr Triage-Entscheidungen hervor

Auch der Vorsitzende des Weltärztebundes warnt angesichts der hohen Corona-Zahlen vor einer Zuspitzung der Lage in den deutschen Krankenhäusern. „Es wird bei zunehmender Überfüllung der Intensivstationen immer mehr zu Triage-Entscheidungen kommen und die wird leider von den Ärzten alleine getroffen werden müssen, weil die Politik uns hier im Stich gelassen hat“, sagte Frank Ulrich Montgomery der Rheinischen Post.

Patientenschützer warnen indes davor, die Behandlung von Coronavirus-Patienten von deren Überlebenschancen abhängig zu machen. Eugen Brysch betonte jedoch gegenüber den Zeitungen der Funke Mediengruppe, dass bislang deutsche Mediziner die Triage nicht anwenden müssten, da es „ausreichend medizinische Ressourcen für alle Schwerstkranken“ gebe.

Corona: Vielerorts sind noch Intensivbetten frei - Triage-„Hilferuf“ aus Sachsen kam dennoch

Auch NRW-Gesundheitsminister Karl-Joseph Laumann betonte in aller Nüchternheit, dass in Nordrhein-Westfalen noch viele freie Betten und das dazugehörige Personal gemeldet seien. Zur Triage sagte er auf einer Pressekonferenz am Donnerstag: „Wir sind von dieser Frage bei aller Anspannung in den Krankenhäusern noch weit entfernt.“ Nach Ansicht der Bayerischen Krankenhausgesellschaft droht in absehbarer Zeit in Bayern ebenfalls keine Triage-Situation.

Die Corona-Lage in Deutschland bleibt angespannt. Weil sich das eben deutlich in den Kliniken zeigt, sprach Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer zuletzt nicht ohne Grund von einem „Hilferuf“. Gemeint war damit die Aussage eines Ärztlichen Direktors in Zittau, der Triage in einem sächsischen Krankenhaus bestätigt hatte. Eine Sprecherin des Klinikums dementierte später. (cibo)

Rubriklistenbild: © Daniel Schäfer/dpa-Zentralbild/dpa

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