„Wann wollt Ihr reagieren???“

„Dies ist ein Notruf“: Drosten teilt alarmierenden Mediziner-Bericht und richtet Warnung an Merkel und Länder

  • Fabian Müller
    vonFabian Müller
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Der Virologe Christian Drosten machte auf die dramatische Lage auf den deutschen Intensivstationen aufmerksam. Laut Intensivregister steigt die Belegung seit einigen Wochen wieder stetig an.

Berlin - Nicht nur die Zahl der Neuinfektionen steigt seit einigen Wochen wieder, auch die Zahl der Corona-Patienten auf den deutschen Intensivstationen nimmt wieder stark zu. Laut Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, kurz DIVI, werden derzeit 4474 Patienten auf der Intensivstation behandelt, davon müssen 2530 invasiv beatmet werden (Stand: 8. April).

Der wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, schrieb nun auf Twitter an die Entscheidungsträger der Politik und Wirtschaft gerichtet: „Bitte handelt endlich!“ Karagiannidis fragte in seinem Post außerdem: „Wie hoch sollen die Zahlen denn noch steigen bevor Ihr reagieren wollt???“ So werde jede Ausfahrt zur Senkung der Zahlen verpasst. Seinem Post hängte der Mediziner zwei Grafiken an, die seine Aussagen mit Daten belegten.

Corona in Deutschland: Drosten macht auf Lage auf den Intensivstationen aufmerksam: „Dies ist ein Notruf“

Weiter schrieb Karagiannidis: Städte wie Bonn, Bremen und Köln hätten „kaum noch freie Betten“ für den nächsten Herzinfarkt, Verkehrsunfall oder Covid-Patienten. Instabile Patienten könne man nicht einfach dorthin verlegen, wo gerade Platz sei. „Ein freies Bett in Ostwestfalen hilft da NICHT!“

Der Leiter der Virologie der Berliner Charité, Christian Drosten, reagierte ebenfalls auf Twitter auf den Post* von Karagiannidis: „Dies ist ein Notruf“, schrieb der Virologe und machte damit auf die dramatische Lage auf den Intensivstationen der deutschen Krankenhäuser aufmerksam.

In einem Interview mit dem Spiegel sagte Karagiannidis auf den Tweet angesprochen: „Ich bin gar nicht so aufgebracht, eher verzweifelt.“ Die Leute verstünden nicht, was diese dritte Coronawelle für die Krankenhäuser bedeute. Das Personal arbeite seit fast einem Jahr unter Volllast. Nur im vergangenen Sommer habe es eine kurze Verschnaufpause gegeben. „Das halten sie nicht mehr lange aus. Je länger die Überlastung andauert, desto mehr Mitarbeiter werden gehen.“ Er befürchte, viele würden noch gar nicht ahnen, was noch auf uns zukomme nach Corona.

Intensivregister-Leiter Karagiannidis: Es wird Krankenhäuser geben, „die voll sind, und zwar ganz voll“

Zu einem Horror-Szenario, nachdem Personen eine Behandlung im Krankenhaus verweigert werden muss, wird es in Deutschland „ziemlich sicher“ nicht kommen, sagte Karagiannidis. Aber es werde Krankenhäuser geben, „die voll sind, und zwar ganz voll“. Der Mediziner fordert: „Wir müssen mit den Patientenzahlen runter, und zwar so schnell wie möglich. Das können wir momentan nur mit einem harten, konsequenten Lockdown schaffen, der so ähnlich ist wie im vergangenen Jahr um diese Zeit.“

Die Regierung müsse jetzt so schnell wie möglich handeln, sagt Karagiannidis: „Je höher die Fallzahlen steigen, desto länger brauchen wir, bis wir sie wieder runterbringen.“ Je früher die Zahlen wieder unten seien, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass wir im Sommer wieder im Biergarten sitzen können.

Dramatische Lage auf Intensivstationen: Müssen Krankenhäuser wieder auf Notbetrieb umstellen?

Der ehemalige DIVI-Präsident Uwe Janssens sagte am Mittwoch den Sendern RTL und ntv: „Wenn das so weiter geht, werden wir in Kürze auch leider Gottes über 5000 Covid-19-Patienten haben.“ Ab einer Zahl von 5000 bis 6000 Intensivpatienten könne es sein, dass einige Krankenhäuser wieder auf den Notbetrieb umstellen müssten. Berlins Universitätsklinikum Charité kündigte am Donnerstag bereits an, ab kommender Woche wieder die Zahl planbarer Eingriffe zurückzufahren.

Als Nadelöhr bei der Versorgung gilt vor allem die Verfügbarkeit von Pflegepersonal. Die DIVI, die die Belegungszahlen täglich herausgibt, warnt seit vielen Wochen vor den Folgen der hohen Corona-Infektionszahlen und forderte zuletzt einen harten Lockdown. Das Robert Koch-Institut meldete am Donnerstag 20.407 Neuinfektionen mit dem Coronavirus, die Sieben-Tages-Inzidenz beträgt 106. (fmü mit Material der dpa) *fuldaerzeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/AFP

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