1. Startseite
  2. Welt

Engpässe bei PCR-Tests: Wie Wien Deutschland geradezu demütigt

Erstellt:

Von: Bedrettin Bölükbasi

Kommentare

Corona: PCR-Tests in Deutschland werden knapp.
Beim Erfolg mit PCR-Tests liegt Deutschland deutlich hinter Wien. © Frank Hoermann/imago

Die PCR-Testkapazitäten in Deutschland werden knapp. Deutlich besser sieht es dagegen in der österreichischen Hauptstadt aus. Wien liefert ein Beispiel für Erfolg.

Wien/München - Aktuell steht Deutschland vor einem großen PCR-Test-Problem inmitten einer weiteren Hochphase des tödlichen Coronavirus. Gerade diese Hochphase mit der hochansteckenden Omikron-Mutante führt zu diesem Problem. Mehr Infektionen bedeuten mehr Personen, die sich zur Feststellung der Infektion testen lassen und mehr Kontaktpersonen, die sich aus der Quarantäne freitesten müssen.

Ein Nachbar macht es Deutschland jedoch vor - mit großem Erfolg. In der österreichischen Hauptstadt Wien läuft die PCR-Testkampagne mit einer eindeutig höheren Kapazität weitaus besser.

Corona-Pandemie: Deutschland kämpft mit Engpässen bei PCR-Tests - Wien deutlich besser aufgestellt

In der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) am Dienstag (24. Januar) wurde erneut der Engpass bei PCR-Tests diskutiert. Schon seit dem Beginn des Engpasses plädieren viele für eine Priorisierung bei PCR-Tests. Diese Meinung teilte jetzt auch der Bund-Länder-Gipfel. Die nur begrenzt verfügbaren PCR-Tests sollen auf vulnerable Gruppen und Beschäftigte, die diese betreuen und behandeln, beschränkt werden. Der Rest solle auf Antigentests zurückgreifen.

Dem Laborverband ALM zufolge liegt die durchschnittliche Laborauslastung in Deutschland bei etwa 95 Prozent. Maximal seien hier 2,5 Millionen Tests pro Woche möglich, wobei die Kapazität in den letzten Wochen bereits stark angehoben wurde. Trotzdem wird mit Problemen gekämpft. Ein Mangel an Personal, das die Geräte bedient, sei dabei das größte Problem, sagte ein Sprecher des ALM gegenüber der ntv.

Ganz im Gegensatz zu Deutschland ist der Begriff „Engpass“ den Laboren in Wien ganz fremd. Hier läuft der Prozess mit PCR-Tests sehr erfolgreich. Die Bevölkerung kann sich über maximal 800.000 kostenlose PCR-Tests am Tag freuen - eine Zahl, von der Deutschland bislang träumen kann. Schon längst hat sich die Stadt zu einem Vorreiter für PCR-Tests entwickelt.

Corona-Pandemie: Wien mit erfolgreicher Strategie bei PCR-Tests - fast eine Million Kapazität am Tag

Wenn es auf Genauigkeit bei der Feststellung einer Corona-Infektion ankommt, dann ist ein PCR-Test unumgänglich. Schnelltests sind an dieser Stelle weniger vertrauenswürdig. „Wir machen am Tag etwa 302.000 PCR-Tests“, sagt Mario Dujakovic, Sprecher des Wiener Gesundheitsstadtrats, dem ntv. Der ALM in Deutschland lehnt einen Vergleich mit den Zahlen aus Österreich ab. Dujakovic zufolge ist ein Vergleich allerdings durchaus möglich.

Damit könnte er richtig liegen, denn die Kapazitäten in Wien sind nicht aus dem Nichts aufgetaucht. Das Maximum von 800.000 Tests am Tag sei das Ergebnis von fast zwei Jahren Strategie, erklärt der Sprecher und fügt entschlossen hinzu: „Wir können auch nicht zaubern.“ Den von Deutschland immer noch verfolgten Pfad der Schnelltests hat Österreich schon sehr früh verlassen und sich lieber auf die zuverlässigeren PCR-Tests fokussiert. Nur ein kleiner Bruchteil der Tests sind jetzt Antigen-Schnelltests: Täglich gibt es nur rund fünf- bis zehntausend.

Die Kapazitäten wurden im Laufe der Pandemie stetig erhöht. Waren es im März 2021 noch 250.000 PRC-Tests pro Tag, so sind es heute mehr als das dreifache. Um dies zu erreichen ging Wien clever hervor. Das Konzept des sogenannten „Pool-Testens“ wurde entwickelt. Zehn Proben werden dabei gleichzeitig untersucht und allen Personen ein Negativ-Bescheid ausgestellt, falls die gemeinsame Untersuchung ein negatives Ergebnis hervorbringt. Lediglich bei einem positiven Ergebnis werden die Tests einzeln untersucht.

Corona-PCR-Tests: Wien treibt Kapazität in die Höhe dank Gurgeltest - Vergütungsproblem in Deutschland

Bereits im Februar 2021 wurde das Fundament für die Teststrategie in Wien gelegt: Mit dem Programm „Alles Gurgelt!“. Hier handelt es sich um sogenannte PCR-Gurgeltests, für die kein medizinisches Personal notwendig ist und im Mai 2020 entwickelt wurden. Streng genommen ist es also ein PCR-Selbsttest. In zahlreichen Supermärkten und Tankstellen ist dieser Gurgeltest kostenlos zu haben.

Der Testprozess ist ziemlich leicht. Mit einer Kochsalzlösung wird gegurgelt. Allerdings erfolgt dies vor einer Kamera, um nachweisen zu können, dass auch tatsächlich gegurgelt wurde. Im Anschluss wird der Test erneut in den Supermarkt oder die Tankstelle gebracht. In 24 Stunden liegt das Ergebnis vor. Über den speziellen Test ist man im Land zufrieden. Ohne medizinisches Personal, einfache Abwicklung zu Hause und ein verlässliches Ergebnis. Die Strategie in Wien erlaubt es, die Testkapazitäten deutlich in die Höhe zu treiben, während Deutschland nachhinkt und mit Engpässen ringt.

Ein Problem in Deutschland ist die geringe Vergütung von PCR-Tests. Besonders die Point-of-Care-PCR-Tests zeigen dies. Dabei handelt es sich um Maschinen, die innerhalb einer Viertelstunde Ergebnisse liefern können. Zwar braucht man kein medizinisches Personal, doch die Anschaffung ist mit rund 15.000 Euro teuer. Nach der jüngsten Anpassung wird der Bund einem Anbieter von POC-PCR-Tests in Zukunft nicht mehr 43,56 sondern 30 Euro pro Test erstatten.

„Wie kann es sein, dass auf der einen Seite die PCR-Tests priorisiert werden müssen, auf der anderen Seite die Vergütung so runtergesetzt wird, dass sie nicht einmal die Unkosten deckt?“, kritisierte die Tübinger Ärztin Lisa Federle gegenüber der Bild scharf. Offenbar ist sich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) dem Problem bewusst. Er will die Tests wieder besser vergüten und hofft so auf ein zusätzliches Angebot. (bb)

Auch interessant

Kommentare