Studien in München und Heinsberg laufen

Virologe schätzt Corona-Dunkelziffer in Deutschland - sie wäre höchst besorgniserregend

  • Marcel Görmann
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Über 100.000 Menschen haben sich in Deutschland bereits mit dem Coronavirus infiziert. Die tatsächliche Zahl ist aber noch höher. Sie ist auch entscheidend für die Sterberate.

München - In seinem MDR-Podcast ging Professor Alexander S. Kekulé am Montag auf die mögliche Dunkelziffer bei Corona-Infizierten ein. Derzeit laufen im Raum Heinsberg und in München repräsentative Tests, um herauszufinden, wie viele Menschen sich mit dem Coronavirus infiziert zu haben, ohne es bemerkt zu haben. In München wurden am Sonntag in 3000 zufällig ausgewählten Haushalten Corona-Tests gemacht, wie tz.de* vorab berichtete.

Coronavirus-Dunkelziffer in Deutschland: Darum ist die Zahl so wichtig

Als gesichert gilt, dass sich weitaus mehr als die rund 100.000 bisher positiv getesteten Personen in Deutschland infiziert haben, viele aber kaum Symptome hatten, so dass sie sich nicht haben testen lassen. 

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Entscheidend ist die Höhe der Dunkelziffer für zwei wichtige Fragen: Wie groß ist der Anteil der Bevölkerung, der bereits Antikörper entwickelt hat und somit immun ist - und wie gefährlich ist das Virus tatsächlich. Denn anhand einer realistisch berechneten Anzahl der Fälle, kann auch abgeleitet werden, wie hoch der Anteil derjenigen Patienten ist, die ärztliche Hilfe benötigen oder sogar versterben*. Hat man diese Quote, kann man die Gefährlichkeit des Virus berechnen, wenn sogar mehrere Millionen infiziert werden.

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Bisher gibt es nur wilde Spekulationen über die Höhe der Dunkelziffer. Manche Wissenschaftler halten beispielsweise den Faktor 10 für Deutschland für realistisch. Dann wäre von zehn Infizierten nur einer positiv getestet worden. Die anderen neun hätten entweder keinen Test gemacht oder hätten sogar gar nicht bemerkt, dass sie das Virus in sich tragen. Grundsätzlich gilt: Desto höher die Dunkelziffer, desto besser. Das klingt zunächst paradox, hat aber mit der gewünschten Herden-Immunität und der dann niedrigeren Mortalitätsrate zu tun.

Corona: Studie in Südkorea ergibt besorgniserregende Dunkelziffer

Doch Professor Kekulé nannte nun eine weitaus niedrigere Dunkelziffer, die er für möglich hält. „Ich fürchte, dass die Daten aus Südkorea relativ zuverlässig sind. Südkorea* ist Weltmeister im Testen. (...) Und dort ist es so, dass man von der Größenordnung von 1:3 ausgeht“, sagte Kekulé* nun in seinem Podcast. Eine Dunkelziffer von zwei unentdeckten Infizierten auf einen positiv Getesteten. „Über diese Zahl kann man relativ gut die Sterblichkeit ableiten.“ Kekulé befürchtet, dass wir auch eine ähnliche Quote in Deutschland haben. „Das heißt dann, dass die Sterblichkeit irgendwo bei 0,2 Prozent im Bevölkerungsdurchschnitt liegt. Eins zu 500 so in der Größenordnung.“ Es wäre eine besorgniserregend hohe Quote. Hochgerechnet auf beispielsweise zehn Millionen Infizierte würde das 20.000 Todesopfer bedeuten. 

Corona-Dunkelziffer in einer isländischen Studie bei rund 50 Prozent

Im Podcast wurde auch eine Dunkelziffer-Studie aus Island angesprochen. Diese ergab, dass bislang nur ein Prozent der isländischen Bevölkerung mit dem Coronavirus infiziert wurde. Von diesen Infizierten hatte rund die Hälfte keine Symptome. Kekulé* hält diese Studie jedoch für wenig aussagekräftig. Es habe in Island eine „relativ kontrollierte Einschleppung“ von Ski-Urlaubern gegeben. Der Ausbruch sei ähnlich lokal wie in Heinsberg gewesen. In Deutschland gibt es dagegen viele Herde, verteilt auf das ganze Bundesgebiet. 

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*Merkur.de und tz.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes

Rubriklistenbild: © MDR/dpa/Hendrik Schmidt

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