Schutz der Risikogruppen

Lockdown-Alternative „irrsinnig“: Virologin lehnt neue Strategie für Deutschland ab

  • Veronika Silberg
    VonVeronika Silberg
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Auf Lockdown verzichten und stattdessen nur auf den Schutz von Risikogruppen setzen? In der neuen Folge des NDR Corona-Podcast lehnt Virologin Sandra Ciesek diese Strategie ab.

  • Im NDR „Coronavirus-Update“ spricht sich Virologin Ciesek gegen eine Risikogruppen-Strategie in Deutschland aus
  • Auch jüngere Menschen sind von Vorerkrankungen und damit einem schweren Corona-Verlauf betroffen
  • Laut einer aktuellen Studie gehören auch Schwangere zur Corona-Risikogruppe

Frankfurt/Hamburg - Viele Deutsche sind frustriert und unzufrieden mit den bundesweit verschärften Schutz-Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus. Besonders Menschen, die selbst keiner Risikogruppe angehören und in deren Umfeld niemand schwer erkrankt oder gar gestorben ist, zweifeln an den harten Beschlüssen. Aber auch einige Wissenschaftler und Ärzte schlagen für Deutschland anstelle eines Lockdowns die sogenannte „Risikogruppen-Strategie“ vor.

Einfach alle Risikogruppen in Deutschland wegzusperren hält die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek allerdings für abwegig und nicht machbar. Die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt wechselt sich im NDR Podcast „Coronavirus-Updatemit ihrem Kollegen Christian Drosten ab. In der neuesten Folge erklärt Ciesek, warum eine solche Strategie nicht umsetzbar ist.

Corona-Podcast: Virologin lehnt Risikogruppen-Strategie ab - Wieviele sind betroffen?

Das Robert Koch-Institut* (RKI) listet Vorerkrankungen auf, die ein Risiko für einen besonders schweren Verlauf des Coronavirus* in Deutschland bergen. Lege man diese RKI-Liste zugrunde, seien das 21,9 Millionen Menschen, so Ciesek. Über ein Viertel der Deutschen hatte demnach mindestens eine der berücksichtigten Vorerkrankungen und somit ein Risiko für einen besonders schweren Coronavirus-Verlauf. „Wenn man sich jetzt mal überlegt was das bedeutet: 21,9 Millionen Menschen sollen geschützt werden vor den restlichen 60 Millionen, dann glaube ich merkt man, wie irrsinnig und wie schwierig das ist.“

Risikogruppe, das seien in Deutschland nicht nur alte Menschen, die eh schon im Pflegeheim sitzen, betont die Virologin im Corona-Podcast. „Alle denken an die alte Oma, die 80 oder 90 Jahre alt ist und den ganzen Tag im Pflegeheim im Bett liegt“. Ein Drittel - 7,3 Millionen Menschen - dieser knapp 22 Millionen seien unter 60 Jahre. Auch junge Menschen um die 20 haben Vorerkrankungen. In einigen Städten oder Gemeinden häufen sich diese Vorerkrankungen besonders, mancherorts gibt laut einer AOK-Studie 43 Prozent Vorerkrankte. „Wie soll es dort gelingen, diese Risikogruppen besonders zu schützen oder zu isolieren?“, fragt Sandra Ciesek.

Virologin warnt im Coronavirus-Podcast vor Vorerkrankungen: Auch Schwangere sind betroffen

Neben Erkrankungen der Atmung, Leber oder Niere nennt die Virologin dabei auch schwangere Frauen als Risikopatienten für einen schweren Coronavirus*-Verlauf. Einer Studie aus den USA zufolge „ist das Risiko bei Schwangeren für einen Krankenhaus-Aufenthalt um den Faktor zwei bis drei höher als bei nicht-schwangeren Frauen in der gleichen Altersklasse“, so Ciesek.

Coronavirus-Podcast: Ciesek gibt Entwarnung - Schwere von Vorerkrankung entscheidend

Trotzdem gibt die Kollegin von Christian Drosten auch Entwarnung. „Man braucht keine Panik zu haben, wenn man schwanger ist. Denn das absolute Risiko ist in der Altersgruppe ja extrem gering.“ Für das heranwachsende Kind im Mutterleib bestehe außerdem keine Gefahr. Bei Menschen mit Vorerkrankungen sei es außerdem schwierig, pauschale Aussagen zu treffen. Schließlich spiele die Schwere der Erkrankung dabei eine immense Rolle.

Auch der RKI-Lagebericht vom Abend zeigt: Die meisten Sterbefälle infolge einer Coronavirus-Erkrankung halten sich über 60. (vs) *Merkur.de ist Teil des deutschlandweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

Rubriklistenbild: © Frank Rumpenhorst/dpa/picture alliance

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