Impfstoffe, aber keine Medikamente?

„Hätten tausende Tote weniger“: Kann Anti-Wurmmittel gegen Corona helfen? Immunologe prangert fehlende Freigabe an

  • Christina Denk
    vonChristina Denk
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Immer wieder tauchen Hoffnungsträger unter den Corona-Medikamenten auf. Auch Ivermectin schien vielversprechend. Ein Immunologe richtet nun deutliche Worte an die Verantwortlichen.

München - Die Entwicklung der Corona-Impfstoffe läuft auf Hochtouren. Mittlerweile wurden bereits vier verschiedene Vakzine in der EU zugelassen. Doch nicht nur hier wird geforscht. Auch Medikamente, die bei einer Covid-19-Infektion helfen sollen, stehen im Fokus der Mediziner. Doch scheinbar ohne Erfolg. 400 verschiedenen Substanzen würden derzeit auf ihre Wirksamkeit geprüft werden, so DIVI-Koordinator Stefan Kluge laut dpa. Bei fast allen Studien gab es bisher negative Ergebnisse.

Welche Mittel sind dann momentan im Einsatz? Corona-Patienten werden derzeit vor allem mit Medikamenten behandelt, die gegen spezielle Reaktionen des Körpers auf das Virus helfen. So wird das entzündungshemmende und lange bekannte Kortikoid Dexamethason gegen überschießende Immunreaktionen eingesetzt. Ein Mittel, das das Virus spezifisch bekämpft, fehlt jedoch.

Medikamente gegen Corona: Immunologe ist sauer über fehlende Freigaben - „Es ist völlig unverständlich“

Für den Münchner Immunologen Dr. Peter Schleicher ist es unverständlich, warum bislang kein Medikament gegen das Coronavirus zugelassen wurde. Er sieht Chancen in dem Medikament Ivermectin, das herkömmlich als Anti-Wurmmittel eingesetzt wird. Ihm wurden in der Vergangenheit hochwirksame antivirale und entzündungshemmende Eigenschaften gegen Covid-19 zugeschrieben. „Es ist völlig unverständlich, dass es in Deutschland keine Freigabe dafür gibt. Wir hätten Tausende Tote weniger zu beklagen“, so der Immunologe gegenüber der Bild.

„Der Mechanismus ist erforscht. Der Wirkstoff blockiert das Andocken der Viren an die Zielzelle sowie die Vermehrung der Viren. Er kann sogar prophylaktisch eingesetzt werden“, meint auch Prof. Dr. Abdulgabar Salama, Internist und Immunhämatologe, im Gespräch mit der Bild. „Bei einer Infektion mit Corona wird das Virus sofort blockiert. Am sichersten wirkt es, wenn es frühzeitig bei ersten Symptomen eingenommen wird. Wenn man Menschenleben retten will, muss man dieses Mittel sofort einsetzen.“ Ein Vorteil des Medikaments sei zudem das niedrige Risiko von Nebenwirkungen.

Ein Immunologe kritisiert die Nicht-Zulassung eines Corona-Medikaments. Schwere Verläufe könnten verhindert werden.

Medikamente gegen Corona: EMA spricht sich gegen Einsatz von Ivermectin aus - Deutschland zieht nach

Ivermectin wurde vor allem in Lateinamerika vermehrt eingesetzt, um Corona-Patienten zu behandeln. Eine randomisierte Studie aus Amerika zeigte im März 2021 nun jedoch keinen klaren Zusammenhang zwischen der Medikamentengabe und einem leichteren Verlauf. Eine von insgesamt 65 Studien, die clinicaltrials.gov derzeit zu Ivermectin listet. Auch die EMA sprach sich Ende März gegen den Einsatz des Medikaments aus.

„Die EMA hat die neuesten Hinweise zur Verwendung von Ivermectin zur Prävention und Behandlung von Covid-19 überprüft und ist zu dem Schluss gekommen, dass die vorliegenden Daten den Einsatz gegen Covid-19 außerhalb von klinischen Studien nicht unterstützen.“ Und weiter: „Ivermectin ist in der EU nicht als Medikament gegen Covid-19 zugelassen.“ Tschechien und die Slowakei haben den Einsatz des Wurmmittels für ihre Länder jedoch einzeln beschlossen.

Ähnlich sieht es derzeit in Deutschland aus: Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gab auf Anfrage der Bild bekannt: „Die Studienlage zu Ivermectin wird derzeit noch ausgewertet. Die Gabe von Ivermectin zur Behandlung von Covid-19 ist nicht verboten, allerdings empfiehlt die EMA keinen Einsatz außerhalb randomisierter klinischer Studien, da die Datenlage hier noch nicht eindeutig ist.“ Bedeutet: Studien ja, kommerzieller Einsatz bislang nein. Aber auch ein Asthma-Mittel könnte ein Heilsbringer zur Corona-Bekämpfung sein. (chd)

Rubriklistenbild: © Christophe Gateau/dpa

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