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Long Covid: Ein Klinikchef spricht über Langzeitfolgen - „wie bei einem Waldbrand“

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Ein deutscher Arzt testet zum ersten Mal die Ausrüstung der Notaufnahme des portugiesischen Krankenhauses Hospital da Luz. Er trägt Schutzkleidung.
Die Spätfolgen von Corona sind sehr unterschiedlich und bedürfen häufig weiterer Behandlung. © Paulo Mumia/dpa

Häufig sind Betroffene auch lange nach einer Corona-Erkrankung nicht wieder gesund. Sie wenden sich an Post-Covid-Ambulanzen. Ein Klinikleiter erzählte nun von seinen Erlebnissen.

München - Viele Patient:innen sind auch lange nach einer Corona-Erkrankung* immer noch nicht wieder komplett gesund. Sie kämpfen beispielsweise mit Atemproblemen, neurologischen Störungen oder anhaltender Müdigkeit. Laut chinesischen Studien entwickelt etwa jede:r zweite Genesene ein sogenanntes Long-Covid-Syndrom. Viele Menschen, die vorher zu den Leistungsträger:innen der Gesellschaft zählten, können plötzlich nicht wieder voll arbeiten - auch ein wirtschaftliches Problem.

Corona-Langzeitfolgen: Long-Covid - Nicht nur ältere und vorerkrankte Menschen

Expert:innen vermuten, dass viele Folgekrankheiten derzeit auch noch gar nicht bekannt sind und erst Jahre später auftreten werden. Da die Spätsymptome von Covid-19* sehr unspezifisch und manchmal schwer zu beurteilen sind, wenden sich Betroffene an eine Post-Covid-Ambulanz, beispielsweise die Klinik für Innere Medizin IV am Universitätsklinikum Jena. Direktor Andreas Stallmach räumte im Interview mit Focus Online nun mit der Annahme auf, dass vor allem ältere oder vorerkrankte Menschen betroffen seien: „Dass so viele junge Menschen uns aufsuchen, hatten wir nicht erwartet. Das mittlere Alter unserer Patienten ist 51 Jahre. Das heißt: Die eine Hälfte ist über, die andere unter 51 Jahre alt“, so Stallmach. Er fasst eine erschreckende Prozentzahl zusammen: „60 bis 70 Prozent der Covid-Patienten, die stationär behandelt wurden, haben mit Folgeproblemen zu tun. Bei denjenigen, die wegen der Infektion nicht ins Krankenhaus mussten, sind etwa 20 Prozent betroffen.“

Im Video: Langzeitfolgen von Covid-19

Corona: Covid-19 ist keine „schwere Lungenentzündung“, sondern ein „Waldbrand“

Der Klinikchef erklärt, wie er die Krankheit erlebt - mit alles Anderem als einem klaren Krankheitsbild: „Zunächst dachte man, Covid-19 sei so etwas wie eine ‚schwere Lungenentzündung‘. Diese Einschätzung war falsch. Vielmehr ist Covid-19 eine Erkrankung, durch die sämtliche Organe des Patienten geschädigt werden können, und das auch langfristig. Das Virus tritt über den oberen Respirationstrakt, die Atemwege, in den Körper ein, vermehrt sich dort und löst dann so etwas wie eine ‚Gefäßentzündung‘ im Körper aus. Sämtliche Gefäße und damit alle Organe im Körper können betroffen sein.“

Dabei seien Vernarbungen der Lunge sehr häufig zu beobachten, aber auch Herzmuskelentzündungen oder neurologische Störungen bis hin zum Schlaganfall beobachten wir. Er hätte sogar 18- bis 20-Jährige mit einer Lähmung eines Armes oder Beines in Behandlung. Stallmach beobachtet, dass einige Folge-Erkrankungen sich wie eine Autoimmunerkrankung entwickeln. Um das zu erklären, greift er zu einem drastischen Bild: „Ein bisschen kann man sich das vorstellen wie bei einem Waldbrand, bei dem die Feuerwehr, unser Immunsystem, ein ‚Gegenfeuer‘ legt. Das Gegenfeuer gerät außer Kontrolle, vielleicht bläst der Wind plötzlich in eine andere Richtung. Und dann verbrennt der ganze Wald. Ein Stück Wald, das bis eben manchmal noch völlig gesund und intakt war.“

Da die Folge-Erkrankungen* so vielfältig sind, muss sich auch die Art der Behandlung hierzu anpassen. „Wir verstehen uns als eine Art Lotse, der die Probleme der Patienten einzugrenzen versucht und bei der Navigation hilft. Es braucht umfassende interdisziplinäre Expertise, um zu überblicken und dann konkret aktiv werden zu können“, erklärt Andreas Stallmach. (jh) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

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