Helsinki: Die Finnen lieben ihre Sauna. Aber auch Einsamkeit ist eine finnische Urtugend. In Pandemie-Zeiten ist das natürlich ein großer Trumpf
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Helsinki: Die Finnen lieben ihre Sauna. Aber auch Einsamkeit ist eine finnische Urtugend.

Erfolgreichere Strategie

Weniger Corona-Probleme als andere Länder - Wie kommt Finnland so gut durch die Pandemie?

Weniger Tote, weniger Neuinfektionen und offene Cafés in Finnland: Hinter dem Erfolg des nordeuropäischen Landes steckt eine komplexe Corona-Strategie. Es hat auch mit Alleinsein zu tun.

  • Finnland kommt seit Monaten vergleichsweise gut durch die Corona-Pandemie.
  • Was macht die Strategie des skandinavischen Landes erfolgreicher als jene anderer Länder?
  • Die Antwort ist nicht leicht zu finden - es scheint mehrere zu geben. Eine davon: die Mentalität.

Helsinki – Es schneit dieser Tage heftig in Helsinki. In der Fredrikinstraße im angesagten Stadtteil Punavuori kämpft ein Mann damit, sein unter dem Schnee begrabenes Auto freizuschaufeln. Um die Ecke im Green Hippo Café sitzen 40 zumeist junge Gäste ohne Masken. Die Bedienung trägt eine Maske. Auch in den Geschäften am zentralen Esplanadi herrscht reges Treiben. Während in großen Teilen Europas wieder harte Corona-Lockdowns verhängt wurden, herrscht in Finnland eine Art Alltag, der nur mit dem im Sonderwegland Schweden vergleichbar ist. Die Finnen können es sich jedoch leisten.

In kaum einem anderen Land waren Neuinfektions-, Todes- und Intensivstationsbelegungsraten seit Beginn der Pandemie bis jetzt so niedrig wie in Finnland. Die aktuellen Werte der Neuinfektionen liegen im Sieben-Tage-Schnitt bei nur 48 je 100.000 Einwohnern. Auch bei der Covid-Todesrate schneidet Finnland deutlich besser ab. Insgesamt sind dort 114 Menschen je eine Million Einwohner gestorben. In Deutschland starben fast sechsmal so viele Menschen, in Österreich siebenmal so viele und in Schweden zehnmal so viele. In Finnland verliefen beide Corona-Wellen flacher und kürzer als in den meisten anderen Ländern. Wie ist das möglich?

Finnland bewältigt Corona souverän: Timing des Lockdowns ausschlaggebend?

Als die Infektionsrate noch sehr niedrig war, führte die Regierung einen Lockdown durch, der Covid-19 ausbremste. Danach kamen relativ schnell wieder Lockerungen. Im Juli lag die tägliche Neuinfizierten-Rate fast bei null. Bei dem zweimonatigen Lockdown wurden sämtliche Einrichtungen geschlossen, auch die Schulen. Nicht mehr als zehn Personen durften sich treffen. Im weitgehend digitalisierten Land war die Umstellung auf Fernunterricht und Homeoffice ein Klacks. Auch hat Finnland sofort landesweit ausreichend Infektionsschutzmaterial aus seinen umfangreichen Krisenfalllagern verteilen können.

Schon im November des vergangenen Jahres waren die niedrigeren Infektionszahlen in Finnland auffällig:

Zeitweise wurde der gesamte Großraum Helsinki durch Ein- und Ausreiseverbote isoliert. Die finnischen Grenzen waren fast ganz geschlossen. Die niedrigen Infektionszahlen blieben dadurch beherrschbar. Nicht die Härte des Lockdowns, sondern das Timing sei entscheidend gewesen, heißt es vom finnischen Gesundheitsamt. Zudem führt Finnland eine intensive Kontaktverfolgung durch. Eine App namens „Corona Flash“ hilft dabei. Rund die Hälfte der 5,5 Millionen Finnen hat sie auf dem Smartphone. Außerdem wurden mehrere tausend „Corona-Jäger“ für die Kontaktverfolgung ausgebildet. Sie sind sofort einsetzbar. Rund 60 Prozent der Kontaktpersonen wurden so ausfindig gemacht. In Deutschland waren es nur 25 Prozent.

Corona-Strategie von Finnland: Erfolgreiche Ur-Tugenden sind schwer nachzumachen

Wenn ein Ort zum Infektionsherd wird, wird er sofort isoliert. Die pflichtbewussten Finnen halten sich zumeist an die Anweisungen der Regierung. Laut einer Umfrage gaben 73 Prozent der Befragten an, dass die Restriktionen leicht zu meistern sind. Zudem wurde für den Sommerurlaub 2020 erfolgreich empfohlen, nicht ins Ausland zu reisen. Durch all diese Maßnahmen konnten die Finnen schneller in ein weitgehend normales Leben zurück. Das tat auch der Wirtschaft gut, die nicht so in die Knie ging wie in anderen Ländern. Doch ob die Strategie für die ganze Welt als Vorbild dienen kann, ist fraglich. Das Land hat die niedrigste Bevölkerungsdichte in der EU: Sie liegt bei 18,2 Einwohnern pro Quadratkilometer, in Deutschland sind es 233. Außerdem gibt es fast keinen Durchreiseverkehr.

Begünstigt wurde der Erfolg auch durch die Mentalität: Die Einheimischen halten schon immer mehr Abstand zueinander, begrüßen sich ohne Händeschütteln oder Wangenkuss. „Vielleicht ist die finnische Komfortzone ein bisschen weiter als in einigen anderen europäischen Ländern. Wir mögen es, andere einen Meter oder mehr von uns entfernt zu halten, sonst fühlen wir uns unbequem“, sagt Gesundheitsamtschef Mika Salminen. Laut einer Umfrage gaben 23 Prozent der Finnen an, dass Lockdown und Einsamkeit ihr Leben verbessert hätten. Das Alleinsein ist eine der finnischen Ur-Tugenden – neben dem Saunagang.

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