Merkur-Interview

Virologe Stöhr prognostiziert „dramatische Entspannung“: Im Frühjahr soll die Pandemie endgültig vorbei sein

Von Sebastian Horsch

Der Frühling kommt, Corona geht: Stöhr prognostiziert „dramatische Entspannung“ - dann können wir im Biergarten am Seehaus unter Bäumen sitzen, während die Sonne untergeht.

Der Frühling kommt, Corona geht - Virologe Klaus Stöhr blickt auf den Corona-Winter und prognostiziert eine „dramatische Entspannung“.

München - Der Virologe Klaus Stöhr hat 15 Jahre für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gearbeitet und war dort Leiter des Globalen Influenza-Programms und SARS-Forschungskoordinator. Von 2007 bis Ende 2017 arbeitete er in der Impfstoffentwicklung und weiteren Funktionen bei Novartis. Heute ist er als freier Konsultant tätig.

Im Interview mit Merkur.de* warnt Stöhr, im Winter könnten die Kliniken Corona noch einmal vor Probleme gestellt werden. Doch danach dürfe sich Deutschland auf Entspannung freuen. 

Herr Stöhr, die Sieben-Tage-Inzidenz steigt gerade immer rasanter an – ist das eine bedrohliche Entwicklung?

Vor allem ist es eine erwartbare Entwicklung. Denn eine Wellenbewegung ist sowohl im Sommer als auch im Winter absehbar. Sorgen müsste man sich machen, wenn die Zahl der Fälle bei den über 50-Jährigen und den Geimpften unerwartet stark ansteigen würde. Das ist aber nicht der Fall. Und wie auch in anderen Ländern trifft es zum Pandemieende hin jetzt die Ungeimpften. Zur Einordnung: Nur wenige Länder einschließlich Schweden haben gegenwärtig eine niedrigere Inzidenz als Deutschland. Also: kein Grund zur Aufregung. Aber wir müssen uns auf den Herbst vorbereiten.

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Worauf müssen wir uns in den kommenden Monaten einstellen?

Die Inzidenz bei den Jüngeren wird – die heutigen Maßnahmen vorausgesetzt – möglicherweise bis auf 700 und mehr steigen. Das eigentliche Problem sind aber die mehr als vier Millionen ungeimpften über 60-Jährigen. Die sind für das Virus noch voll empfänglich. Das reicht im Winter aus für eine dramatische Zunahme von schweren Verläufen und Einweisungen in die Krankenhäuser. Darüber muss man sich Sorgen machen und hier den Impffortschritt verbessern. Vor allem darf man nicht wieder die Alten- und Pflegeheime vergessen, wo mehr als 40 Prozent der Sterbefälle auftraten. Die Auffrischungsimpfung ab Oktober und eine bessere Impfstoffannahme beim Pflegepersonal müssen jetzt Priorität werden. Auch bei den 30- bis 50-Jährigen wird es eine Zunahme der Fälle geben, weil auch von ihnen viele noch ungeschützt sind. Das wird einen Ansturm auf die Hausarztpraxen zur Folge haben, die Krankenhäuser aber hoffentlich nur zum Teil betreffen.

Was würde eine höhere Impfquote daran ändern?

Dass der Weg zur Normalität kürzer wird. Dass die Re-Infektionen viele Stufen milder verlaufen, weniger Menschen ins Krankenhaus müssen und sterben. Wer ohne Impfung auf der Intensivstation landen würde, hat als Geimpfter vielleicht nur ein bis zwei Tage Fieber. Wer ungeimpft sterben würde, kommt geimpft vielleicht ins Krankenhaus für einige Tage.

Was ist mit Ansteckungen?

Natürlich kann die Impfung Ansteckungen und Erkrankungen nicht völlig ausschließen. Das Virus wird auch nicht verschwinden – was von Anfang an feststand und mittlerweile auch der Letzte verstanden haben dürfte. Geimpfte und Genesene bleiben am Infektionsgeschehen beteiligt und können unter Umständen auch vergleichsweise schwer erkranken – aber viel, viel seltener als Ungeimpfte. Deshalb ist es ja gerade für Ältere so wichtig, sich als Erstkontakt mit dem Virus für die Impfung zu entscheiden. 

Was ist mit den Jüngeren?

Die Daten, auch in Deutschland, sprechen hier eine klare Sprache. Von den ca. 92 000 Sterbefällen traten ca. 91 000 bei den über 50-Jährigen auf. Nichtsdestotrotz birgt die Infektion auch bei den Jüngeren ein höheres Risiko als die Impfung. Das Verhältnis reduziert sich natürlich mit dem Alter und dreht sich bei kleinen Kindern dann um. Die asymptomatischen Infektionen bei Kindern und Jugendlichen werden im Herbst auf jeden Fall zunehmen, genauso die leichten Erkrankungen bei den 20- bis 30-Jährigen. Wer sich in diesen Gruppen nicht impfen lassen will, entscheidet sich dann für die Infektion. Das ist bei den unter Zwölfjährigen gegenwärtig alternativlos. Und übrigens auch genau die Herangehensweise, die die Menschheit seit Langem bei vielen Dutzenden Atemwegserkrankungen praktiziert – ob bei der jährlichen Influenzawelle, den anderen humanen Coronaviren oder den Rhinoviren. Diese Realität hätte man bereits im letzten Jahr öffentlich diskutieren und in ein Bekämpfungskonzept mit aufnehmen müssen. Die Gefahren von Sars-CoV-2 für die jüngeren Altersgruppen sind absolut mit der saisonalen Influenza vergleichbar. Das ist aber offensichtlich auch noch nicht überall angekommen.

Corona-Pandemie: Virologe Klaus Stöhr sieht positiv ins nächste Jahr.

Stöhr: „Dramtische Entspannung im Frühjahr“

Wir sollten diese Infektionen von Jüngeren und Impfunwilligen also zulassen?

Es ist keine Frage des Wollens oder der Präferenz: Es ist die alternativlose Realität. Es gibt keinen Impfstoff für irgendeine der Erkältungserkrankungen bei Kindern in Deutschland. Zum Glück erkranken Kinder sehr selten schwer. Bei den Impfunwilligen ist es klar: Jeder, der sich gegen die Impfung ausspricht, hat sich proaktiv für die Infektion entschieden. Das ist besonders bei den über 50-Jährigen für mich keine gute Wahl.

Sie sagen, wer nicht geimpft ist, wird zwangsläufig infiziert. Was bedeutet das für die Bekämpfung des Virus?

Wer die unvermeidbaren Infektionen bis zum Herbst durch Maßnahmen hinauszögert, verstärkt damit die Winterwelle. Und dann muss man vielleicht wieder gegensteuern. Genau dafür bräuchte es jetzt endlich einen klar geregelten Stufenplan der Bundesregierung – gebunden an Parameter wie die Hospitalisierung und die Anzahl der Erkrankten über 50 Jahre. Warum gibt es den nicht? Will man damit warten bis nach Weihnachten, wenn die Koalitionsverhandlungen durch sind? Interessant ist auch, dass offensichtlich keine Partei die Corona-Krise substanziell in ihrem Wahlprogramm abdeckt. 

In Hamburg treffen Lokale, die nur Geimpfte oder Genesene einlassen, weniger Auflagen. Ist das sinnvoll?

Bald wird keiner mehr nach dem Impfpass fragen, weil alle eine Infektion oder Impfung hinter sich haben. Wir werden dann damit leben, dass das Virus permanent weiterzirkuliert. Noch befinden wir uns aber in einer Übergangsphase. Da ist es wichtig, dass die Geimpften noch auf diejenigen Rücksicht nehmen, die noch keine Impfmöglichkeit hatten. Auf der anderen Seite müssen die Ungeimpften aber auch akzeptieren, dass die Geimpften ihre Grundrechte zurückerhalten müssen. Dafür gibt es nun solche Regelungen wie in Hamburg, die für diese Phase auch ein sinnvoller Kompromiss sind – sozusagen der erste Schritt zurück in die Normalität. Man wird sie aber schnell nicht mehr brauchen, wenn wirklich alle ein Impfangebot hatten.

Ist es denn legitim, Getestete auszuschließen?

Sinn macht es, denn die Aussagekraft von Schnelltests bei symptomlosen Personen in der Praxis liegt offensichtlich ganz nah beim Würfeln. Getestete stellen auch aus diesem Grund ein viel höheres Risiko dar als Geimpfte.

Sehen Sie die Tests in Schulen genauso kritisch?

Da kommt sogar noch mehr dazu. Neben dem Wissen, dass Eltern eher die Kinder infizieren als umgekehrt, und der Unsicherheit der Tests bei den asymptomatischen Kindern, gibt es ja auch eine gesundheitsökonomische Komponente. Basierend auf Daten aus Hessen muss man davon ausgehen, dass es bis zu 176.000 Euro kostet, ein einziges asymptomatisches Kind zu finden, dessen Test positiv ist. Zum Vergleich: Die umfassende Versorgung und Behandlung eines akuten Herzinfarkts kostet zwischen 10.000 und 25.000 Euro. Dazu kommt ja noch die als wenig effektiv belegte Praxis, ganze Schulklassen in Quarantäne zu schicken.

Lassen Sie uns über den Winter hinausblicken. Wie geht es dann in Deutschland weiter?

In Deutschland wird die Situation zunehmend einfacher, wenn es immer weniger Menschen gibt, die noch nicht geimpft sind oder infiziert wurden. Das werden nach dem Winter vielleicht noch fünf bis zehn Prozent sein. Ab dem Frühjahr werden wir also eine dramatische Entspannung der Situation erleben. Die Pandemie ist dann vorbei. Im Sommer wird trotz einiger Infektionen wieder absoluter Normalzustand herrschen. Vor dem Winter 2022 wird sich dann die Frage stellen, ob man die über 60-Jährigen noch einmal impfen muss. Alle anderen werden sehr wahrscheinlich keine weitere Impfung mehr brauchen.

 Und wie sieht es mit dem Rest der Welt aus?

20 Prozent der Weltbevölkerung haben Zugang zu mehr als 60 Prozent der Impfstoffe. Gerade in den Ländern mit wenig oder keinem Impfstoff wird das Pandemieende durch die vielen Infektionen im nächsten Jahr womöglich noch schneller erreicht – allerdings auch mit deutlich mehr Schäden. Dort geht es dann nur noch darum, die Geschwindigkeit der Ansteckungen so zu dosieren, dass jeder, der schwer krank wird, einen Platz im Krankenhaus bekommt. Also genau so, wie bisher immer mit Pandemien umgegangen wurde.

Diese Länder werden durchseucht?

In den letzten 500 Jahren gab es im Durchschnitt etwa alle 28 Jahre eine Pandemie. Was glauben Sie, wie die alle zu Ende gegangen sind?

Auch durch Durchseuchung?

So ist es. Es ist das erste Mal in der Menschheitsgeschichte, dass es rechtzeitig Impfstoffe gibt. Das hat durch die schlechte Krisenkommunikation aber auch viele falsche Erwartungen geweckt.

 Welche?

Wer sich impfen lässt, wird nicht mehr krank, scheidet kein Virus mehr aus und infiziert keinen anderen. Wenn wir Herdenimmunität erreichen, werden wir das Virus besiegen und müssen nicht mit ihm leben. Wir müssen auch die Kinder impfen, damit die Pandemie aufhört. Wer von natürlicher Infektion als Option für die Erstinfektion spricht, ist ein „Durchseucher“ und steht ethisch im Abseits. All diese Impf-Mythen, die leider auch nicht proaktiv von der Bundesregierung aufgelöst wurden. Dort war das nachlesbare Wissen, wie das Ende einer Pandemie tatsächlich aussieht, entweder nicht vorhanden oder man hat davor die Augen verschlossen.

Das Hamburger Modell: ohne Ungeimpfte keine Einschränkungen

Gastronomie, Clubs, Kneipen und Kultureinrichtungen in Hamburg können ihre Kapazitäten von Samstag an nahezu wieder vollständig nutzen, sofern Ungeimpfte keinen Zutritt haben. Der rot-grüne Senat beschloss wie berichtet am Dienstag das sogenannte Zwei-G-Optionsmodell, wonach Veranstalter entscheiden können, ob sie künftig nur noch Geimpfte und Genesene einlassen und dann weitgehend von den Corona-Einschränkungen befreit sind, oder ob sie weiterhin das Drei-G-Modell nutzen wollen. Dieses Modell bezieht Getestete und damit Ungeimpfte mit ein. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), selbst Mediziner, begründete die Entscheidung des Hamburger Senats damit, dass Geimpfte und Genesene keinen wesentlichen Anteil am Infektionsgeschehen hätten. Er betonte: „Beschränkungen müssen verhältnismäßig sein und dürfen nur so lange erfolgen, wie sie zur Pandemiebekämpfung nötig sind.“(dpa)

Corona-Welle trifft laut RKI vor allem zwei Gruppen – Hospitalisierung steigt erneut an

Der Trend setzt sich fort: In Deutschland steigt die Sieben-Tage-Inzidenz weiter an. Vor allem Jüngere sind von Ansteckungen betroffen. Doch das Coronavirus scheint nicht mehr das wichtigste Problem zu sein. Alle Infos finden Sie in unserem Corona-News-Ticker.

Wissenschaftler haben ermittelt, wann die Ansteckungsgefahr mit Corona offenbar am höchsten ist. Die Delta-Mutation würde diesen Effekt nochmal wesentlich beschleunigen.*Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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