UK hat Plan schon beschlossen

Streeck sieht „Möglichkeit“: Riskanter Vorschlag als Impf-Durchbruch? Spahn will ihn prüfen

  • Cindy Boden
    vonCindy Boden
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Um mehr Menschen in kurzer Zeit mit dem verfügbaren Impfstoff immunisieren zu können, kommen Stimmen auf, die zweite Impf-Dosis zu verschieben. Jetzt will Jens Spahn den Vorschlag prüfen lassen.

  • Die Impfstoff-Hersteller Biontech und Pfizer haben von Anfang kommuniziert, dass ihr Mittel zwei Impfungen bedarf, um die volle Wirkung entfalten zu können.
  • Weil dadurch aber mit gleicher Impfstoffmenge nur halb so viele Menschen geimpft werden können, gibt es Überlegungen, die zweite Impfung nicht schon nach drei Wochen durchzuführen.
  • In Großbritannien soll dieser Strategiewechsel schon sehr bald kommen.

Update vom 4. Januar, 10.45 Uhr: Biontech und Pfizer sagen, ihr Corona-Impfstoff sollte einer Person nach drei Wochen ein zweites Mal verabreicht werden, damit die Immunisierung auch voll wirkt. Doch weil der Impfstoff noch knapp ist, überlegen Experten, diesen Zeitraum zu verlängern (siehe Erstmeldung).

Jetzt scheint auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) diesen Weg einschlagen zu wollen. Dem Spiegel liegt ein Papier seines Ministeriums vor, aus dem hervorgeht, dass eine Verlängerung des zeitlichen Abstands zwischen erster und zweiter Dosis geprüft werden soll. Die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts soll demnach nun eine Einschätzung abgeben.

Corona: Deutschland soll schneller impfen, aber wie?

Erstmeldung vom 31. Dezember, 14.54 Uhr: Berlin - Möglichst viele, möglichst schnell gegen das Coronavirus impfen: Der Plan der Bundesregierung und allen voran von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) klingt erst einmal simpel. Doch bei dem Unterfangen haben sich seit dem Impf-Start kurz nach Weihnachten verschiedene Planungshürden und Tücken offenbart. Spahn musste schon einige Kritik einstecken.

Corona-Impfungen: Nun überlegt scheinbar auch Minister Spahn, ob die zweite Dosis später geimpft werden könnte.

Ein wichtiger Punkt dabei: Deutschland müsse schneller impfen. Laut Robert-Koch-Institut sind bis zum Silvestermorgen 131.626 Impfungen gemeldet worden. Im internationalen Vergleich rangiert Deutschland damit keineswegs an der Spitze. Stattdessen machten zuletzt ausfallende Lieferungen die Runde - wobei kurz darauf das Gesundheitsministerium nachsteuerte.

Kurzum: Wie können wir schneller impfen? Wissenschaftler sehen einen Ansatzpunkt bei der zweiten Impfung. Die sollte jeder Geimpfte bekommen, damit das Vakzin seine volle Wirkung entfalten kann. Laut den Herstellern Biontech und Pfizer sollte dies nach rund 21 Tagen, also drei Wochen passieren. Nun wird aber debattiert, ob diese zweite Spritze nicht einfach ein paar Wochen nach hinten verschoben werden könnte. Dann könnte dieser Impfstoff für weitere Menschen genutzt werden, statt dieselben Personen noch einmal ins Impfzentrum zu bestellen.

Überlegung zur Corona-Impfung: Bei Impfstoffmangel erst einmal nur die erste Dosis verabreichen

„Da der Abstand zwischen beiden Impfungen mit großer Wahrscheinlichkeit in weiten Grenzen variabel sein kann und der Schutz auch nach einer Impfung schon sehr gut ist, ist es durchaus überlegenswert, bei Impfstoffmangel zunächst bevorzugt die erste Impfung zu verabreichen“, sagte etwa Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko) am Robert-Koch-Institut dazu.

Virologe Hendrick Streeck bei einer Pressekonferenz im März 2020 in Düsseldorf.

Ähnlich sieht das auch der Bonner Virologe Hendrik Streeck. „Die Daten haben gezeigt, dass nach der ersten Impfung schon ein Großteil der Menschen geschützt ist vor der schweren Erkrankung“, sagte er im RTL-“Nachtjournal“. Konkreter meint er, eine einmalige Impfung bringe einen Schutz von mehr als 50 Prozent vor einem schweren Covid-19-Verlauf.

Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, sagt: „Wenn der Effekt der ersten Impfung mit der Zeit nicht schnell abnimmt, dann könnte die zweite Impfung auch noch später stattfinden, zum Beispiel erst nach sechs Monaten. Das wissen wir noch nicht. Bei anderen Impfstoffen wird das auch so gemacht.“

Corona-Impfung: Kommt ein gewaltiger Strategiewechsel? Großbritannien macht es vor

Zunächst jede Person nur einmal zu impfen würde einen einschneidenden Strategiewechsel bedeuten. Es erfordert generell einen gewissen Planungsaufwand, Termine pro Person im Drei-Wochen-Rhythmus zu legen und immer genug Impfstoff verfügbar zu haben. Mertens von der Stiko sieht deshalb in dem Vorschlag selbst eine zusätzliche Herausforderung bei der Planung der zweiten Impfung. Auch Streeck findet, eine solche Änderung der Impfstrategie müsste gründlich abgewogen und diskutiert werden. „Einfach ist die Entscheidung nicht, aber es wäre eine Möglichkeit, schnell mehr Menschen zu impfen.“

Ein anderes Land, nämlich Großbritannien, ist in dieser Diskussion schon weiter. Am Mittwoch kündigte die Regierung dort den Strategiewechsel an. Fortan soll die zweite Dosis erst bis zu zwölf Wochen nach der ersten verabreicht werden. Diese Änderung gilt für die Personen, die nach dem 4. Januar ihre zweite Impfung bekommen würden oder noch gar nicht geimpft worden sind. Einem Bericht des Guardian zufolge sorgt die Ankündigung aber für einige Kontroversen. Vor allem aufgrund des terminplanerischen Aufwandes und dem Absagen von bereits vereinbarten Terminen, das nun auf die Impfkoordinatoren zukommt.

Impfstoff von Biontech und Pfizer: Hersteller sehen Pläne kritisch - Daten würden keine Belege liefern

Und es gibt einen weiteren Unterschied zur EU, was die Schnelligkeit beim Impfen angeht: Auf der Insel, für die in der Silvesternacht die Brexit-Übergangszeit endet, sind bereits zwei Impfstoffe zugelassen: neben Biontech/Pfizers Impfstoff Comirnaty auch das Mittel des britisch-schwedischen Pharmakonzerns Astrazeneca und der Universität Oxford.

Die Hersteller von Comirnaty scheinen die Idee, die zweite Impfung rauszuschieben, nicht so gut zu finden. In einem Statements von Biontech und Pfizer, aus dem der Guardian und Reuters zitieren, heißt es, es gebe keine Beweise dafür, dass die erste Dosis länger als drei Wochen funktioniert. „Daten aus der Phase-3-Studie zeigten, dass, obwohl der teilweise Schutz des Impfstoffs bereits zwölf Tage nach der ersten Dosis zu beginnen scheint, zwei Dosen des Impfstoffs erforderlich sind, um den maximalen Schutz gegen die Krankheit zu gewährleisten, eine Impfstoffwirksamkeit von 95 Prozent. Es gibt keine Daten, die belegen, dass der Schutz der ersten Dosis auch nach 21 Tagen aufrechterhalten wird“, heißt es demnach. (cibo/dpa)

Rubriklistenbild: © Guido Kirchner/dpa

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