Dr. Viola Priesemann forderte bei „Markus Lanz“ noch härtere Anti-Corona-Maßnahmen für Deutschland.
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Dr. Viola Priesemann forderte bei „Markus Lanz“ noch härtere Anti-Corona-Maßnahmen für Deutschland.

Expertin fordert drastische Maßnahmen

Forscherin erklärt Söder & Co. bei „Markus Lanz“ die „Mechanik der Pandemie“ - dafür erntet sie heftige Kritik

  • vonCornelia Schramm
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Eigentlich haben sie alle das gleiche Ziel: Sie wollen die Corona-Fallzahlen rapide senken. Doch Mittel, Wege und vor allem Meinungen gibt es viele. Bei „Markus Lanz“ geriet so eine Forscherin ins Kreuzfeuer.

  • Bundeskanzlerin Angela Merkel* appellierte am Mittwoch in einer emotionalen Rede an die Bevölkerung.
  • Aufgrund der Corona-Fallzahlen* und der vielen Toten verschärfte die Regierung die Maßnahmen jetzt erneut.
  • Bei „Markus Lanz“ lobte Dr. Viola Priesemann die Entscheidung - und forderte gleichzeitig noch mehr Entschlossenheit.

Hamburg - Dr. Viola Priesemann gehört zum Expertenteam der Nationalakademie Leopoldina. Am Mittwochabend war sie zu Gast bei „Markus Lanz“ und forderte, das Corona-Problem endlich richtig anzupacken. Die härteren Bestimmungen, die die Bundesregierung am Mittwoch verkündet hat, findet sie richtig - und würde sogar noch drastischere Schritte gehen. Sie wünscht sich einen harten Lockdown - ohne Wenn und Aber. Schenkt man ihr Glauben, könnte man der Pandemie* offenbar ganz leicht den Riegel vorschieben - doch die Männerrunde in der ZDF-Show sah das etwas anders und blies zum Angriff.

Video: Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert deutlich schärfere Corona-Maßnahmen

Als Physikerin des Max-Planck-Instituts forscht Piesemann an Corona-Statistiken und Infektionsmodellen. So schien es, als hätte sich die Forscherin für ihr Eingangsplädoyer bei Lanz einige anschauliche Metaphern zurechtgelegt, um sich so einfach und verständlich wie möglich auszudrücken. „Es ist viel einfacher, die Fallzahlen zu kontrollieren, wenn sie niedriger sind, als wenn sie hoch sind“, so die These, die sie etwa mit dem Sinnbild des „heimischen Kaminfeuers“, das als Brand außer Kontrolle geraten könne, zu stützen versuchte.

Die aktuellen Entwicklungen der Coronavirus-Pandemie* verglich Priesemann zudem mit einem Fußballspiel: Gegner sei die „Virus-Mannschaft“ und „wir“ müssten „als Team quasi die Eindämmung vornehmen“, denn immer dann, wenn die Gegner ein Tor schießen, bekäme diese Mannschaft gleich ein oder zwei Spieler mehr. Daraus würden zwei Möglichkeiten resultieren: „Entweder diese Virus-Mannschaft ist klein und wir haben sie unter Kontrolle. Oder die ist groß und dann schießt sie ein Tor nach dem anderen und das ganze wächst. Und dann wird es extrem schwierig, das wieder unter Kontrolle zu bringen“, so Priesemann.  

Corona-Krise: Für Viola Priesemann handelt Deutschland nicht entschlossen genug

In Deutschland und in Europa sei das Coronavirus* bisher „schlecht gemanagt“ worden. „Schauen wir nach Asien, Afrika und Australien. Australien hat das Virus einfach ausgeschlossen. Die müssen sich nicht mehr drum kümmern. Wir haben viele Beispiele, die das gut hinbekommen”, so Priesemanns Kritik. Sie wünsche sich, dass auch Deutschland „adäquate Maßnahmen“ treffe, um die Pandemie unter Kontrolle zu bekommen. Die zweite Welle* habe in Deutschland zwar länger auf sich warten lassen, dennoch sei klar, was sie herbeigeführt habe: Nicht nur die „saisonalen“ Begebenheiten, sondern vor allem die Lockerungen, wie die Öffnung der Grenzen* sowie die Aufgabe der Kontaktbeschränkungen*.

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder war virtuell zugeschaltet. Um das „Feuer“ oder auch um die „gegnerische Fußballmannschaft“ weiß er Bescheid - auch ohne Priesemanns Schaubilder. Wohl deshalb konnte er sich den Seitenhieb nicht verkneifen: Deutschland sei eine Demokratie, es müsse Grenzen offen halten und Freiheit gewähren. Den Schwarzen Peter ließ sich Söder nicht zuschieben, denn auch er wünsche sich einen „kompletten Lockdown über die Weihnachtsfeiertage*“ und wolle „bis zum 10. Januar einfach mal alles runterfahren“.

Video: Markus Söder (CSU) will „kompletten Lockdown“ von Weihnachten bis 10. Januar

Der stellvertretende Chefredakteur der WELT, Robin Alexander, brach bei „Markus Lanz“ eine Lanze für die Politik: In Deutschland herrsche derzeit ein „schwer kontrollierbarer Zustand“ und man gebe sich größte Mühe die Corona-Zahlen zu senken, erklärte er. Die Erfolge anderer Länder wie Irland zeigen, so Alexander, dass ein R-Wert von 0,7 durchaus erreichbar wäre. Doch da wartet Priesemann mit dem Argument auf, im Gegensatz zu Irland habe Deutschland nicht geschlossen genug gehandelt, um die Fallzahlen zu minimieren. Ihren Einwand tat Alexander harsch als „absurden Vorwurf“ ab.

Derzeit würden alle nach stärkeren Maßnahmen schreien, jedoch habe im September, als die Fallzahlen zu steigen begannen, niemand danach gerufen, etwas dagegen zu tun, erklärte die Physikerin daraufhin. In der hitzigen Diskussion wollte Alexander auch diese Aussage nicht stehen lassen, ringe die Politik doch seit Monaten miteinander und versuche, jeweils das beste Ergebnis für die Bundesländer und die Bundesrepublik zu erzielen. „Diese Zahl, diese 50 als Maßstab für die Kontaktverfolgung, war immer das Ziel der Politik“, sagt er.

„Markus Lanz“ (ZDF): Phyikerin Viola Priesemann fordert harten Lockdown

Die wissenschaftliche Expertin hatte es bei Lanz nicht leicht, zog sie doch bei fast jedem Diskussionspunkt den Unmut der Runde auf sich. Sowohl der Hamburger SPD-Politiker Ties Rabe als auch der Verwaltungswirt Stefan Genth kritisierten Priesemann - der eine seitens des Schul-Managements, der andere aus Sicht des, von der Corona-Krise stark betroffenen, Einzelhandels. Die Physikerin ließ die Kritik ruhig über sich ergehen und verwies auf ihr Eingangsplädoyer: Um niedrigere - und damit leichter zu kontrollierende - Fallzahlen zu bekommen, müsse man die Infektionen nun mal in allen Bereichen senken. (cos) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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