Rätsel um Ansteckungswege

Corona-Übertragung etwa doch nicht über Aerosole? Forscher bringen Erkenntnis erneut ins Wanken

  • Tanja Koch
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Weltweit warnen Forscher, dass sich das Coronavirus auch über die Atemluft überträgt. Forscher der Universität Harvard bringen die Erkenntnis nun mit einer Meta-Analyse ins Wanken.

  • Bislang galten Aerosole als ein Übertragungsweg des Coronavirus.
  • Weltweit forderten Forscher, dass die Schutzmaßnahmen entsprechend angepasst werden.
  • Forscher aus Harvard bringen die bisherigen Erkenntnisse mit einer Meta-Analyse ins Wanken.

Update vom 24. Juli, 11.07 Uhr: Harvard-Forscher zweifeln die massive Übertragung von Sars-CoV-2 durch Aerosole an (siehe Erstmeldung). Nun gibt eine aktuelle Studie zur Aerosol-Konzentration an verschiedenen Orten Kinobetreibern, die unter strengen Corona-Auflagen leiden, Anlass zur Hoffnung.

Die Aerosol-Menge ist in Kinosälen deutlich geringer als in einem Büroraum, wie die dpa aus einer Studie des Hermann-Rietschel-Instituts der Technischen Universität Berlin zitiert. Die Untersuchung wurde vom Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF) in Auftrag gegeben. Wird im Kino nur geatmet, liege die Zahl der eingeatmeten Aerosole selbst bei einem Film mit Überlänge noch deutlich unter der in einem Büro, in dem gesprochen werde. Grund sei die Lüftungsart in Kinosäalen.

Der HDF fordert deswegen, die Abstandsregelung von 1,50 Metern zu reduzieren, da die Sicherheit der Besucher gewährleistet sei. Nur wenn Kinos ihre Kapazitäten erhöhen können, werde es mehr neue Filme geben, mit denen die Kinos die Krise überleben könnten.

Indessen haben sich mehrere Crew-Mitglieder eines AIDA-Kreuzfahrtschiffs mit dem Coronavirus infiziert. Die Kreuzfahrten sollen dennoch stattfinden.

Coronavirus-Übertragung: Welche Rolle spielen Aerosole? Harvard-Studie kommt zur überraschendem Ergebnis

Erstmeldung vom 22. Juli: Wie das Coronavirus genau übertragen wird, war zu Beginn der Pandemie eher unklar. Zunächst dachten Experten hauptsächlich an die Tröpfcheninfektion als Ansteckungsweg. Zu dieser kann es kommen, wenn Menschen Husten oder Niesen. Die bis zu einem Millimeter großen Tröpfchen sind recht schwer und fallen spätestens zwei Meter von der infizierten Person entfernt zu Boden.

Doch nach und nach wurde auch der Infektionsweg über Aerosole bekannt. Kurz gesagt bedeutet es, dass das Virus auch über Atem- und Sprechluft übertragen werden kann. Knapp 240 Experten weltweit halten diese Art der Übertragung für sehr relevant. Sie fordern, dass die Schutzmaßnahmen entsprechend angepasst werden. Denn Stoffmasken und ein Abstand von 1,50 Meter würden in diesem Fall nur bedingt helfen. In einem offenen Brief baten sie Gesundheitsbehörden und die Weltgesundheitsorganisation, Aerosole als Übertragsungsweg des Coronavirus anzuerkennen.

Corona-Übertragung: Harvard-Forscher mit neuen Erkenntnissen

Forscher der Harvard Medical School, unter anderem der Infektiologe Michael Klompas, haben die bisherigen Erkenntnisse in einer Meta-Analyse erneut untersucht. Das bedeutet, sie haben die bisherigen Studienergebnisse neu bewertet und analysiert.

Ihr Ergebnis, das sie im "Journal of the American Medical Association" veröffentlicht haben: Dass Coronavirus*-Aerosole in der Luft nachgewiesen werden konnten, ist noch kein Beleg dafür, dass sie zu einer Ansteckung führen. Vielmehr widersprächen Daten in Bezug auf Infektionsraten sogar der These, dass das Virus auch über Atemluft übertragbar sein. „Trotz der diesbezüglich experimentellen Daten sind die Infektionsraten in der Bevölkerung und die Übertragung innerhalb von Gruppen im Alltag nur schwer mit einer aerosolbasierten Ansteckung über größere Distanzen zu vereinbaren“, so die Studie.

Denn die Reproduktionszahl von Sars-CoV-2* lag ohne Schutzmaßnahmen bei 2,5. Das bedeutet, dass 10 Infizierte 25 weitere Menschen anstecken. „Dies entspricht mehr der Grippe als Viren, die sich bekanntermaßen über die Luft verbreiten, wie etwa Masern mit einer Reproduktionszahl von 18“, schreiben die Forscher. „Entweder ist die für eine Infektion nötige Menge an Sars-CoV-2 viel größer als bei Masern, oder Aerosole sind nicht der dominante Übertragungsweg.“

Auch, dass nur etwa fünf Prozent der engen Kontaktpersonen von Infizierten sich mit dem Coronavirus anstecken und dass die Wahrscheinlichkeit von der Dauer und Intensität des Kontakts abhängt, sprächen gegen den Übertragungsweg der Aerosole. Super-Spreading-Fälle, die in Medien große Beachtung erhalten, etwa Chöre, Restaurants oder Großraumbüros, seien eher selten.

Dass ihre Einwände die Übertragung durch Aerosole nicht völlig widerlegen, geben die Forscher zu. Besonders auf schlecht belüftete Räumlichkeiten weisen sie hin, da sich dort die eigentlich nicht ansteckenden Aerosole ansammeln können. Anderenfalls jedoch bewerten die Wissenschaftler den Mindestabstand von 1,5 Metern und das Tragen von Mund-Nasen-Masken für ausreichend. *Merkur.de und tz.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Haben Wissenschaftler endlich einen entscheidenden Durchbruch bei der Corona-Forschung erlangt? Die Ergebnisse mehrerer Studien lassen hoffen. Indessen blamiert sich die Bundesregierung mit der Corona-Warnapp: War sie etwas über Wochen lang kaputt?

Wissenschaftlern ist nun ein Durchbruch in der Erforschung des Ursprungs des neuartigen Coronavirus gelungen.

Rubriklistenbild: © dpa / -

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