„Lage spitzt sich dramatisch zu“

Corona-Intensivmediziner mit erschreckender Prognose - klare Worte zu Merkels Gesetz: „Fünf nach zwölf“

  • Michelle Brey
    vonMichelle Brey
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Die Corona-Lage in Deutschland ist kritisch. Die Forderungen der Intensivmediziner nach einer bundeseinheitlichen Strategie, um die dritte Welle einzudämmen, werden lauter.

München - Steigende Fallzahlen, in die Höhe schnellende 7-Tage-Inzidenzwerte: Die dritte Coronavirus-Welle bringt das Gesundheitssystem in Deutschland an seine Grenzen.

Intensivmediziner haben erneut mit dramatischen Appellen auf die sich zuspitzende Corona-Lage aufmerksam gemacht. Auch RKI-Präsident Lothar Wieler mahnte am Donnerstag bei der Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Jens Spahn: „Wir müssen die Zahlen runterbringen. [...] Die Lage in den Krankenhäusern spitzt sich teilweise dramatisch zu und wird uns auch noch härter treffen als in der zweiten Welle.“

Intensivmediziner drängen auf bundeseinheitliche Corona-Strategie

Dass die Lage in den Kliniken aufgrund des Coronavirus dramatisch sei, sagte auch der Präsident der Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Gernot Marx, am Donnerstag auf NDR Info. Er sei seit mehr als 20 Jahren in der Intensivmedizin tätig - "so eine Situation habe ich aber noch nicht erlebt", sagte Marx.

Er rief die Abgeordneten des Bundestages auf, der geplanten Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes zuzustimmen. Jeder Tag zähle. Die Parlamentarier müssten auf gewohnte Beratungsabläufe verzichten und dem Vorhaben der Regierung so schnell wie möglich grünes Licht geben. Am Freitag will der Bundestag erstmals über die Gesetzesverschärfung beraten. Dabei geht in dem neuen Corona-Gesetz von Kanzlerin Angela Merkel neben Ausgangssperren auch um einen neuen Paragrafen.

Die Vereinigung erwartet, dass der bisherige Höchststand von etwa 6000 Covid-19-Intensivpatienten noch im April wieder erreicht wird. Wenn das geplante Bundesgesetz erst Ende April beschlossen werde, werde die Patientenzahl auf 7000 steigen, hatte der Divi-Präsident Gernot Marx bereits prognostiziert.

Corona-Intensivmediziner mahnt: „Können es uns nicht leisten, noch wochenlang zu diskutieren“

Der medizinisch-wissenschaftliche Leiter des Divi-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, forderte ebenfalls eindringlich schnelle Beschlüsse der Politik. Gegenüber dem Tagesspiegel sagte er: „Wir können es uns nicht leisten, noch wochenlang zu diskutieren.“ Eine ähnliche Situation habe er in den Krankenhäusern noch nie erlebt. „Wir sind den Tod gewohnt, aber so etwas hat es noch nicht gegeben“, so Karagiannidis.

Dem Experten zufolge treffen täglich 50 bis 100 Patienten zusätzlich auf Deutschlands Intensivstationen ein. Jeder zweite beatmete Patient versterbe. Angesichts dessen forderte er die Politik zum Handeln auf: „Denn auch nach einer Verschärfung der Maßnahmen werden wir noch mindestens zwei Wochen einen Anstieg von Covid-Patienten auf unseren Stationen verzeichnen.“

Corona: Eindringlicher Appell an Politik - „Wir haben fünf nach zwölf, ihr müsst jetzt handeln“

Auch der frühere Divi-Präsident Uwe Janssens richtete einen eindringlichen Appell an die Politik: "Wir haben fünf nach zwölf, ihr müsst jetzt handeln, es muss jetzt eine Strategie verfolgt werden, die bundesweit einheitlich gilt", sagte er am Mittwochabend im Sender Phönix. "Bislang laufen wir den Dingen hinterher."

Wären die bereits vor Wochen von der Politik beschlossenen Maßnahmen flächendeckend umgesetzt worden, hätte die Pandemie-Entwicklung abgeschwächt werden können. "Die aktuellen Diskussionen zeigen, dass die deutschen Politiker noch nicht verstanden haben, was ihre Aufgabe ist, nämlich die Bürger zu schützen", sagte Janssens.

Am Donnerstag verzeichnete das Robert-Koch-Institut 29.426 Neuinfektionen innerhalb eines Tages. Zudem wurden 293 weitere Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus gemeldet. Vor einer Woche hatte das RKI 20.407 Neuansteckungen und 306 Todesfälle gemeldet. Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz stieg auf 160,1.

Indes vermeldeten Forscher einen Durchbruch. Die Ursache für Thrombosen nach einer Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff ist bekannt. (mbr/dpa)

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