Ein Mund- und Nasentschutz liegt im Unterricht in einem Geographie-Seminar in der Jahrgangsstufe elf am staatlichen Gymnasium Trudering auf einem Weltalas, während im Hintergrund die Schülerinnen und Schüler mit Mund- und Nasenschutz zu sehen sind.
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Wie ergeht es Kindern und Jugendlichen während der Corona-Krise? Mehrere Studien zeichnen ein schlechtes Bild.

Die Auswirkungen von Lockdown & Co.

Corona-Auswirkungen: Ärztin erklärt, wer wirklich „die größten Verlierer dieser Krise“ sind

  • Andreas Schmid
    vonAndreas Schmid
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Die Corona-Auswirkungen machen sich innerhalb vieler Bevölkerungsgruppen bemerkbar. Kinder und Jugendliche müssten allerdings zu den „größten Verlierern der Krise“ gezählt werden, wie eine Ärztin verdeutlicht.

München - „Kinder und Jugendliche haben einfach keine Lobby. Wenn sie schlau wären, dann würden sie ihr Taschengeld zusammenlegen und einfach einen eigenen Lobbyisten einkaufen.“ Diese Worte wählte Christian Ehring, Moderator des ARD-Satiremagazins Extra 3, zuletzt in einer seiner Sendungen. Gerade in Zeiten der Coronakrise drohen die jüngsten der Gesellschaft zu den großen Verlierern zu avancieren.

Corona und Kinder: „Die Lebensqualität hat sich im Verlauf der Pandemie weiter verschlechtert“

Vorweg, Kinder und Jugendliche zählen zu den Menschen, die die geringsten gesundheitlichen Schäden von Covid-19 davontragen. Im Gegensatz zu den bekannten Risikogruppen und der älteren Bevölkerung sind sie auf den ersten Blick weniger stark vom Coronavirus betroffen - auch wenn sie nach aktuellen Studien immer häufiger mit dem Coronavirus infiziert sind. Dass dennoch keineswegs alles in Ordnung ist, verdeutlichen immer mehr besorgniserregende Zahlen. Expert:innen warnen zusehends vor den Folgen abseits der Gesundheit.

Laut einer Studie der Uniklinik Hamburg-Eppendorf aus dem Februar 2021 leidet mittlerweile fast jedes Kind an psychischen Auffälligkeiten. Sorgen und Ängste hätten noch einmal zugenommen und auch depressive Symptome seien vermehrt zu beobachten. „Die Lebensqualität und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat sich in Deutschland im Verlauf der Corona-Pandemie weiter verschlechtert“, heißt es in einem Statement der Studienleiterin Ulrike Ravens-Sieberer. Insbesondere Kinder aus sozial schwächeren Familien seien von den Auswirkungen von Lockdown, Homeschooling & Co. betroffen.

Kinder in Corona-Zeiten: mehr Handy, weniger Bewegung

Das permanente Aufeinandersitzen in teils ohnehin prekären Wohnungsverhältnissen erhöhe außerdem die Gefahr, dass Kinder Opfer von Gewalt in den eigenen vier Wänden werden. Die Verdachtsfälle auf Kindesmisshandlung sind laut Gewaltschutzambulanz der Charité im ersten Halbjahr 2020, also nach dem ersten harten Lockdown, um 23 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Aktuelle Zahlen liegen noch nicht vor.

Wegen Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen würden viele Kinder zudem weniger Sport betreiben und stattdessen mehr Zeit vor digitalen Medien verbringen. Wie der Suchtforscher Rainer Thomasius jüngst im Deutschlandfunk erklärte, verbringen Kinder und Jugendliche im Schnitt 75 Prozent mehr Zeit vor dem Bildschirm als in Vor-Corona-Zeiten. Fünfeinhalb Stunden unter der Woche, am Wochenende sogar mehr als sieben. Pikant: Digitaler Unterricht ist hier noch gar nicht mitgerechnet.

Corona und Kinder: „Sie sind die größten Verlierer dieser Krise“

Laut einer Studie des Münchner Zentrums für Ernährungsmedizin wirkt sich die mangelnde Bewegung auch auf die Gesundheit der Kinder aus. Neun Prozent hätten im Laufe der Pandemie an Gewicht zugenommen. Folgeerkrankungen würden dadurch wahrscheinlicher werden. Dabei sei die aktuelle Gesundheitsversorgung momentan ohnehin schon angespannt. „Wir beobachten zum Beispiel, dass Kinder mit chronischen Krankheiten wie Diabetes, Asthma, Epilepsie oder Herzproblemen in der Krise ärztlich weniger intensiv begleitet werden und ihre Krankenlast zunimmt“, berichtet Dr. Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, der Apotheken Umschau.

Die Göttinger Kinderäztin Dr. Tanja Brunnert vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte kommt daher in der Apotheken Umschau zu einem bedrückenden Fazit: „Kinder sind die größten Verlierer dieser Krise - ihre Bedürfnisse sind teilweise völlig aus dem Blick geraten.“

Corona: „Distanzunterricht geht allen an die Substanz“

Die Lobby für Kinder scheint gering. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD), qua Amt auch für die Jugend zuständig, schien sich lange Zeit nur wenig Gehör in Berlin verschaffen zu können. Im Februar sprach sie sich dann offensiv für eine schrittweise Öffnung der Kitas und Schulen aus, da die Folgen des Dauerlockdowns für die Kleinsten „so gravierend sind.“ Zudem betonte die SPD-Politikerin: „Kinderschutz ist auch Gesundheitsschutz.“

Die im Februar durchgeführten, mittlerweile teils wieder gekippten Schulöffnungen, verteidigte Giffey damals deutlich: „Man kann die Kinder nicht noch viel länger zu Hause lassen, weil sonst der Kinderschutz und das Kindeswohl in Gefahr sind.“ Wie eine Grundschullehrerin aus dem Landkreis München im Gespräch mit Merkur.de erklärt, beobachte sie in ihrer Klasse zusehends negative Folgen des Distanzunterrichts - Konzentrationsschwächen, aber auch soziale Kompetenzen. Durch den ausgebliebenen persönlichen Kontakt hätten die Kinder Eigenschaften wie Teilen oder Hilfsbereitschaft verlernt. „Da gehen gewisse Werte verloren“, meint die junge Lehrerin. „Distanzunterricht geht allen an die Substanz.“ (as)

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