Er nennt Spanien als Vergleichs-Land

Virologe Christian Drosten blickt dem Sommer 2021 mit Sorge entgegen - und hat eine „schlimme Befürchtung“

  • Hannes Niemeyer
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In Deutschland hoffen viele auf ähnlich niedrige Corona-Fallzahlen im Sommer wie im vergangenen Jahr. Virologe Christian Drosten sieht jedoch genau für diese Jahreszeit eine Gefahr.

  • Viele Menschen in Deutschland hoffen, dass die Neuinfektionszahlen mit dem Coronavirus im Sommer erneut drastisch sinken.
  • Christian Drosten hingegen hat ausgerechnet für die warme Jahreszeit eine „schlimme Befürchtung“.
  • Der Virologe spricht sogar von im schlimmsten Fall 100.000 Neuinfektionen pro Tag.

Berlin – Der aktuelle Trend der Corona-Zahlen in Deutschland gibt vorsichtigen Grund zur Hoffnung. Es scheint, als würden die Lockdown-Maßnahmen sich so langsam immerhin ein wenig auszahlen. Besonders der erfolgte Impfstart und das wärmere Wetter ab dem Frühjahr stimmen viele Menschen hoffnungsvoll, dass die Zahlen weiter sinken werden.

Also alles wieder „normal“ ab dem Frühjahr? Schließlich waren die Neuinfektionszahlen im Sommer 2020 auch verhältnismäßig niedrig. Christian Drosten von der Berliner Charité bremst die Euphorie aber. Der Virologe, der auch der Expertenrunde angehörte, die die Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin Angela Merkel vor ihrer Zusammenkunft am Dienstag beraten hat, blickt der wärmeren Jahreszeit nämlich mit großer Sorge entgegen.

Corona in Deutschland: 100.000 Fälle pro Tag im Sommer? Christian Drosten hat „schlimme Befürchtung“

Im Interview mit dem Spiegel sprach Drosten über die sogenannte „Zero-Covid-Strategie“. Diese sieht vor, die Neuninfektionen möglichst gegen Null zu senken. Für Drosten wäre dies ein absolut erstrebenswertes Ziel. „Vor allem, weil ich schlimme Befürchtungen habe, was sonst im Frühjahr und Sommer passiert“, erzählt er.

Seine große Besorgnis hat auch mit der Impf-Kampagne zu tun. Drostens Angst: Sobald ein großer Teil der Alten sowie der Risikogruppe durchgeimpft ist, „wird ein riesiger wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, politischer und vielleicht auch rechtlicher Druck entstehen, die Corona-Maßnahmen zu beenden“. Dann würden sich innerhalb kürzester Zeit wieder deutlich mehr Leute mit dem Virus infizieren, als man sich das aktuell vorstellen könne, sagt er. „Dann haben wir Fallzahlen nicht mehr von 20.000 oder 30.000, sondern im schlimmsten Fall von 100.000 pro Tag“, malt er ein echtes Schreckensszenario, wie auch wa.de berichtet.

Zwar würden sich in diesem Falle dann vorrangig jüngere Menschen anstecken, die bekanntlich seltener schwer durch das Virus erkranken. Volle Intensivstationen und eine hohe Todeszahl wären trotzdem vorprogrammiert. „Dieses Szenario könnten wir etwas abfedern, wenn wir die Zahlen jetzt ganz tief nach unten drücken“, stellt Drosten klar.

Christian Drosten sieht „einmalige Gelegenheit“, Virus-Mutation in Deutschland einzuschränken

Also auch keine Hoffnung auf niedrigere Fallzahlen ab dem Sommer, wie im vergangenen Jahr? „Ich denke nicht“, sagt Drosten im Spiegel-Gespräch. Er denke, der Sommer sei im letzten Jahr so milde verlaufen, da die Zahl der Infizierungen mit dem Coronavirus in Deutschland im Frühjahr zuvor unter einer kritischen Schwelle geblieben sei. Inzwischen sei dies aber nicht mehr der Fall. „Ich fürchte, jetzt wird es eher so sein wie in Spanien, wo im Sommer die Fallzahlen nach Beendigung des Lockdowns schnell wieder gestiegen sind, obwohl es sehr heiß war“, so Drosten.

Für den Virologen ist es daher zentral, dass der R-Wert weiter gesenkt wird. Es sei zwar gut, dass der Wert in Deutschland mittlerweile wieder unter 1 liege. Drosten hofft aber, dass man durch die am Dienstag beschlossene erneute Verschärfung des Lockdowns auf einen Wert von unter 0,7 kommen könne. Dann gäbe es nicht nur Hoffnung auf Lockerungen. Auch im Kampf gegen die Verbreitung der gefährlichen Corona-Mutation B.1.1.7, die mittlerweile in Deutschland angekommen ist, würde man sich damit einen Vorsprung verschaffen. „Ich glaube, dass jetzt noch die einmalige Gelegenheit besteht, die Verbreitung dieser Variante bei uns zu verhindern oder zumindest stark zu verlangsamen“, macht Drosten in diesem Punkt Mut.

Christian Drosten über neue Lockdown-Maßnahmen: Kritik an Homeoffice-Regelung

Ob die Verschärfungen dafür reichen, wird sich zeigen. Für Drosten ist jedenfalls klar, dass man im Punkt Homeoffice „sicherlich noch mehr“ hätte machen können. Außerdem würde er gerne eine größere Unterstützung sozial benachteiligter Bevölkerungsgruppen sehen. Dort breite sich das Virus laut Drosten häufig schneller aus, da teils viele Menschen in beengten Verhältnissen leben oder Berufe ausüben, in denen Homeoffice nicht problemlos umsetzbar ist. „Ich glaube, da kann man noch viel bewirken“, sagt der Virologe. (han)

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