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„Freedom Day“ oder „Wir gegen das Virus“: So unterschiedlich kämpfen Portugal und England gegen Corona

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Von: Bettina Menzel

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Britischer Premierminister Boris Johnson im Hexham General Hospital ohne Maske
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte am 8. November das Hexham General Hospital - die Maske setzte er erst nach Aufforderung auf. (Archivbild) © picture alliance/dpa/Press Association | Peter Summers

Die ganze Welt kämpft gegen das gleiche Virus, doch die Strategien der Länder sind unterschiedlich. Was Großbritannien von Portugals Impfkampagne lernen kann.

London/Lissabon - Als Boris Johnson vor knapp zwei Wochen das Hexham General Hospital in der Grafschaft Northumberland besuchte, hat er, so heißt es, erst nach dreimaliger Aufforderung eine Maske aufgesetzt haben. Die Bilder aus dem Krankenhaus lösten einen Sturm der Empörung aus. „Keine Entschuldigung, keine Scham, kein Respekt und keine Maske“, titelte der Daily Mirror. Johnson war bereits bei der Klimakonferenz in Glasgow ohne Maske gesehen worden. Es ist also kein Einzelfall, sondern eher symptomatisch für seine Corona-Politik im Vereinigten Königreich.

Corona-Inzidenzen: Vorbildfunktion der Politik? In Portugal tragen die Menschen freiwillig Maske

Der Staatschef trägt nicht immer Maske und auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln sind Menschen ohne Mund-Nasen-Schutz ein gängiges Bild, obwohl die Maskenpflicht in London im ÖPNV eigentlich weiterhin gilt. Londons Bürgermeister Sadiq Khan hatte sich durchgesetzt. Denn Johnson hatte Mitte Juli den sogenannten „Freedom Day“ verkündet, damit fielen viele Corona-Maßnahmen. Eigenverantwortung statt Vorschriften lautete das Motto. Man stelle sich das gleiche Prinzip im Straßenverkehr vor.

Die Sieben-Tage-Inzidenz in Großbritannien liegt gerade bei 406,5. Damit steht England zwar besser da als Deutschland und Österreich. Doch in Portugal kommen aktuell nur 124,3 Corona-Fälle auf 100.000 Einwohner. Dort galt die Maskenpflicht lange weiterhin in Restaurants, Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln.

Selbst auf der Straße war das Tragen von Masken lange Pflicht, diese Regelung fiel im September. Doch die meisten Menschen setzen den Mund-Nasen-Schutz in Bars und Cafés freiwillig auf. Eine Studie der Universität Nova in Lissabon zeigt, dass im September noch rund die Hälfte aller Menschen die Maske sogar im Freien trugen, obwohl sie nicht mehr mussten.

Seit dem „Freedom Day“ in England im Juli stiegen die Todesfälle in England wieder deutlich: Pro Tag starben im Schnitt 170 Menschen an Corona, an einem Tag sogar 223 – der höchste Wert seit März. Nichts in den Daten deute darauf hin, sagte Johnson, dass man zu „Plan B“ übergehen, also bestimmte Maßnahmen wie das Tragen von Masken wiedereinführen müsse, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. In Portugal hingegen steht nach leicht steigenden Inzidenzen sogar die Maskenpflicht im Freien wieder zur Debatte. Der portugiesische Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa gilt als Verfechter dieser Idee, er selbst trägt die Maske gewissenhaft.

Corona: Warum die Impfquote in Portugal so viel höher liegt

England und Portugal unterscheiden sich nicht nur beim Tragen der Maske, auch die Impfquoten in den beiden Ländern sehen anders aus. Nach Daten der Johns Hopkins University sind aktuell rund 69 Prozent der Einwohner in England vollständig geimpft, in Portugal haben rund 87 Prozent den vollen Impfschutz. Bei den über 12-Jährigen liegt das kleine Land auf der iberischen Halbinsel sogar bei einer Impfquote von 98 Prozent. Zahlreiche Faktoren spielen eine Rolle, etwa die Wirtschaft, die Geschichte und die Mentalität der Menschen.

Portugal begann relativ spät mit der Polio-Impfung, wie die portugiesisch Zeitung Publico berichtete. Selbst in den 70er-Jahren gab es noch Polio-Fälle. Deshalb sei den Menschen die Wirksamkeit von Impfungen noch gut in Erinnerung, so die Zeitung. Schon 2014 startete das Land zudem ein Programm, das die Kompetenz der Menschen bei Gesundheitsthemen fördern sollte – offensichtlich mit Erfolg. Zudem verschickten die Gesundheitsbehörden per SMS aktiv Corona-Impftermine an die Bevölkerung, statt auf einen Anruf der Impfwilligen zu warten. Mindestens drei Einladungen bekam jeder Einwohner Portugals.

Corona-Impfkampagne in Portugal: Chef das Zünglein an der Waage

Als entscheidenden Faktor für den Erfolg der Impfkampagne in Portugal sehen Experten den Vizeadmiral Henrique Gouveia e Melo. Er bekam im Februar 2021 die Impfkampagne übertragen und löste diese Aufgabe mit Bravour. Ein entscheidender Grund für seinen Erfolg sei gewesen, dass er kein Politiker sei, sagte Gouveia e Melo bei einem Auftritt Anfang November bei der Konferenz Web Summit in Lissabon. Deshalb hätten die Menschen ihm vertraut. Tatsächlich wird er im Land wie ein Held verehrt.

Bei der Fragerunde des Publikums bedanken sich die Menschen persönlich bei ihm für seine Arbeit. Er habe bewusst Kriegsrhetorik verwendet, erklärt der General seine Strategie. „Ich habe dann vor den Kameras ganz ruhig gesagt, dass der Mörder das Virus ist und diese Menschen ihm helfen“, erklärte Gouveia e Melo sein Vorgehen. „Es war ‚wir gegen das Virus‘“, so Gouveia e Melo, der häufig auch in seiner Uniform auftrat. „Wollt ihr in unseren Reihen kämpfen? Dann müsst ihr euch impfen lassen.“

Was in einem Land funktioniert, muss nicht unbedingt in anderen Ländern klappen. Doch vielleicht wäre es in Ländern wie England, aber auch Deutschland oder Österreich ein Versuch wert die Impfkampagne an jemanden zu übertragen, der kein Politiker ist? Er selbst wisse nicht, ob das Prinzip in anderen Ländern funktionieren könne, so Gouveia e Melo. Doch er sei bereit, seine Strategie und Expertise weiterzugeben. (bm)

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