Er will Hausärzte beim Impfen einbinden

Corona-Lockerungen? Virologe Drosten warnt vor kaum beherrschbarer dritter Welle - „Die Uhr tickt“

In Deutschland werden die Rufe nach Lockerungen lauter. Virologe Christian Drosten jedoch warnt vor den Folgen. Auch mit der deutschen Impfstrategie ist er unzufrieden.

München - Lockerungen? Aber wie - und zu welchem Preis? Während große Teile der deutschen Bevölkerung darauf hoffen, dass das gesellschaftliche Leben endlich wieder Normalität annimmt, denkt einer der größten Corona-Experten im Land an mögliche Folgen einer Öffnung: Christian Drosten. Dabei ist der Top-Virologe von der Berliner Charité selbst zwiegespalten.

Corona in Deutschland: „Es wird passieren, dass dann die Inzidenz wieder steigt“

Einerseits, so sagte er am Dienstag im NDR-Podcast „Das Coronavirus-Update“, „ist es aus gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Überlegungen berechtigt, Maßnahmen zurückzunehmen.“ Doch dann folgt das große Aber: „Nur muss man eben auch ganz neutral sagen, was dann auch passieren wird. Es wird passieren, dass dann die Inzidenz wieder steigt.“

Drosten erinnert an ein „sehr realistisches“ Modell der Intensivmediziner-Fachgesellschaft Divi, die eine Lockdown-Verlängerung bis 1. April gefordert hatten. Ohne diesen drohe eine kaum beherrschbare dritte Welle an Corona-Fällen. Auch die wärmere Jahreszeit helfe nur bedingt: Er rechnet deswegen maximal mit einer Verringerung um 20 Prozent. Ein Problem sei auch, dass das Virus in schwer erreichbaren Teilen der Gesellschaft angekommen sei, wo es wenig Verständnis für die Maßnahmen gebe. „Alle diese Dinge müssen wir mit einberechnen und aufpassen, dass wir nicht blauäugig in so eine Situation reinlaufen, die dann später der Wirtschaft auf die Füße fällt.“ Außerdem sei der Anteil der Virusvarianten weiter gewachsen.

Corona: Drosten will Haus- und Betriebsärzte beim Impfen einbinden

Gleichzeitig ist Drosten mit der Impfstrategie von Kanzlerin Angela Merkel und den Bundesländern unzufrieden. Es sei „ein deutscher Perfektionismus entstanden.“ Ginge es nach ihm, würden die Hausärzte und Betriebsärzte beim Impfen mit einbezogen, denn: „Die Uhr tickt.“

Drosten sagt, der „menschliche Faktor“ würde im Moment nicht genutzt. Hausärzte „wissen genau, wer bevorzugt geimpft werden sollte oder auch wer zu einer Impfung bereit ist. Auch die Betriebsärzte wissen genau, wen sie innerhalb der Belegschaft bevorzugt impfen lassen würden.“ Drostens Schluss: Als Haus- oder Betriebsarzt „kennt man seine Pappenheimer.“

Ein Problem dafür ist die Regelung, dass in Europa der Impfstoff von Biontech und Pfizer bei minus 80 Grad gelagert werden muss, in den USA beispielsweise nur bei minus 20 Grad. „Das öffnet viel besser den Zugang, dass Biontech in Hausarztpraxen verimpft werden kann.“

Corona: Zeitlicher Abstand zwischen erster und zweiter Impfung ist Drosten zu klein

Der Abstand zwischen der ersten und zweiten Impfung ist Drosten außerdem zu klein - er sollte möglichst groß sein. In Großbritannien etwa sei es das Ziel gewesen, möglichst viele Menschen möglichst schnell zu impfen. Die Verantwortlichen hätten sich dort über die behördliche Zulassung hinweggesetzt.

Die Distanz zwischen der ersten und zweiten Impfung wurde dort verlängert, wodurch mehr Menschen eine erste Dosis bekommen hätten. So wurde die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus verlangsamt. Dies schlägt er auch für Deutschland vor: Ging es nach ihm, sollte man im zweiten Quartal der zeitliche Abstand zwischen den Impfungen maximal ausschöpfen.

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa

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