Sinkende Zahlen trotz Lockerungen

Inzidenz-Trend in Delta-Hotspots auf einmal rückläufig - Experten erklären die Hintergründe

  • Christina Denk
    VonChristina Denk
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England hat fast alle Corona-Beschränkungen aufgehoben - und die Inzidenzen sinken. Auch in anderen Delta-Hotspots gibt es ähnliche Verläufe. Experten erklären, warum dennoch Vorsicht geboten ist.

London - Weniger Coronavirus-Beschränkungen und dennoch sinkende Inzidenzen? Ein Trend der aktuell unter anderem in Großbritannien zu beobachten ist. Premierminister Boris Johnson hatte zum sogenannten Freedom Day fast alle Maßnahmen in England gelockert - trotz hoher Infektionszahlen und Delta-Hotspot. Doch der Trend scheint sich aktuell umzukehren. Die Zahlen sinken seit einigen Tagen wieder. Ähnliche Entwicklungen sind in Portugal oder der Niederlande zu beobachten. Ein Zeichen für Herdenimmunität? Nicht ganz, warnen Experten.

Sinkende Inzidenzen in Großbritannien trotz Lockerungen und Delta - Experte erklärt die Hintergründe

44.051 Neuinfektionen und eine 7-Tage-Inzidenz von 489,3 verzeichnete Großbritannien noch am 21. Juli. Eine Woche später, am 28. Juli, war die Inzidenz laut corona-in-zahlen.de nur noch bei 337,5. Immer noch eine sehr hohe Anzahl der Neuinfektionen, wenn man es beispielsweise mit Deutschland vergleicht (Inzidenz 28.7: 15,0). Der Trend scheint jedoch rückläufig zu sein.

Kit Yates, mathematischer Biologe an der Universität von Bath, hat eine Erklärung dafür. Auch für ihn sei die rückläufige Entwicklung zunächst unerwartet gewesen. Auf Twitter führt er zahlreiche Gründe für den Rückgang auf. Das gute Wetter könnte eine Rolle spielen. Die Infektionsgefahr ist im Freien auch bei Delta geringer als in Innenräumen. Zudem gäbe es aktuell einen Rückgang der Testungen. „Wir wissen, dass die Testcenter mit hohen Infektionszahlen zu kämpfen haben“, so Yates auf Twitter. Zudem würden sich weniger Menschen testen lassen. Urlaubsreisen spielten eine Rolle, der Druck einiger Arbeitgeber oder der Aspekt, dass „Covid Infektionen normaler wären und Menschen sich entscheiden, sich nicht testen zu lassen.“

Sinkende Inzidenzen im Delta-Hotspot Großbritannien: Ausgerechnet den „Freedom Day“ sehen Experten als Grund

Auch der „Freedom Day“ ist eine mögliche Erklärung der aktuellen Entwicklungen. Jedoch anders als erwartet. Aufgrund der Lockerungen und hohen Infektionszahlen ist es durchaus denkbar, dass die Bevölkerung sich aktuell vorsichtiger verhält, mutmaßt auch Epidemiologe Timo Ulrichs.

In London dürfen die Clubs wieder öffnen. Trotz der Lockerungen sind die Inzidenzen derzeit rückläufig

Wichtig zu erwähnen ist hier auch: Die Infektionszahlen entwickeln sich nicht überall gleich in Großbritannien. Den stärksten Rückgang der Infektionen verzeichnet Schottland. Doch Schottland, Wales und Nordirland machen ihre eigenen Maßnahmen und sind aktuell noch vorsichtiger.

Delta-Hotspots: Sinkende Inzidenzen auch in Portugal, Russland und der Niederlande - Doch Freude ist nicht von langer Dauer

Auch Portugal, Russland und die Niederlande verzeichnen seit einigen Tagen sinkende Corona-Zahlen, wie es unter anderem das Dashboard zeigt (siehe unten). Alle drei gelten laut dem RKI als Hochinzidenzgebiete. Portugal und Russland zählten bereits Anfang Juli zu den Delta-Hotspots. Doch auch hier gibt es eine logische Erklärung. Sowohl Portugal als auch die Niederlande verschärften zuletzt die Maßnahmen wieder. In Russland lässt sich der leichte Rückgang mit einer langsam steigenden Impfquote erklären. Tombolas und Druck auf Firmen sollen dort die Quote erhöhen.

In Großbritannien, Russland, Portugal und den Niederlanden gehen die Infektionszahlen seit einigen Tagen zurück - trotz Delta.

Doch wie lange wird dieser Rückgang anhalten? Dass diese positive Entwicklung in Portugal als auch in Großbritannien und den Niederlanden von langer Dauer ist, glaubt Epidemiologe Ulrichs nicht. „Ich befürchte, dass die Zahlen nach Reiserückkehr vieler Menschen in diesen Ländern wieder steil nach oben gehen werden und es sich bei dem Knick nur um ein vorübergehendes Phänomen handelt“, sagt er gegenüber dem Focus.

„Es gibt keinen Grund, weshalb die Inzidenz in diesen Ländern quasi von alleine dauerhaft sinkt - vor allem nicht wegen der deutlich ansteckenderen Delta-Variante“, so der Epidemiologe. Nur durch eine hohe Durchimpfung oder Durchseuchung sei dies möglich. Aber dieser Zustand sei bisher weder in Großbritannien noch in den Niederlanden oder Portugal erreicht. In Großbritannien sind derzeit 70,8 Prozent zweitgeimpft. 88 Prozent erhielten eine erste Dose, so die Daten der britischen Regierung.(chd mit dpa)

Rubriklistenbild: © Alberto Pezzali/dpa

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