Unbewusste Verbreitung

Corona-Studie erklärt, wann Ansteckungsgefahr am höchsten ist - Und die Tücke der Delta-Variante

  • Patrick Freiwah
    VonPatrick Freiwah
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Wissenschaftler haben ermittelt, wann die Ansteckungsgefahr mit Corona offenbar am höchsten ist. Die Delta-Mutation würde diesen Effekt nochmal wesentlich beschleunigen.

München - Seit weit über einem Jahr rätseln Mediziner und Wissenschaftler in aller Welt über Abstammung und Beschaffenheit des Coronavirus Sars-CoV-2. Während der Ursprung der Pandemie nach wie vor nicht eindeutig geklärt ist, gibt es zumindest über die Infektionsgefahr neue Erkenntnisse. In einer aktuellen Auswertung erschließen sich diesbezüglich zwei wissenswerte Thesen.

Ob man sich bei einem Corona-Patienten überhaupt ansteckt, hängt demnach massiv davon ab, zu welchem Zeitpunkt der Kontakt stattgefunden hat. Zu der Erkenntnis gelangten Wissenschaftler, deren Studienergebnisse das Fachblatt „JAMA Internal Medicine“ veröffentlicht hat. Die Informationen resultieren aus einer Zusammenarbeit zwischen chinesischen Gesundheitsbehörden der Provinz Zhejiang mit US-Wissenschaftlern, was angesichts der politischen Spannungen beider Länder zumindest überraschend klingt. Untersucht wurde zudem die Frage, ob der Zeitpunkt der Ansteckung mit dem Krankheitsverlauf von Covid-19 in Verbindung steht.

Für die Studie wurde die Ausbreitung von Infektionsketten unter die Lupe genommen, die auf 730 positiven Patienten von Januar bis Juli 2020 zurückgingen. Von diesen Personen seien 46 Prozent leicht und rund 43 Prozent mittelschwer erkrankt gewesen. Gar keine Krankheitssymptome hatten hingegen rund elf Prozent der infizierten Probanden.

Corona-Ansteckung: 730 Infizierte und wem sie das Virus auf welche Art weitergaben

Im Kern der Analyse stand zudem die Frage, inwiefern die erwähnten Infizierten Menschen das Coronavirus weitergegeben haben. Daraus wurden die Daten von insgesamt 8852 Kontaktpersonen der betroffenen Probanden ermittelt. Bei dieser Auswertung ergab sich, dass eine Ansteckung am häufigsten durch folgenden Faktoren erzeugt wurde:

  • Unterhaltungen: 29,9 Prozent
  • Zusammenleben im selben Haushalt: 16,7 Prozent
  • Gemeinsamer Aufenthalt in geschlossenem Raum ohne direkten Kontakt: 15,6 Prozent

Von den Tausenden ermittelten Kontaktpersonen (Medianalter 41 Jahre) infizierten sich 327 (3,6 Prozent) bei den oben genannten Indexpersonen der Studie. Keinerlei Symptome entwickelten davon 61 Personen. Dabei scheint wichtig zu sein, wie schwer der Virus-Übertragende erkrankt: Wie die Forscher nämlich feststellten, würden Betroffene, die mit einem asymptomatischen Corona-Patienten in Kontakt standen, mit höherer Wahrscheinlichkeit einen identischen Verlauf erleben.

Dazu zeigt die Studie, dass die Ansteckungsgefahr durch Menschen mit Corona-Symptomen um ein vierfaches höher ist, als wenn Infizierte ein mildes Erscheinungsbild aufweisen. Man kann sich mit dem Coronavirus anstecken, ohne es zu bemerken. Der Krankheitsverlauf von Covid-19 kann nicht nur schwach sein, manchmal fehlt er ganz.

Corona-Infektion: Wann die Ansteckungsgefahr am höchsten ist

Die Wissenschaftler fanden heraus, wann das Ansteckungsrisiko für Kontaktpersonen besonders hoch war: Die Gefahr sei im Zeitraum von zwei Tagen vor Beginn der Symptome bis drei Tage danach am deutlichsten. Besonders häufig sei es am ersten Tag der auftretenden Symptome zu einer Weiterverbreitung von Sars-CoV-2 gekommen. Das gilt der Studie nach übrigens unabhängig von Alter, Geschlecht oder weiterer Parameter im Hinblick auf den körperlichen Zustand.

„Diese Ergebnisse haben wichtige Auswirkungen auf das Verständnis der Übertragungsdynamik von Corona“, lautet ein Fazit der wissenschaftlichen Auswertung. Betont wird die Erkenntnis, dass die Infektionsgefahr zwei Tage vor Eintreten der Symptome offenbar am höchsten sei. Im weiteren Verlauf der Erkrankung würde die Bedrohung angeblich spürbar reduziert.

Corona-Schutzmaske: Wissenschaftler haben die Ansteckungsgefahr von Sars-CoV-2 untersucht (Symbolbild).

Corona-Infektion: Warum Delta perfider sein soll, als frühere Virusvarianten

Eine weitere Studie aus China kommt übrigens zu einem ähnlichen Ergebnis - und führt die Entwicklung offenbar auf die grassierende Corona-Delta-Variante zurück. Es wird die These geäußert, dass frühere Ausprägungen eine kürzere Zeitspanne zwischen Infektiosität und dem Beginn der Symptome hatten.

Nun aber würden rund drei Viertel der Übertragungen der Delta-Variante schon früher vor Beginn der Symptome stattfinden, schreiben die Studienautoren von der Universität Hongkong. Wodurch entsteht dann die erhöhte Ansteckungsgefahr? Infizierte wissen und spüren noch nichts von ihrem positiven Zustand und geben daher schneller das Virus weiter, weil noch nicht entsprechende Maßnahmen ergriffen wurden. Ob daher eine dritte Corona-Impfung im Herbst für alle sinnvoll ist, verrät 24vita.de*.

Derweil betrifft die aktuelle, vierte Corona-Welle vor allem zwei Personengruppen, wie das RKI schildert. *24vita.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA (PF)

Rubriklistenbild: © Michael Weber/Imago

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