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„Situation wie letzten Winter - das wollen wir nicht“ - Forscherin Priesemann fordert Booster-Offensive

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Von: Martina Lippl

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Dr. Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut in Göttingen beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Corona-Maßnahmen.
Dr. Viola Priesemann Physikerin am Max-Planck-Institut, beschäftigt sich mit den Mechanismen der Corona-Pandemie (hier im ARD bei Anne Will). © Stauffenberg/imago

Der zweite Corona-Winter in Deutschland steht bevor. Die Fallzahlen sind schwindlig hoch. Viola Priesemann und eine Gruppe von Forschenden fordert jetzt Tempo beim Boostern oder zwei Wochen Solidarität.

München - Was passiert, wenn wir so weiter machen wie bisher? Was müssen wir bis Weihnachten machen? Wissenschaftlerin Viola Priesemann (39) hat gemeinsam mit 21 weiteren Forschende ein aktuelles Corona-Strategie-Papier veröffentlicht. Ihr Ziel ist es „Missverständnisse aus dem Weg zu räumen“ und „um gut über den Winter zu kommen“. Booster-Impfungen sind demnach ein mächtiges Mittel, die vierte Welle zu bremsen - und zwar nachhaltig. Aber, hier ist Tempo gefragt. Sonst könnte nur ein „Notschutz-Schalter“ helfen.

Viola Priesemann: „Eine Situation wie im letzten Winter - das wollen wir nicht“

„Eine Situation wie im letzten Winter - das wollen wir nicht“, betont die Physikerin Priesemann in einer virtuellen Veranstaltung des Science Mediacenter am Donnerstag. Immer hier und da in einer verzweifelten Situation nachzubessern, sei frustrierend gewesen. Der „Lockdown-light“ beispielsweise hätte überhaupt keinen Effekt gehabt. Die Wissenschaftlerin vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation entwickelt seit Beginn der Pandemie Modellrechnungen für die Ausbreitung des Coronavirus und ist Hauptverantwortliche des Strategiepapiers.

Corona: „Worst-Case-Szenario“ an Weihnachten

„Wenn wir so weitermachen, gehen die Zahlen weiter hoch. Intensivstationen sind jetzt schon extrem voll. Impfen und Boostern schreitet langsam voran“, erklärt Priesemann. Problem bei einem schleppenden Impftempo: Die Schutzwirkung der Impfung vor Übertragung und schweren Verlauf lasse gerade in der vulnerablen Gruppe nach. Diese Strategie würde wahrscheinlich zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, so das Fazit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Das Szenario heißt „Weiter so!“ und beschreibt das „Worst-Case-Szenario“ im 16-Seiten-Papier mit dem Titel „Nachhaltige Strategien gegen die Covid-Pandemie in Deutschland im Winter 2021/2022.“ Es muss also etwas passieren, wenn die Corona-Lage in Deutschland sich verbessern soll. Doch nicht jede Maßnahmen oder Einschränkung hat nach den Modellierungen der Wissenschaftler einen nachhaltigen Effekt.

Das zweite Szenario „Die Belastung des Gesundheitssystems“ geht davon aus, dass Maßnahmen, wie AHA+LA sowie 2G/3G getroffen werden, wenn das Gesundheitssystem überlastet ist. Es weitere lokale Einschränkungen gibt, die aber dann wieder gelockert werden. Das Infektionsgeschehen würde sich stabilisieren, aber die Inzidenz noch eine Weile hoch bleiben.

„Je schneller man also boostert, desto früher kann die Welle gebrochen werden“ 

„Boostern ist eine sehr wirksame Maßnahme zum Brechen der aktuellen Welle“ - so das Fazit im Szenario „Impf- und Booster-Offensive”. Das Impftempo in Deutschland müsste dafür allerdings deutlich anziehen. „Je schneller man also boostert, desto früher kann die Welle gebrochen werden“. Bis Weihnachten müssten in Deutschland 50 Prozent geboostert sein. Eine generelle Impfpflicht lehnen die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Strategie-Papiers ab. Zögerlicher Menschen würde sie eher abschrecken und überzeugte Impfgegner auch nicht erreichen.

Viola Priesemann gibt sich mit ihrer Prognose zu Weihnachten optimistisch: „Ich hoffe, dass wir nicht an den Grenzen der Intensivstationen sind und regionale Einschränkungen haben. 50 Prozent der Boosterimpfungen und die vierte Welle gestoppt haben.“

Lockdown-Alternative nennt sich „Notschutz-Schalter“

Wenn das nicht gelingt, gibt es einen Vorschlag im Strategie-Papier: den „Notschutz-Schalter“. Der Begriff steht für ein zwei Wochen langes Herunterfahren - einen Lockdown, der gut angekündigt und vorbereitet werden sollte. Dabei appelliert Priesemann an die Solidarität für die Menschen, die auf Intensivstationen arbeiten. Der „Notschutz-Schalter“ habe nach Ansicht der Forschenden einen bremsenden Effekt.

„Es entlastet in den nächsten Wochen die Intensivstationen und Kontaktnachverfolgungen. Das bringt Luft rein“, so Priesemann. Am besten wäre es ihrer Auffassung nach jetzt schon zu sagen: „Wenn wir das bis dahin nicht im Griff haben, sagen wir es reicht und machen das.“

2G, 3G, Boosterimpfungen, Tests - doch was hilft wirklich gegen den explosionsartigen der Corona-Infektionszahlen. Der Charité-Virologe Christian Drosten zeichnet ein wenig optimistisches Bild. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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