In Deutschland gibt es kaum noch Corona-Einschränkungen. Trotzdem bleibt eine vierte Welle aus.
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In Deutschland gibt es kaum noch Corona-Einschränkungen. Trotzdem bleibt eine vierte Welle aus.

Klare Forderung an RKI

Gibt es vierte Corona-Welle gar nicht? Experte äußert sich vielsagend

  • Marc Dimitriu
    VonMarc Dimitriu
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Seit Wochen sinken die Corona-Zahlen in Deutschland wieder. War es das bereits mit der vierten Welle oder kommt sie erst noch? Ein Statistik-Experte äußert sich nun vielsagend.

München - Seit Mitte des Sommers stiegen die Corona-Zahlen wieder an und die Inzidenz kletterte in Deutschland Anfang September sogar wieder auf über 90. Doch seitdem sinkt sie wieder. Mittlerweile liegt die Inzidenz nur noch bei 60,3 (Stand 28. September). War es das schon wieder mit der vierten Welle, vor der viele im Herbst gewarnt haben, oder kommt sie erst noch? Die Angst vor überfüllten Krankenhäusern, höheren Todeszahlen und erneuten Einschränkungen war groß.

Corona: Experte sicher - Es gibt keine vierte Welle

Doch das sei unbegründet gewesen, sagt Statistiker Christian Hesse gegenüber dem Focus. Der Leiter der Abteilung für mathematische Statistik an der Universität Stuttgart nennt gleich mehrere Gründe dafür. Zumindest was die Gesamtbevölkerung angeht, bei den Ungeimpfte sei ein anderer Trend erkennbar. Schon seit Beginn der Pandemie beobachtet Hesse das Infektionsgeschehen und entwickelt Modelle, um die Entwicklung zu beurteilen. Für ihn ist klar: Es gibt gar keine vierte Welle.

Hohe Inzidenz bei Ungeimpften: Impfquote verhindert trotzdem vierte Welle

Ein Grund seien die Inzidenzen. „Einige Bundesländer, etwa Baden-Württemberg und Bayern, weisen seit einiger Zeit die Inzidenzen für Geimpfte und Ungeimpfte gesondert aus“, erklärt er im Gespräch mit dem Focus. „Und dabei sieht man: Bei den Geimpften liegt die Inzidenz im Schnitt nur bei 10 bis 20 – bei den Ungeimpften ist sie hingegen zehn- bis 15-mal höher.“ Dass der Anteil der Geimpften trotz des langsamen Tempos immer weiter zunehme und sich die Inzidenz bei ihnen auf einem sehr niedrigen Niveau stabilisiere, habe laut Hesse den Effekt, dass die bundesweite Inzidenz seit rund zwei Wochen wieder langsam sinke.

Epidemie der Ungeimpften: Wenig Tote und kaum Geimpfte in den Krankenhäusern

Ein weiterer Grund für seine These ist die Lage in den Krankenhäusern: „Auf den Intensivstationen kommen im Schnitt auf einen geimpften Corona-Patienten 20 ungeimpfte.“ Ungefähr 95 Prozent der Covid-Patienten, die aktuell intensiv behandelt würden, seien also Ungeimpfte. Bei den Geimpften sei die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitssystems also nicht gegeben.

Auch die Zahl der Todesfälle würde laut Hesse dagegensprechen, dass es eine vierte Welle gibt. „Die Zahl der durch Corona Verstorbenen ist seit Wochen sehr gering und stabil. Sie liegt im Schnitt bei 40 pro Tag.“ Zum Höhepunkt der Pandemie lag sie deutlich über 1000. „Nehmen wir diese Punkte zusammen, sehen wir: Es gibt keine vierte Welle. Vielmehr haben wir es mit einer Epidemie der Ungeimpften zu tun.“

Statistiker sicher: Wenn Impfquote weiter wächst, gibt es keine vierte Welle

Wichtig wäre dem Statistiker auch, dass das Robert-Koch-Institut (RKI) endlich die Inzidenzen bei Geimpften und Ungeimpften gesondert herausgibt. Hesse hofft, dass sich das bald ändert. Eine solche Unterscheidung würde die Infektionslage wesentlich klarer wiedergeben. „Und es würde auch den Ungeimpften noch einmal deutlicher vor Augen führen, welches Risiko sie damit eingehen, wenn sie sich nicht impfen lassen.“

Dass eine richtige vierte Welle später im Herbst oder im Winter kommen, damit rechnet Hesse nicht. Zumindest nicht unter einer Bedingung: „Nach meinen Modellierungen wird die Inzidenz weiter sinken – zumindest dann, wenn unser Impftempo nicht weiter nachlässt.“

Impfung und natürliche Infektion: Experte glaubt an Herdenimmunität vor dem Frühling

Doch wann ist die Pandemie endlich vorbei? Sobald die Herdenimmunität erreicht ist, sollte Corona kein allzu großes Problem mehr für die Gesellschaft darstellen. Das RKI geht davon aus, dass die aber erst ab einer Impfquote von 85 Prozent erreicht ist. Im Moment liegt die Quote aber nur bei 64,1 Prozent(Stand 28. September). Deswegen rief Gesundheitsminister Jens Spahn erneut dazu auf, sich impfen zu lassen. Ansonsten würden die Ungeimpften eine Ansteckung riskieren. „Herdenimmunität wird immer erreicht“, sagte er gegenüber der Augsburger Allgemeinen. „Die Frage ist ja nur, wie: ob durch Impfung oder Ansteckung.“ Mit der Herdenimmunität sei die Pandemie dann „im Frühjahr überwunden“.

Der Statistiker der Uni Stuttgart bestätigt Spahns Prognose: „Aktuell haben wir eine Quote vollständig Geimpfter von rund 64 Prozent über alle Altersklassen verteilt. Für eine Herdenimmunität bräuchten wir zwar 80 bis 85 Prozent Immunisierte in der Bevölkerung – dieser Wert bezieht sich aber nicht nur auf die Impfungen.“ Genesenen zählen nämlich auch hinzu. „Und das sind nach einer neuen Studie deutlich mehr, als wir bisher gedacht haben“, erklärt Hesse weiter. Auf zehn Personen, die infiziert waren und Symptome hatten, kommen acht, die keine Symptome hatten, das haben Wissenschaftler der Universitätsmedizin Mainz ermittelt, erklärt Hesse im Interview mit dem Focus.

„Zu den 64 Prozent kommen also sicherlich noch weitere zehn bis 15 Prozent, die wegen einer durchgemachte Infektion immunisiert sind. Und dann ist es so, dass es unter den Impfskeptikern leider viele Menschen gibt, die im Umgang mit dem Virus eher unvorsichtig sind.“ Also würden die Ungeimpften durch Infektion früher oder später ebenfalls zu einer Immunisierung kommen. „Spahns Prognose für das Frühjahr ist also realistisch – wahrscheinlich erreichen wir die Herdenimmunität aber sogar noch früher.“ (md)

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