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Corona-Rätsel in Großbritannien: Fallzahlen sinken trotz immenser Lockerungen - „Das macht Hoffnung“

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Seit dem 19. Juli lässt England alle Corona-Maßnahmen fallen. Auch Schottland verzichtet auf Abstandsregeln. Viele Wissenschaftler befürchten steigende Infektionszahlen. Doch der Trend macht Hoffnung.

London - Vor drei Wochen wurden fast alle Corona-Schutzmaßnahmen in Großbritannien aufgehoben. Hunderte Wissenschaftler hatten zuvor vor diesem Schritt gewarnt: Durch die Öffnungen könnten sich bis zu 100.000 Britinnen und Briten mit Covid-19 infizieren - mit schwerwiegenden Folgen für das Gesundheitssystem.

Doch in der Realität kam es ganz anders: In den ersten Wochen sank die Inzidenz sogar. Laut Johns Hopkins Universität lagen die gemeldeten Neuinfektionen am 19. Juli bei 34.245. Der Sieben-Tage-Mittelwert lag bei einem Wert von 465. Drei Wochen später liegt die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen bei 21.636 - die Sieben-Tage-Inzidenz beläuft sich auf 284,7. Zwar zeichnet sich also ein sinkender Trend ab, doch die Zahlen sind beispielsweise im Vergleich mit Deutschland (Inzidenz vom 10. August: 23,5) noch immer auf einem immensen Level.

Corona-Zahlen in England sinken: Was ist der Grund dafür?

Gleichzeitig mit dem Sinken der Infektionen nahm die Anzahl der durchgeführten Tests in Großbritannien nur minimal ab. Für viele englische Wissenschaftler ist damit klar, dass die Zahlen tatsächlich sinken und nicht nur ein Effekt von weniger Testungen sind. Das bestätigen auch Zahlen der nationalen Statistikbehörde „Office for National Statistics“ (ONS).

Die Gründe für den Rückgang der Zahlen sind zahlreich wie Jonathan Van-Tam, stellvertretender Chefmediziner der britischen Regierung gegenüber dem BBC erklärte. Einerseits verbringen die Menschen durch das schöne Wetter mehr Zeit im Freien, andererseits sind bereits zahlreiche Engländer und Engländerinnen geimpft. Die Zahl der Erstimpfungen liegt laut „Our World in Data“ derzeit bei circa 70 Prozent, die Zahl der vollständig geimpften Personen bei 58 Prozent. Außerdem seien die Effekte der Fußball-Europameisterschaft mittlerweile abgeflacht.

Corona in Großbritannien: Sinkende Infektionszahlen bestätigen noch keinen Trend

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Die Engländer haben Grund zum feiern: Die Corona-Maßnahmen wurden gelockert und auch die Infektionszahlen sinken - noch. © David Jensen/EMPICS Entertainment via www.imago-images.de

Epidemiologe Markus Scholz von der Universität Leipzig erklärte gegenüber dem ZDF, dass bislang aber noch nicht von einer Trendwende auszugehen sei: „Diese Entwicklung möchte man schon über drei, vier Wochen sehen. Dann kann man erst von einem stabilen Trend ausgehen.“ Er ist der Ansicht, dass der Rückgang der Infektionszahlen möglicherweise auch an der Urlaubssaison liegen könnte. So entstehen gerade zum Beispiel weniger Kontakte in der Schule.

Zudem hätte sich gezeigt, dass viele Menschen sich trotz Lockerungen noch an die Corona-Maßnahmen halten: „Interessanterweise haben die Menschen trotz der Aufhebung der Einschränkungen in England das starke Gefühl, dass Maßnahmen wie Masken und Händewaschen wichtig sind“, so ONS Forschungsleiter Tim Vizard gegenüber der Süddeutschen Zeitung.

Corona in Großbritannien: Virologe zuversichtlich - „Das macht Hoffnung“

Dem Hamburger Virologen Jonas Schmidt-Chanasit macht die Entwicklung in Großbritannien trotz steigender Inzidenz Hoffnung: „Die Entwicklung in Großbritannien zeigt, dass man nicht einfach behaupten kann: Wenn wir fast alle Maßnahmen aufheben, läuft alles aus dem Ruder. Wir sehen jetzt genau das Gegenteil“, sagte er in einem Interview mit der dpa. Für Deutschland rät er zwar zur Vorsicht, „aber das macht doch Hoffnung, dass man durch die Impfungen so etwas erreichen kann, dass man trotz Aufhebung fast aller Maßnahmen auch sinkende Fallzahlen sieht und keine Überlastung des Gesundheitssystems.“

Aktuelle Trends der Johns Hopkins Universität bestätigen allerdings, dass die Infektionszahlen in Großbritannien seit einer Woche wieder steigen. Wissenschaftler hoffen auf den Impffortschritt im Vereinigten Königreich: Nach Schätzungen der Behörde „Public Health England“ tragen bereits neun von zehn Erwachsenen Covid-19 Antikörper durch eine Impfung oder Infektion in sich.

Corona-Maßnahmen: Schottland zieht nach - und lockert ebenfalls

Auch in Schottland sinken indes der Johns Hopkins Universität zufolge die Infektionszahlen. Deshalb hob Regierungschefin Nicola Sturgeon am Montag (9. August) die Maßnahmen gegen das Coronavirus auf. Laut Berichten der dpa sind dort nun mit wenigen Ausnahmen die Abstandsregelungen aufgehoben. Fürs Pubs, Restaurants und Veranstaltungen gelten deshalb auch keine Kapazitätsgrenzen mehr. Auch Nachtclubs dürfen wieder öffnen. In Behörden, Schulen und öffentlichen Verkehrsmitteln besteht allerdings weiterhin die Maskenpflicht. (dpa)

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