Jojo-Effekt vermeiden

Corona-Endlos-Lockdown in Deutschland? Experten malen düsteres Oster-Szenario

  • Cindy Boden
    vonCindy Boden
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Weihnachten im Lockdown - und das Osterfest auch noch? Harte Maßnahmen bis ins Frühjahr hält nicht nur der Weltärztepräsident für wahrscheinlich.

  • Seit dem 16. Dezember befindet sich Deutschland im Corona-Lockdown - bis 10. Januar sollen die Maßnahmen erst einmal gelten.
  • Weltärztepräsident Montgomery glaubt, dass die erhofften Inzidenzwerte frühestens Ende Januar erreicht werden, wenn alle Bürger auch wirklich mitmachen.
  • Auch die Hygieneregeln werden den Alltag noch deutlich länger bestimmen, sagt Gesundheitsminister Spahn.

Update vom 28. Dezember, 12.23 Uhr: Der Lockdown in Deutschland beherrscht das alltägliche Leben nun seit zwölf Tagen. Drastisch gesunken sind die Corona-Zahlen noch nicht. Gespannt bleiben nun die Entwicklungen über die Weihnachtstage abzuwarten. Doch der Impf-Start verbreitet in den Augen von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) schon mal Hoffnung und Zuversicht.

So schnell werden die Impfungen „die Epidemie vorerst nicht beeinflussen“, befindet jedoch der Kieler Infektionsmediziner Helmut Fickenscher. „Dies liegt daran, dass wir einfach viel zu viele Leute zu impfen haben und noch längere Zeit nicht genügend Impfstoff zu Verfügung haben werden“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Vor Ostern rechnet Fickenscher daher nicht mit deutlichen Lockerungen der Corona-Auflagen. Vielleicht könnten einige Branchen vorher schon wieder öffnen. Aber eine relevante Lockerung im Alltag erwarte der Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten erst, wenn es deutlich wärmer wird. Daher wünsche er sich, dass der Frühling frühzeitig beginne.

Lockdown-Maßnahmen bis mindestens Ostern hatte auch Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery zuletzt ins Spiel gebracht (siehe Erstmeldung). Was passiert, entscheiden schlussendlich die Ministerpräsidenten der Länder, wenn sie Anfang Januar wieder in einer Konferenz mit Kanzlerin Angela Merkel zusammenkommen. Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, dämpfte die Erwartungen jedoch schon: „Eine schnelle Lockerung ist derzeit überhaupt nicht abzusehen, weil die Zahlen aktuell einfach besorgniserregend sind - und zwar deutschlandweit“, sagte er der ARD-Tagesschau am Sonntag.

Weltärztepräsident Montgomery erwartete Lockdown über den 10. Januar hinaus - womöglich bis Ostern?

Erstmeldung vom 16. Dezember, 9.15 Uhr:

Berlin - Der gespannte Blick auf den 10. Januar 2021: Wird dieser Sonntag das Ende des harten Lockdowns in Deutschland datieren? Seit Mittwoch gelten die neuen Corona-Regeln - erst einmal bis dahin. Doch die Hoffnung scheint bei vielen Experten und Politikern klein, dass an diesem Tag das Land wieder sorgenlos aufatmen kann. Stattdessen erwartet Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery schon jetzt eine Verlängerung des Lockdowns. Und so ganz allein ist er mit dieser Annahme nicht.

Das Ziel von Kanzlerin Angela Merkel, ihrer Vertrauten und den Länder-Chefs ist ein Inzidenzwert von 50 Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche. Zurzeit gibt es jedoch Landkreise mit Werten von über 600. Der Weg ist also weit. 27.728 Neuinfektionen meldete das Robert-Koch-Institut am Mittwochmorgen. Einige Tage werden die Zahlen noch ansteigen, weil sich Personen noch vor dem Lockdown angesteckt haben, die wegen der Inkubationszeit erst später als positive Fälle registriert werden. „Dann erst wird eine Verbesserung der Lage überhaupt sichtbar“, sagte Merkel bereits am Sonntag nach dem Corona-Gipfel. „Wie es Anfang Januar weitergeht, können wir noch nicht sagen“, stellte sie auch deshalb schon klar.

Die 50er-Inzidenz bereits Anfang Januar zu erreichen hält der Weltärztepräsident nicht für realistisch. Modellrechnungen würden zeigen, dass die niedrigeren Werte bundesweit trotz des harten Lockdowns frühestens Ende Januar in den Statistiken erscheinen könnten. Das sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Dafür müssten sich aber auch alle an die Regeln halten.

Weltärztepräsident Montgomery: „Müssen mindestens noch bis Ostern mit verschiedenen Lockdown-Maßnahmen leben“

Hinzu kommt demnächst „das Licht am Ende des Tunnels“, wie Politiker die Corona-Impfungen gern bezeichnen. Sie könnten womöglich früher starten als bisher gedacht. Doch auch hier zeigt sich Montgomery skeptisch: Der Effekt werde nur allmählich zu einer Verbesserung der Lage beitragen. „Wir werden mindestens noch bis Ostern mit verschiedenen Lockdown-Maßnahmen leben müssen“, ist daher sein düsteres Fazit.

Gefürchtet sind vor allem weitere Pandemie-Wellen, die das Land überrollen. Montgomery appelliert daher an die Politik, das Land nach dem Lockdown nicht zu schnell wieder hochzufahren. Eine dritte Corona-Welle müsste womöglich mit noch härteren Maßnahmen bekämpft werden. „Wir müssen einen Jojo-Effekt bei den Lockdown-Phasen vermeiden“, sagt der Weltärztepräsident.

Corona-Maßnahmen in Deutschland: Gesundheitsminister Spahn sieht Sommer-Perspektive

Auch wenn wieder eine Zeit ohne Lockdown kommen wird, werden die Alltags- und Hygieneregeln im Kampf gegen das Coronavirus auch trotz Zulassung eines Impfstoffes so bald nicht verschwinden. „Wir werden weit bis ins nächste Jahr hinein auch diese Regeln brauchen“, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn dem Sender n-tv. Es müsse eine Impfquote von 55 bis 65 Prozent der Bevölkerung erreicht werden, bis weitere Lockdowns auszuschließen sind. Es dauert also noch, aber „wir können eben begründet, auch zuversichtlich sagen, ab dem Sommer können wir Zug um Zug in die Normalität zurückkehren“, erklärt Spahn. Folglich: Es gibt eine Sommer-Perspektive.

Modellrechnungen zum Corona-Lockdown: Zielwerte werden wohl nicht am 10. Januar erreicht sein

Schon vor dem Beschluss der neuen Corona-Regeln in Deutschland befasste sich die Universität des Saarlandes mit Modellen, welche Lockdown-Maßnahmen wann zu Besserung führen könnten. Auch diesen Berechnungen zufolge ist das Ziel vom 10. Januar nahezu unerreichbar.

Anfang Januar wollen sich Merkel und die Ministerpräsidenten erneut zusammensetzen und die Corona-Lage beurteilen. Ein stilleres Weihnachten und Silvester sind jedenfalls schon sicher. Wie es mit Ostern aussieht, wird sich 2021 entscheiden. (cibo)

Rubriklistenbild: © Guido Kirchner/dpa

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