Menschenmassen mitten in der Corona-Pandemie: Frankfurt am Main am 1. April 2021.
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Menschenmassen mitten in der Corona-Pandemie: Frankfurt am Main am 1. April 2021.

„Selbst wenn die große Mehrheit ...“

Mathematiker rechnet bitteren Mechanismus vor - Wie wenige Infizierte viele Menschen mit Corona anstecken

  • Patrick Mayer
    vonPatrick Mayer
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Wenige Corona-Infizierte stecken viele Menschen mit dem Coronavirus an. Diese These vertritt in der Covid-19-Pandemie in Deutschland ein Wissenschaftler aus Stuttgart.

München/Stuttgart - Wahrscheinlichkeiten und Gefahren rund um das Coronavirus lassen sich durchaus mathematisch berechnen. Zumindest gibt es solche Ansätze in der Corona-Pandemie in Deutschland, um das schier Unbegreifliche greifbarer zu machen.

Die neueste mathematische These kommt just aus Stuttgart, der Stadt, in der Corona-Leugner ohne Mundschutzmasken und Abstandsregeln am Samstag (3. April) für mächtig Aufregung sorgten. An der Universität der Landeshauptstadt Baden-Württembergs lehrt Professor Christian Hesse im Fach Mathematik.

Corona-Pandemie in Deutschland: Gefahr der Ansteckung mit dem Coronavirus ist in Innenräumen größer

Hesse sagt mit Blick auf die Corona-Neuinfektionen und die Covid-19-Zahlen: „Selbst wenn sich die große Mehrheit vorbildlich verhält, bedeutet das nicht, dass der Anstieg der Fallzahlen gebremst wird.“ Seine These begründet der Wissenschaftler mit dem sogenannten Paretoprinzip. Als Grundlage seiner Wahrscheinlichkeitsrechnung nimmt er Ansteckungen in geschlossenen Innenräumen.

„Der Unterschied zwischen drinnen und draußen ist tatsächlich sehr gravierend. Also draußen in demselben Setting ist die Wahrscheinlichkeit nur ein Zwanzigstel der Wahrscheinlichkeit, die sie drinnen wäre“, erklärt Hesse im Gespräch mit Welt.de (hinter einer Bezahlschranke): „Mit anderen Worten: Ein Treffen in Innenräumen führt mit 20 Mal größerer Wahrscheinlichkeit in demselben Setting zu einer Ansteckung als wenn es draußen stattfindet.“

Corona-Infektionen in Deutschland: Auf das Virus anwendbar? Das besagt das Paretoprinzip

  • Paretoprinzip: auch 80-20-Regel genannt
  • Benannt nach: Ökonom Vilfredo Pareto (Italien)
  • Definition: Mit 20 Prozent des Aufwandes erreicht man meist 80 Prozent des Ergebnisses. Für 20 Prozent des restlichen Ergebnisses bräuchte man 80 Prozent des Aufwandes.
  • Corona-Beispiel laut Mathematiker Hesse: 80 Prozent der Coronavirus-Neuinfektionen (unter anderem in Deutschland) lassen sich auf 20 Prozent der Infizierten zurückführen.
  • Schlussfolgerung von Hesse: 20 Prozent der mit Corona Infizierten genügen, um weitere 80 Prozent an Menschen mit dem Coronavirus anzustecken - unter bestimmten Bedingungen.

Quelle: youtube, Wirtschaft einfach erklärt, Stand 4. April 2021

Damit nicht genug: Laut Hesse steckt ein vergleichsweise geringer Teil der Infizierten, etwa 20 Prozent, den Großteil der Infizierten, etwa 80 Prozent, mit dem Virus an. Er geht genauer aufs Paretoprinzip ein, das auch 80-20-Regel genannt wird.

Corona-Infektionen in Deutschland: Mathematik-These - wenige stecken viele mit dem Coronavirus an

„Damit meine ich, selbst wenn sich die große Mehrheit der Menschen vorbildlich verhält in dem Sinne, wie es von den Verordnungen vorgesehen ist, also Kontaktvermeidung und so weiter, dann bedeutet das nicht, dass der Anstieg der Fallzahlen gebremst und letztendlich umgekehrt wird“, sagt der Stuttgarter Mathematiker, „weil die Welle richtet sich nicht nach der Mehrheit der Bevölkerung, sondern tatsächlich befolgt sie das sogenannte Paretoprinzip“.

20 Prozent der Infizierten sorgen für 80 Prozent der Neuinfektionen.

Christian Hesse, Professor für Mathematik in Stuttgart

Der Theorie zufolge verursachen zum Beispiel 20 Prozent der Autofahrer 80 Prozent der Verkehrsunfälle, 20 Prozent der Käufer würden für 80 Prozent der Umsätze einkaufen. „Und so ist es auch in der Pandemie: 20 Prozent der Infizierten sorgen für 80 Prozent der Neuinfektionen“, meint der Wissenschaftler weiter.

Coronavirus-Pandemie in Deutschland: Mathematiker aus Stuttgart vermutet „Intensivspreader“

Insofern komme es nicht auf das mehrheitliche Verhalten an, „sondern viel mehr auf das Verhalten dieser kleinen Minderheit von Intensivspreadern, die die Pandemie anfangen“, sagt er.

Doch was ist die Lösung, um dieser Ausgangslage in der Corona-Pandemie entgegenzuwirken? Laut Hesse gibt es darauf nur eine Antwort: das Impfen.

„Das Impftempo hat eine gewisse Zeit stagniert. Jetzt hat es wieder ein bisschen an Fahrt aufgenommen. (...) Das Tempo müsste tatsächlich verdoppelt werden, um bis Oktober Herdenimmunität zu erreichen“, rechnet Hesse vor und erklärt: „Und die besteht darin, dass 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung immunisiert sind. Erst dann kann man erwarten, dass das Leben wieder eine Art von Normalität annehmen wird für uns alle.“ Und nicht mehr vergleichsweise wenige relativ viele anstecken. (pm)

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