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„Die Aussage ist nicht haltbar“: Corona-Risiko bei Kindern - Lauterbach korrigiert sich

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Von: Andreas Schmid

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Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) sorgt sich um die Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus.
Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) sorgt sich um die Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus. © Kay Nietfeld /dpa

Karl Lauterbach hat seine Einschätzung zur Gefahr der Delta-Variante für Kinder angepasst. Gegenüber Merkur.de widersprechen die britische Gesundheitsbehörde sowie die Stiko dem SPD-Politiker.

Corona: Stiko reagiert auf Lauterbach-Kritik - „die Aussage ist nicht korrekt“

Update vom 1. Juli, 21.43 Uhr: Karl Lauterbach hatte angesichts der sich rasant ausbreitenden Delta-Variante angeregt, die Impfempfehlung bei Kindern zu überdenken (siehe Erstmeldung). Die dafür zuständige Ständige Impfkommision (Stiko) hält von diesem Vorschlag jedoch wenig, wie Stiko-Vorsitzender Dr. Thomas Mertens gegenüber Merkur.de deutlich macht.

Lauterbach hatte die Einschätzung der Stiko kritisiert: „Die Ständige Impfkommission argumentiert, dass Covid für Kinder harmlos sei. Für die Delta-Variante gilt dies meiner Ansicht nach aber nicht.“ Mertens ist dahingehend jedoch anderer Meinung: „Die Aussage von Herrn Lauterbach ist nicht korrekt. Es gibt derzeit keinen wissenschaftlichen Nachweis einer höheren Pathogenität der Delta-Variante für Kinder in der EU.“ Unter Pathogenität versteht man die Fähigkeit eines Krankheitserregers wie eines Virus, Krankheiten auszulösen. Keine höhere Pathogenität bedeutet damit, dass die Delta-Variante bei Kindern kein höheres Risiko hervorruft.

Mertens beruft sich auf Studien aus Großbritannien, welche „keine derartige Interpretation“ erlauben würden, stellt aber klar: „Die Stiko verfolgt alle neuen Daten fortlaufend genau und bewertet diese. Derzeit ergibt sich kein Grund für eine hastige Änderung der bestehenden Empfehlung.“ Gerade bei Entscheidungen über den Umgang mit Kinder sollte man sensibel sein. „Viele Maßnahmen, die im Zusammenhang mit Kindern und Schule beziehungsweise Gemeinschaftseinrichtungen getroffen werden, sollten unbedingt evidenzbasiert sein. Wie die pädiatrischen Fachgesellschaften halten wir die Herstellung einer Verbindung zwischen Impfung und Schulbetrieb für inhaltlich nicht begründet.“

Auch führende Kinder- und Jugendärzte halten den aktuellen Kurs der Stiko für angemessen. „Wir Kinder- und Jugendärzte folgen der Einschätzung der Ständigen Impfkommission. Diese hat prinzipiell die Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren nur bei bestimmten Vorerkrankungen empfohlen“, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Jörg Dötsch, der Rheinischen Post

Corona: Lauterbach sah „beunruhigende“ Zahlen aus Großbritannien - Gesundheitsbehörde widerspricht

London - Die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland liegt seit Tagen im einstelligen Bereich. Am Donnerstagmorgen (1. Juli) meldete das Robert Koch-Institut 5,6 Fälle pro 100.000 Einwohnern binnen sieben Tagen. Angesichts dieser niedrigen Fallzahlen scheint die Corona-Lage in Deutschland vergleichsweise entspannt. Experten wie Karl Lauterbach warnen jedoch bereits – aufgrund der sich ausbreitenden Delta-Variante.

Die erstmals in Indien nachgewiesene Virusmutation gilt als ansteckender und grassiert mittlerweile auch in Deutschland. Mindestens jede zweite Corona-Infektion geht nach Angaben des RKI auf Delta zurück. Wie stark die Mutation die Bundesrepublik treffen wird, ist nach derzeitigem Stand unklar. Als mahnendes Beispiel wird jedoch immer wieder Großbritannien herangezogen. Auf der Insel sorgte die Delta-Variante zuletzt für einen deutlichen Anstieg der Fallzahlen – und das obwohl im Vereinigten Königreich nahezu die Hälfte der Bevölkerung doppelt geimpft ist.

Anfang Juni zeigte sich SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach daher besorgt: „Die Daten aus Großbritannien zu Covid bei Kindern sind beunruhigend“, schrieb der Politiker auf Twitter. „Ein Prozent der Covid Kinder müssen ins Krankenhaus. Der Anteil von Kindern bei Krankenhaus-Covid-Patienten steigt. Covid trifft auch Kinder hart. Die Diskussion über Impfungen von Kindern darf nicht ideologisch geführt werden.“

Corona: Stiko rät Kindern nur eingeschränkt zur Impfung

Gegenüber der Rheinischen Post appellierte Lauterbach daher, die Empfehlung für Corona-Impfungen bei Kindern gegebenenfalls zu überdenken und kritisierte, dass die aktuellen Angaben nur für alte Varianten gelten würden. „Für die Delta-Variante gilt dies (das geringe Risiko für Kinder, d. Red) meiner Ansicht nach aber nicht.

Aktuell rät die Ständige Impfkommission (Stiko) zur Impfung bei Kindern, „die aufgrund von Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf der Covid-19-Erkrankung haben.“ In einer aktuellen Stellungnahme schreibt die Stiko am Donnerstag (1. Juli): „Aktuelle Studienergebnisse aus dem Vereinigten Königreich zeigen, dass der Impfschutz in Bezug auf die Verhinderung schwerer Krankheitsverläufe nach abgeschlossener Grundimmunisierung gegenüber der Deltavariante im Vergleich zum Schutz gegenüber anderen Sars-CoV-2-Varianten ähnlich gut ist. Hingegen scheint der Schutz gegenüber der Deltavariante nach nur einer Impfstoffdosis deutlich herabgesetzt zu sein.“

Ob diese Einschätzung Auswirkungen auf die Impfung für Kinder hat, ist unklar. Wie gefährlich die Delta-Variante letztlich für die jüngsten der Gesellschaft ist, scheint ohnehin noch nicht vollends klar. In Großbritannien gingen zuletzt die meisten Covid-Infektionen auf 10-bis 19- sowie 20- bis 29-Jährige zurück, in der Regel haben jüngere Menschen jedoch einen milderen Krankheitsverlauf.

Corona: Britische Gesundheitsbehörde stellt klar - „das Risiko, dass Kinder hospitalisiert werden, nimmt nicht zu“

Auf Anfrage von Merkur.de erklärt die britische Gesundheitsbehörde Public Health England, dass derzeit kein höheres Risiko für Kinder erkennbar ist. „Die Hospitalisierung war bei Kindern während der gesamten Pandemie am niedrigsten. Da die Krankenhauseinweisungen bei älteren Menschen infolge der Impfung zurückgehen, wird die Zahl der Kinder im Krankenhaus einen größeren Anteil an allen Covid-19-Hospitalisierungen ausmachen.“ Aber: „Das Risiko, dass Kinder hospitalisiert werden, nimmt nicht zu.“

An dieser Auffassung änderte auch die Wiederaufnahme des Schulbetriebs nichts. „Das Auftreten der Delta-Variante und die vollständige Wiedereröffnung der Schulen hat nicht zu einem signifikanten Anstieg von Kindern geführt, die ins Krankenhaus eingeliefert werden.“ Denn: „Die überwiegende Mehrheit der Kinder und Jugendlichen, die an Covid-19 erkranken, wird nur sehr leichte Symptome haben und einige werden überhaupt keine Symptome haben.“ Zuvor hatte Lauterbachs Aussagen bereits das Faktenfinder-Team der ARD widerlegt.

Corona: Lauterbach passt Einschätzung an - „Delta für Kinder kein wesentlich größeres Problem“

Gegenüber der Bild-Zeitung ruderte Lauterbach daher etwas zurück und erklärte: „Die Aussage, dass deutlich mehr Kinder mit Corona ins Krankenhaus kommen, hat sich innerhalb der letzten zwei Wochen nicht bestätigt. Die Aussage ist aufgrund der Daten in England nicht haltbar. Gott sei Dank scheint es nicht so zu sein, dass Kinder stärker erkranken, sie erkranken aber häufiger, weil sie nicht geimpft sind.“ Die Delta-Variante würde an dieser Auffassung entgegen früherer Annahmen nichts ändern. „Es hat sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht bestätigt, dass die Delta-Variante für Kinder in Großbritannien ein wesentlich größeres Problem darstellt als die Alpha-Variante.“

Andreas Gassen, Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), kritisierte derweil die Panikmache rund um die Virusmutation. „Ich halte die Debatte derzeit für in Teilen fast schon hysterisch“, sagte Gassen dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Es ist unverantwortlich, immer wieder mit Endzeitszenarien zu operieren.“ Die Delta-Variante dürfte bereits Ende Juli hierzulande die dominierende Mutante werden, sagte der KBV-Chef. „Aber deshalb müssen wir nicht in Panik verfallen.“ (as)

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