Armin Laschet (r, CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, lässt sich im Krankenhaus Bethanien von Thomas Voshaar, Chefarzt der Pneumologie, die Beatmung von Covid-19-Patienten erklären.
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Thomas Voshaar, Chefarzt der Pneumologie, erklärt Armin Laschet (r, CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, die Beatmung von Covid-19-Patienten

Behandlung von Covid

Corona-Behandlung: Lungenarzt erklärt größten Fehler in Deutschlands Krankenhäusern

  • Philipp Fischer
    vonPhilipp Fischer
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Deutschland kämpft mit einer hohen Auslastung der intensivmedizinischen Betten. Ein Arzt aus Nordrhein-Westfalen schlägt eine Alternative zur konventionellen Behandlung vor.

  • Trotz hartem Lockdown ist bisher noch keine Entspannung der Coronakrise* in Deutschland in Sicht.
  • Das RKI* meldete am 23. Dezember für Deutschland so viele Todesfälle mit Covid-19 wie noch nie.
  • Die Zahl der Intensivstationspatienten nimmt weiter zu.

Moers - Obwohl seit vergangenem Mittwoch, 16. Dezember, ein bundesweiter Shutdown gilt, hat sich das Infektionsgeschehen in Deutschland bisher noch nicht entspannt. Viel mehr steigen die Fallzahlen weiterhin im Sieben-Tage-Durchschnitt um circa 25.000 und das RKI vermeldete heute mit 952 Verstorbenen einen neuen Rekord bei den Todeszahlen. Zusätzlich erhalten mittlerweile etwa 5000 mit Sars-CoV-2 infizierte eine intensivmedizinische Behandlung in Deutschland, wovon über die Hälfte künstlich beatmet werden muss. Im Interview mit Focus-Online erklärt der Pneumologe Thomas Voshaar und Chefarzt der Lungenklinik im Krankenhaus Bethanien in Moers, wann eine künstliche Beatmung notwendig wird und welche Alternativen es zu dieser Behandlung gibt.

Bei schwerem Corona-Krankheitsverlauf Künstliche Beatmung in vielen Fällen nicht notwendig.

In deutschen Krankenhäusern werden zurzeit circa 2500 Menschen künstlich behandelt. Der Pneumologe Thomas Voshaar meint, die Beatmung sei in vielen Fällen überflüssig und manchmal sogar kontraproduktiv. Im Interview mit Focus Online erklärt der Lungenarzt: „Fakt ist, dass wir in Deutschland Covid-19-Patienten* viel zu früh künstlich beatmen“. Für schwer erkrankte Patienten sei die künstliche Beatmung zwar eine lebensrettende Maßnahme, aber in vielen Fällen bestehe gar keine Notwendigkeit.

Viel mehr würde durch die künstliche Beatmung der Krankheitsverlauf der Patienten verschlimmert. 50 Prozent der invasiv beatmeten Covid-19-Patienten sterben. „Das ist ein klares Zeichen, dass wir in der Medizin einen anderen Weg gehen müssen“ mahnt Voshaar. Weil das Lungengewebe schon durch die Krankheit beschädigt ist, wird es „durch die Druck- und Scherkräfte sowie hohe Sauerstoffkonzentrationen schnell zusätzlich geschädigt“, erläutert der Pneumologe. Voshaar erklärt weiter, dass die menschliche Lunge weder zu viel Druck noch zu viel Sauerstoff mag. Je mehr jedoch die Funktionsfähigkeit der Lunge eingeschränkt ist, desto mehr Druck und Sauerstoff muss hinzugefügt werden.

Künstliche Beatmung verlängert Aufenthalt in Intensivstationen

Die invasive Beatmung erfolgt durch die Platzierung eines Beatmungsschlauchs. Um diesen über den Mundraum in der Luftröhre zu legen, ist eine Narkose notwendig. Je nach Krankheitsverlauf des Patienten kann die Sedierung anschließend beendet oder muss aufrechterhalten werden. „Gerade für ältere Menschen birgt die Sedierung über einen längeren Zeitraum große Gefahren“, sagt Voshaar. Bei älteren Menschen kann eine Vollnarkose oft zu Kreislaufproblemen, Verwirrtheit oder Muskelschwund führen.

Voshaar argumentiert weiter, dass eine zu frühe invasive Beatmung eines Covid-19-Patienten zu längeren Behandlungszeiten führen kann. „Die Liegezeit auf der Intensivstation verlängert sich durch die Intubation deutlich und verknappt so die Kapazitäten.“ Die Intubation von Patienten dauert im Schnitt zwei bis drei Wochen. Nach der intensivmedizinischen Behandlungen muss der Patient in der Regel noch mehrere Wochen im Krankenhaus bleiben. Die langen Behandlungszeiten führen letztlich zu einer Überlastung der Intensivstationen. Alternativ schlägt Voshaar eine nichtinvasive Beatmung der Patienten vor. „Wir haben in deutschen Lungenkliniken eine hohe Expertise in der Vermeidung der Intubation – gerade bei schweren Lungenentzündungen und einer daraus resultierenden respiratorischen Insuffizienz“, erklärt Voshaar.

Der Arzt setzt vermehrt auf den Einsatz von Antibiotika und einer umfangreichen Diagnostik. Sollte das nicht ausreichen und ein Patient mit einer schweren beidseitigen Lungenentzündung eingeliefert werden, erhalten Patienten Sauerstoff über eine Nasenbrille. „Reicht das aber nicht aus, geben wir Patienten möglichst früh eine Atemmaske, die mit Druckluft das Atmen unterstützt.“ Durch diese Methode habe der Arzt wesentlich kürzere Behandlungszeiten von sechs bis zwölf Tagen erreicht. (phf) *Merkur.de gehört zum Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerk.

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