Drei Faktoren sollten uns Warnung sein

„Das Virus verschlingt die Menschen wie ein Monster“ Corona-Katastrophe in Indien - neuer Rekordwert gemeldet

  • Patrick Freiwah
    vonPatrick Freiwah
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Im Januar schien Indien die Corona-Pandemie überwunden zu haben. Nun befindet sich das Land im Ausnahmezustand. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Die Gründe liegen auf der Hand.

Update vom 29. April, 11.10 Uhr: Indien meldet am Donnerstag erneut einen Rekordwert bei den Corona-Neuinfektionen. In den vergangenen 24 Stunden haben sich 379.000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Das geht aus den Zahlen des indischen Gesundheitsministeriums hervor. Hinzu kommen 3645 neue Corona-Todesfälle.

Die Gesamtzahl der Corona-Infektionen in Indien ist inzwischen auf mehr als 18 Millionen angestiegen - weltweit Platz zwei hinter den USA. Zudem sind seit Beginn der Pandemie insgesamt mehr als 200.000 Menschen in Verbindung mit dem Coronavirus gestorben. Nach Angaben der WHO kamen in der vergangenen Woche 38 Prozent der weltweit gemeldeten Corona-Fälle aus Indien.

Ab Mai sollen sich in Indien alle Erwachsenen impfen lassen können. Am Mittwoch war der Ansturm auf die Registrierungswebseiten so groß, dass die Server zeitweise überlastet waren, berichteten indische Medien. Bislang haben weniger als zehn Prozent der rund 1,3 Milliarden Einwohner mindestens eine Corona-Impfung erhalten.

Corona-Katastrophe in Indien: „Das Virus verschlingt die Menschen wie ein Monster“

Erstmeldung vom 28. April: Neu Delhi/München - Erschreckende Bilder und Schlagzeilen schwappen aus Indien hinaus in die Welt, weil das Land wieder mit unzähligen Corona-Opfern zu kämpfen hat. Das kommt insofern überraschend, weil sich die Regierung kurz nach dem Jahreswechsel noch als „Apotheke der Welt“ bezeichnete und die Sars-CoV-2-Pandemie überwunden schien.

Über die anschließende zweite Welle hat Indien jedoch die Kontrolle verloren - und nun große Mühe, der Lage Herr zu werden. Wie dramatisch die Situation in dem bevölkerungsreichen Land (1,36 Mrd.) ist, verdeutlichen Statistiken: Seit einer Woche (22. April) werden aus Indien pro Tag weit über 300.000 neue Corona-Infektionen gemeldet, mit mehreren Tausend Todesopfern.

Angesichts der hohen Opferzahlen werde sogar auf Totenrituale verzichtet, um mit dem Einäschern der Leichen hinterherzukommen, berichten heimische Medien. Besonders die Metropole Neu-Delhi hat mit der Anzahl an Corona-Opfern zu kämpfen, auf Parkplätzen der Stadt wurden Scheiterhaufen errichtet, weil die Krematorien voll ausgelastet sind. Ein Koordinator ließ gegenüber AFP wissen: „Die Leute sterben, sterben und sterben einfach. Wenn wir noch mehr Leichen bekommen, werden wir sie auf der Straße verbrennen“.

„Das Virus verschlingt die Menschen in unserer Stadt wie ein Monster“, so Mamtesh Sharma, ein Beamter des städtischen Krematoriums, laut Bild. Die sonst wichtigen hinduistischen Rituale bei der Beerdigung würden einfach übersprungen – es fehlt die Zeit.

Coronavirus: Indische Situation als bedrohliches Szenario für Deutschland?

Mittlerweile helfen internationale Hilfstransporte dabei, die ernste Lage abzufedern. Am Dienstag trafen erste Hilfslieferungen aus Großbritannien ein, dabei handelte es sich um Beatmungsgeräte und Sauerstoffkonzentratoren. Weitere große Nationen wie Deutschland, USA, Kanada sowie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) planen ebenfalls Hilfslieferungen für das zweitbevölkerungsreichste Land der Erde (nach China.)

Bedeutende Fragen auch aus deutscher Sicht: Welche Ursachen hat der Rückfall in Indien und was bedeutet er für andere Länder der Erde? Hat eine Mutation zugeschlagen, gegen welche die Corona-Impfstoffe wirkungslos sind? Virologe Christian Drosten sieht Panik nicht angebracht. Aus der kleinen verfügbaren Datenbasis in Indien lasse sich schließen, dass die Mutante B.1.617 nicht allein die heftige Infektionswelle verursacht hat. „Das ist mehr eine bunt gemischte Virus-Population“, schildert Drosten im Podcast „Coronavirus-Update“ bei NDR-Info.

Vielmehr gebe es andere Faktoren, die für die Corona-Entwicklung in Indien maßgeblich seien. Die wohl wichtigsten Punkte:

Indien: Drei Faktoren wohl ausschlaggebend für drastischen Corona-Rückfall

Verfrühte Rückkehr zum Alltag: Zu schnell habe sich die Bevölkerung in Sicherheit gewogen, nachdem das Virus bezwungen schien. Ende Januar vermittelten Premierminister Narendra Modi und die regierende Bharatiya Janata Party (BJP) der indischen Bevölkerung bereits den Sieg über Corona. Es gab wieder Massenveranstaltungen und religiöse Feste ohne Masken und Abstand. Nun musste das Staatsoberhaupt feststellen, dass eine Covid-19-Welle über das Land rollt, die er im Radio als „Sturm, der die Nation erschüttert“ bezeichnet.

Zu wenig Impfungen: Erst knapp zehn Prozent der indischen Bevölkerung hat bislang mindestens eine Impfdosis erhalten - und das, obwohl das Land selbst Impfstoff in Massen produziert und sogar andere Länder wurden mit Vakzin versorgt. Eine Herdenimmunität sei in Indien laut einer Studie noch längst nicht erreicht gewesen.

Medizinisches Niveau: Wie Christian Drosten erklärte, sei in Indien zudem die Grundgesundheit der Bevölkerung weniger gut als in Ländern wie Deutschland, wo die medizinische Versorgung ein wesentlich höheres Niveau hat. Das dürfte auch an einem niedrigeren Hygiene-Level liegen, was auch das Ausmaß in der Metropole Neu-Delhi zeigt, wo sich viele Millionen Menschen auf engem Raum bewegen.

Corona in Indien: Virus-Mutante auch für Europa gefährlich? Biontech-Chef äußert sich

Neben Drosten bezweifelt übrigens auch der Biontech-Chef, dass die indische Virusvariante eine große Gefahr für beispielsweise Deutschland darstellt. Der Impfstoff von Biontech und Pfizer wirke gegen die indische Virusvariante. Laut Ugur Sahin laufen entsprechende Tests zwar noch, aber er sei „zuversichtlich“ im Hinblick auf die Eindämmung gegen die Mutation B.1.617.

Die indische Mutante zeichne sich durch Veränderungen aus, die bereits aus anderen Corona-Varianten bekannt seien, führte er aus. Insgesamt hätten Biontech und Pfizer inzwischen schon mehr als 30 Corona-Varianten getestet, bei fast allen funktioniere das Vakzin so wie bei der Ursprungsform. Was übrigens viele Menschen noch nicht auf dem Schirm haben: Auch wenn man sich gegen Corona impfen lässt, werden vermutlich Impf-Auffrischungen nötig sein. (PF)

Rubriklistenbild: © Naveen Sharma/imago-images

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