Zahlenvergleich zu AstraZeneca

Lockerungen „total irrational“ - RKI-Experte geht auf Merkel-Runde los: „Befeuert das exponentielle Wachstum“

  • Marcus Giebel
    vonMarcus Giebel
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Deutschland hat sich seit dem Corona-Gipfel Anfang März zumindest etwas lockerer gemacht. Ein RKI-Epidemiologe sieht das aber als großen Fehler an und warnt vor den Folgen.

München - Mittlerweile hält der zweite Corona-Lockdown in Deutschland* seit viereinhalb Monaten an. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Da waren die bei der Ministerpräsidentenkonferenz am 3. März beschlossenen Lockerungsschritte eine höchst willkommene Abwechslung nach immer härteren Maßnahmen.

Doch nun könnte sich das Frühlingsgeschenk der politischen Entscheider als fataler Irrtum erweisen. Die Corona-Zahlen, die seit einem Jahr als einzige Währung in der Krise herhalten, steigen wieder rasant an. Mittlerweile liegt die durchschnittliche Sieben-Tage-Inzidenz* - für Angela Merkel und die Länderchefs der wichtigste Wert überhaupt - wieder jenseits der 80. Zum Vergleich: Vor einem Monat vermeldete das Robert-Koch-Institut (RKI)* noch eine Inzidenz von lediglich 59.

Corona-Zahlen steigen wieder: „Sind jetzt genau in der Flanke der dritten Welle“

Aus jener Berliner Bundesbehörde weht der Politik nun heftige Kritik wegen der Lockerungen entgegen. Im Interview mit dem „ARD-Morgenmagazin“ monierte der RKI-Physiker Dirk Brockmann: „Wir sehen jetzt in der Entwicklung der Corona-Zahlen, der Inzidenz, 20 Prozent Zuwachs im Vergleich zur Vorwoche. Das heißt, wir sind genau in der Flanke der dritten Welle. Da gibt es gar nichts zu diskutieren. Und in diese Flanke hinein wurde gelockert.“

Somit sei dieses durch die in Großbritannien* erstmals entdeckte Mutation B1.1.7* exponentielle Wachstum noch einmal beschleunigt worden. An dieser Entwicklung führe nun kein Schritt mehr vorbei, weshalb er mit den politischen Teilnehmern des Corona-Gipfels hart ins Gericht geht: „Das ist total irrational gewesen, hier zu lockern. Das befeuert nur das exponentielle Wachstum und jetzt müssen wir schauen, was die nächsten Tage an Entscheidungen bringen.“

Alles andere als angetan von den Lockerungen im Lockdown: Dirk Brockmann (l.) vom Robert-Koch-Institut warnt vor den steigenden Corona-Zahlen.

Corona-Zahlen steigen wieder: Brockmann plädiert für differenzierte Betrachtung der Regionen

Am kommenden Montag, dem 22. März, sollen auf der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz weitergehende Entscheidungen getroffen werden. Brockmann schlägt schon jetzt vor, eine deutliche größere Differenzierung vorzunehmen: „Die Lösung ist, es regional differenziert zu betrachten. Es gibt Gemeinden, die haben eine Inzidenz von unter zehn, und andere Gemeinden, die haben eine Inzidenz von 300, 400 mittlerweile.“

So würde eine komplette Rückversetzung Deutschlands in den Winterschlaf umgangen werden. Brockmann modelliert beim RKI als Projektgruppenleiter Modelle zur Ausbreitung und Dynamik von Infektionskrankheiten. Damit besteht seine tägliche Arbeit darin, die Entwicklung der Corona-Pandemie zu prognostizieren.

Corona-Zahlen steigen wieder: Plädoyer für weitere Verimpfung von AstraZeneca-Vakzin

Auch wenn es der 51-Jährige in dem Interview nicht explizit sagt: Der einzige Ausweg bleibt die möglichst rasche Impfung. So wirbt er trotz der neuesten Schreckensmeldungen rund um das AstraZeneca-Vakzin für eine weitere Nutzung des Wirkstoffes.

Auch hier greift Brockmann auf Zahlen zurück. So sei der Wirkstoff in Deutschland* bislang 1,7 Millionen mal verabreicht worden. Es seien unter den Geimpften sieben potenzielle Fälle von Thrombosen festgestellt worden. „Wenn sich das bestätigt, sind etwa zehn Prozent dieser Fälle tödlich, also einer von einer Million“, betont der Epidemiologe: „Aber in Deutschland sind mittlerweile 1000 von einer Million Menschen mittlerweile an Covid gestorben*.“

Corona-Zahlen steigen wieder: Sterberisiko durch Covid womöglich 100.000 Mal höher als durch AstraZeneca-Impfung

Deshalb halte er es für „durchaus sinnvoll, den Menschen mal diese Risiken zu veranschaulichen“. Hinzu komme zudem noch der Fakt, „dass in den Risikogruppen das Risiko an Covid zu sterben noch viel, viel höher ist. Das heißt, es wird wahrscheinlich ein Faktor 100.000 riskanter sein, in diesen Gruppen an Covid* zu sterben als durch eine AstraZeneca-Impfung.“

Also sollte der Impfstoff weiter gespritzt werden - denn letztlich tut er genau das, wofür er entwickelt wurde: Corona-Infektionen verhindern und damit Leben retten. (mg) *merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Screenshot ARD

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