Intensivmedizin kommt an ihre Grenzen

Corona in Deutschland: Drosten erklärt Worst-Case-Szenario - Intensivmediziner widerspricht direkt

  • vonTim Althoff
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Die Intensivmedizin könnte aufgrund des hohen Corona-Infektionsgeschehens an ihre Grenzen kommen. Christian Drosten erklärt in diesem Zusammenhang das schlimme Szenario einer Triage.

  • Die Coronavirus-Infektionszahlen* sind auf einem Höchststand in Deutschland.
  • Christian Drosten erklärte nun, dass die vielen Neuinfektionen eine „Triage-Situation“ in der Intensivmedizin auslösen können.
  • Intensivmediziner Uwe Janssens kritisierte diese Warnungen am Dienstag stark.

Update vom 7. November, 13.11 Uhr: Erneut sind sich Deutschlands Top-Virologen uneinig. Hendrik Streeck kritisierte Merkels „Lockdown Light“-Strategie. Dafür erhielt er Gegenwind von Christian Drosten.

Update vom 3. November, 15.30 Uhr: Intensivmediziner Uwe Janssens hat die drastischen Prognosen des Virologen Christian Drosten bezüglich einer möglichen Triage auf Intensivstationen stark kritisiert. Drosten hatte im berühmten Coronavirus-Podcast des NDR vor dem schlimmen Szenario einer „Triage-Situation“ gewarnt, also einer Einteilung oder Abwägung der Verletzten, um zum Beispiel nicht ausreichende Beatmungsgeräte an Coronavirus-Patienten zu verteilen und über Leben und Tod zu entscheiden. (siehe Beispiel unten)

Der Rheinischen Post sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens daraufhin am Dienstag: „Herr Drosten ist ein erstklassiger Virologe und einer der wichtigsten Experten, die wir derzeit bei der Pandemiebekämpfung haben. Seine Äußerungen zu einer möglicherweise drohenden Triage in Deutschland kann ich jedoch nicht nachvollziehen und halte sie für unverantwortlich“. Von derartigen Zuständen sei man trotz Personalknappheit weit entfernt, erklärte Janssens weiter, „Indem er auf diese Weise davor warnt, macht er den Menschen unnötige Angst.“

Intensivmediziner kritisiert Triage-Warnungen von Drosten: „unverantwortlich“

Janssens anschließender Satz Drosten* solle sich aus der Diskussion um Kapazitätsengpässe auf Intensivstationen heraushalten, erreichte über Twitter schließlich auch Drosten selbt. Der Star-Virologe äußerte sich allerdings beschwichtigend: „Wahrscheinlich handelt es sich um eine Reaktion von Herrn Janssens auf eine der verkürzten und verzerrten Wiedergaben meiner Äußerungen.“

In seinem Podcast hatte Drosten selbst betont, er habe „nicht direkt Angst“ vor dem Virus verspüre, allerdings „einen ganz schönen Respekt“. Das Triage-Modell hatte er allgemein erklärt, allerdings davor gewarnt, dass es zu solchen Situationen kommen könnte, falls die Infektionszahlen weiterhin im aktuellen Maße steigen würden.

Corona-Welle „läuft mit brutaler Gewalt“: Drosten erklärt Worst-Case-Szenario und macht Hoffnung auf Besserung

Erstmeldung vom 02. November: München - Ab Montag muss sich die deutsche Bevölkerung wieder einem umfangreichen Maßnahmen-Paket gegen das Coronavirus* beugen. Dieses wurde aufgrund eines neuen Höchststandes der Neuinfektionen bis Ende November veranlasst - das Robert-Koch-Institut* vermeldete 95.000 Infizierte in den letzten sieben Tagen. Wie notwendig der „Lockdown light“ tatsächlich ist, hat Christian Drosten nun während eines Vortrags in Meppen, nahe seiner norddeutschen Heimatstadt Lingen, erläutert.

Der Leiter der Virologie in der Berliner Charité hält die aktuelle zweite Welle* für bedrohlicher als die erste. So habe sich das Virus im Frühjahr noch aus Hotspots wie beispielsweise dem Kreis Gangelt entwickelt. Da man in diesen Fällen lokal agieren konnte, sei es leichter gewesen, eine Ausbreitung einzudämmen. Derzeit laufe das Infektionsgeschehen allerdings „drückend und mit brutaler Gewalt“. Es komme von überall her.

Coronavirus: Christian Drosten warnt vor „Triage“-Situation

Dementsprechend warnte Drosten mit Hinblick auf die Intensivmedizin* vor einem schlimmen Szenario. Diese könnte schon in wenigen Wochen überall an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, würde das Infektionsgeschehen anhaltend so hoch sein. Im schlimmsten Fall könnte es sogar zu einer sogenannten „Triage-Situation“ kommen. Anhand eines Beispiels erklärte der Virologe:

„Wir haben auf der Intensivstation einen Patienten, der ist alt und der liegt da seit einer Woche. Der hat eine Überlebenschance von 30 bis 50 Prozent - vielleicht, je nach Situation auch 60 - und dann kommt ein Patient, der ist 35 und hat drei kleine Kinder und der hat die gleiche Krankheit und der hat einen schweren Verlauf und wenn Sie den nicht jetzt an ein Beatmungsgerät anschließen, dann ist er übermorgen tot. Das wissen Sie als Intensivmediziner. Was machen Sie? Sie müssen einen der älteren Patienten abmachen. Das ist, was Triage bedeutet.“.

Coronavirus: Christian Drosten macht vorsichtig Hoffnung auf einen Impfstoff

Aus diesem Grund hätte die Bundesregierung die Maßnahmen, also eine „gesellschaftlich notwendige Intervention“, einberufen, die wir jetzt hätten.

Trotzdem betonte Drosten, dass er „nicht direkt Angst“ vor dem Virus verspüre, allerdings „einen ganz schönen Respekt“. „Das ist eine Krankheit, die ich nicht haben will“. Immerhin: Der 48-Jährige machte auch Hoffnung auf einen Impfstoff*. „Ich denke schon, dass es Anfang des Jahres zu ersten Zulassungen kommen kann - international, vielleicht sogar auch in Europa und in Deutschland.“ Es würde allerdings dauern, bis die Bevölkerung im Großteil geimpft werden könne. Erst im Sommer könnte es eine ausreichende Menge des Stoffs geben. (ta) *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa-pool/dpa

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