Gesundheitsminister Jens Spahn (r.) begrüßt Intensivpfleger Ricardo Lange (l.) vor Beginn der Pressekonferenz zur weiteren Entwicklung in der Corona-Pandemie.
+
Gesundheitsminister Jens Spahn (r.) begrüßt Intensivpfleger Ricardo Lange (l.) vor Beginn der Pressekonferenz zur weiteren Entwicklung in der Corona-Pandemie.

Auf Pressekonferenz mit Spahn und Wieler

Intensivpfleger schildert dramatische Szenen: „Wir ziehen den Reißverschluss zu, das macht was mit einem“

  • Fabian Müller
    vonFabian Müller
    schließen

Auf der wöchentlichen Pressekonferenz mit Jens Spahn und Lothar Wieler saß an diesem Donnerstag auch ein Intensivpfleger auf dem Podium. Der kritisierte die Politik scharf.

Berlin - Die Lage auf den deutschen Intensivstationen sei weiterhin angespannt, sagte Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts am Donnerstag, die Belastung für Ärzte und Pfleger sehr hoch. Leider, so Wieler, nehmen derzeit auch die Todeszahlen wieder zu. Eine Folge „der konstant hohen Fallzahlen“. Es müsse alles getan werden, um die Zahlen wieder zu senken. „Nur so können wir Kliniken entlasten.“

Das Szenario, das der RKI-Präsident auf der Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Jens Spahn aufzeigte, wiederholt er derzeit fast mantraartig jede Woche. Das Intensivregister verzeichnet über 5000 Patienten in deutschen Krankenhäusern, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Viele Kliniken sind an ihrer Belastungsgrenze. An diesem Donnerstag saß auch deshalb Intensivpfleger Ricardo Lange auf dem Podium. Er sei hier, um über die Arbeit auf Station zu berichten, sagte Lange.

Intensivpfleger Ricardo Lange schlägt Alarm: „Intensivstationen sind voll“

Mit eindringlichen und direkten Worten beschrieb der an Berliner Kliniken tätige Intensivkrankenpfleger die Lage in der Corona-Pandemie. „Die Intensivstationen sind voll, da gibt es keinen Interpretationsspielraum“, sagte er. Lange kritisierte die Politik dafür, dass der Personalnotstand in der Branche nicht schon vor Jahren angegangen worden sei.

Er schilderte die hohe körperliche Belastung durch die Schutzausrüstung, aber auch die psychischen Herausforderungen: „In normalen Zeiten sterben die Patienten anders“, sagte Lange. Angehörige könnten die Kranken über längere Zeit begleiten. Nun sei nur noch ein letzter Besuch beim bevorstehenden Tod möglich. Das letzte Bild, das die Sterbenden sähen, seien Angehörige in kompletter Schutzmontur, es gebe keinen körperlichen Kontakt.

Intensivpfleger beschreibt Situation im Krankenhaus: „Das macht was mit einem“

Pflegekräfte packten die Verstorbenen dann zum Infektionsschutz in schwarze Plastiksäcke. „Wir legen sie dort hinein und ziehen den Reißverschluss zu. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage: Das macht was mit einem“, sagte Lange. Man mache das nicht nur ein paar Mal, sondern unzählige Male. Wichtiger als Boni wären ihm bessere Arbeitsbedingungen. Bisher fehle ein schlüssiges Konzept, um Überlastung zu verhindern und Pflegekräfte zu unterstützen.

Einer gewissen Betriebsblindheit sei er sich bewusst, sagte der Intensivpfleger. „Ich sehe natürlich nur die schweren Verläufe, ich sehe nur Menschen, die zum größten Teil daran versterben.“ Umgekehrt sei es aber genauso, betonte er: Wer nicht auf einer Intensivstation arbeite oder im Privatumfeld betroffen sei, sehe nur die leichten Verläufe und Menschen, die nicht erkranken. „Das wiederum heißt nicht, dass es die schweren Verläufe nicht gibt.“

Video: Coronavirus: Spahn macht auf Pressekonferenz Hoffnung - Kinder bald auch geimpft?

Spahn erläuterte, wie es zum Auftritt Langes kam: Nach einem Gespräch Spahns mit dem Schauspieler Jan-Josef Liefers wegen der umstrittenen Aktion #allesdichtmachen habe der Pfleger darauf hingewiesen, dass auch die Situation auf Intensivstationen eine Rolle spielen solle. „Dann hab ich gesagt, das wäre doch heute eine gute Gelegenheit.“ (fmü/dpa)

Auch interessant

Kommentare