In der Corona-Krise besonders gefordert: Das Team vom Krisendienst Psychiatrie hat für jeden Anrufer ein offenes Ohr. (Symbolbild)
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In der Corona-Krise besonders gefordert: Das Team vom Krisendienst Psychiatrie hat für jeden Anrufer ein offenes Ohr. (Symbolbild)

Aufgestellt vom Krisendienst

Coronavirus: Diese zehn Gebote für daheim helfen in der aktuellen Krise

  • Nadja Hoffmann
    vonNadja Hoffmann
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In der Corona-Krise haben die Mitarbeiter des Krisendienst Psychiatrie besonders viel zu tun. Einer der Tipps der Experten umfasst zehn Gebote für das Leben in dieser schwierigen Zeit.

  • Die Corona-Krise* weckt die ureigensten Ängste.
  • Deshalb hat der Krisendienst Psychiatrie gerade Hochkonjunktur.
  • Dieser hat zehn Gebote für daheim entwickelt, um die aktuelle Lage besser zu überstehen.

München - Die Corona-Krise und die Ausgangsbeschränkungen haben massive Auswirkungen: im Großen auf das öffentliche Treiben und die Wirtschaft. Aber vor allem auch: im Kleinen auf das Leben jedes einzelnen Bürgers, der sich auf ein völlig anderes Leben einstellen muss.

Die Verschiebung des Alltags in die eigenen vier Wände macht etwas mit uns! Das fängt bei der Furcht vorm Drücken einer Türklinke an und geht bis hin zur Sorge um den Arbeitsplatz. Das stellt auch der Krisendienst Psychiatrie fest, der rund um die Uhr Ansprechpartner für Menschen in seelischen Notlagen ist. Immer öfter geht es in diesen Telefonaten jetzt um Sorgen wegen Corona. „Vor allem immer dann, wenn eine neue Situation eintritt“, erklärt Dr. Michael Welschehold.

Corona-Krise: Zahl der Anrufe beim Krisendienst stieg nach Söder-PK an

Damit meint der ärztliche Leiter der Krisendienst-Leitstelle Oberbayern etwa die Pressekonferenz Markus Söders, in der der Ministerpräsident den Ausgangsstopp verkündet* hatte. Es zeigte sich: Die Zahl der Anrufe beim Krisendienst stieg merklich an - von rund 130 auf über 184 täglich.

Was sind die größten Sorgen, mit denen die Experten jetzt konfrontiert sind? „Viele haben Angst, dass sie krank werden *“, sagt Welschehold. „Andere fühlen sich schuldig, dass sie Menschen angesteckt haben können*.“ Auch die Angst, dass ein Familienangehöriger Covid-19 bekommen könnte, geht um: Wenn sich Leute den ganzen Tag über Corona informieren und womöglich noch unseriöse Horror-News im Internet lesen - „dann dreht sich vielen regelrecht der Kopf“.

Corona-Krise: Mancher Bürger leidet unter „furchtbarer Angst“

Manche Anrufer hätten das Gefühl, dem Virus ausgeliefert zu sein. Lebt man dann noch allein und leidet unter Einsamkeit, wird es schlimmer: „Mitunter entsteht eine furchtbare Angst.“ Durch die aktuelle Lage verstärken sich seelische Notlagen nicht nur bei Menschen, die ohnehin in psychologischer Behandlung sind. Auch Personen, denen es bisher gut ging, erleben die Situation jetzt als extrem belastend.

„Meist bringt ein sortierendes Gespräch mit uns eine gute Entlastung“, ergänzt Welscheholds Stellvertreterin und Psychiaterin Dr. Petra Brandmaier. „Wir hören zu, fragen nach und klären mit den Anrufenden gemeinsam die Situation.“

Corona-Krise: Leitstelle des Krisendienstes rund um die Uhr erreichbar

In selteneren Fällen, in denen das Gespräch nicht ausreicht, bietet die Leitstelle, die rund um die Uhr erreichbar ist, weiterführende Hilfen. Außerdem gibt es laut Welschehold Überlegungen, den Krisendienst enger mit Angeboten wie der Telefonseelsorge zu verbinden. Mit dem gemeinsamen Ziel, den Menschen durch diese schweren Zeiten zu helfen.

Davor steht aber der Wunsch, dass es den Anruf gar nicht erst braucht. Der Wunsch, dass möglichst viele Münchner gut mit der Corona-Isolation klarkommen. Dafür haben Welschehold und sein Team wertvolle Ratschläge zusammengestellt: Zehn Gebote für daheim.

Nadja Hoffmann

Corona-Krise: Das sind die zehn Gebote für daheim

  1. An die neuen Regeln halten: Wer daheim bleibt, Kontakte bis aufs Nötigste vermeidet und Hygiene-Vorgaben wie ­Händewaschen befolgt*, kann daraus positive Energie ziehen: „Dann weiß man, dass ich alles getan habe, was ich in dieser Situation tun kann.“
  2. Informationen dosieren: Nicht den ganzen Tag mit Virus-Nachrichten berieseln lassen, sondern ausgewählte Quellen nur ein, zwei Mal am Tag nutzen: „Der Alltag besteht nicht nur aus Corona!“
  3. Nach draußen gehen: Die ­eigenen vier Wände immer mal wieder verlassen, um frische Luft zu schnappen und etwas anderes zu sehen.Aber natürlich nur allein oder mit der Familie!*
  4. Körperliche Aktivitäten: Regelmäßig Sport machen. Draußen an der frischen Luft oder daheim - zum Beispiel per Online-Kurs. „Sport lenkt die Aufmerksamkeit vom Virus ab. Man hat ein anderes Thema.“
  5. Strukturen schaffen: Ob im Home Office, im Zwangsurlaub oder bei der Betreuung der Kinder daheim: „Mit vernünftigen Strukturen fühlt sich der Tag ausgefüllter an.“ Dazu können feste Zeiten fürs Aufstehen, ­Essen und zu Bett gehen ­genauso gehören wie regelmäßige Pausen.
  6. Kontakte nutzen: Sich die Zeit fürAnrufe, Facetime-Gespräche oder ganze Gruppenchats mit Freunden nehmen. Vielleicht entstehen dabei neue Rituale - zum Beispiel jeden Tag die beste Freundin für ein paar Minuten sprechen.
  7. Hobbys pflegen: „Was hat mir schon immer gefallen?“ Bei der Beantwortung der Frage sind niemandem Grenzen gesetzt. Bücher, Filme, Sprachen, ­Instrumente: Jetzt ist mehr Zeit dafür, „die ich gut nutzen kann“.
  8. Stress vermeiden: Wer mit einem Partner oder in einer Familie lebt, kann Regeln für den neuen Alltag aufstellen. Vor allem, wenn wenig Platz da ist, sollten Freiräume ­geschaffen werden.
  9.  Engagement ergreifen: Wer Zeit und Lust hat, kann anderen in der Krisenzeit helfen. „Das kann mir Aufschub und Bestätigung geben.“ Zwei Faktoren, die stabilisieren können.
  10. Die Gesamt-Situation sehen: Ich bin nicht der Einzige, der sich der neuen Realität stellen muss. Nicht der Einzige, der nun vielleicht allein ist, der Angst und Sorgen hat. Alle Menschen müssen mit Corona umgehen, „alle sind jetzt zu Hause“. Das verbindet, kann Trost schaffen und senkt die Hürde, sich mit anderen auszutauschen oder sich professionelle Hilfe zu holen.

►Psychiatrischer Krisendienst: 0180/655 300

►Telefonseelsorge: 0800/111 0 111

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