So ansteckend ist sie wirklich

„Ziemlich extrem“: Studie zur Corona-Mutation alarmiert - Maßnahmen reichen womöglich nicht

  • Cindy Boden
    vonCindy Boden
    schließen

Eine Studie aus Großbritannien liefert erstmals eine klare Zahl zur Ansteckungsgefahr der neuen Corona-Variante. Müssen Lockdown-Maßnahmen nun noch einmal überdacht werden?

  • Die Virus-Variante B 1.1.7 scheint nun doch für alle Altersgruppen ansteckender zu sein als die bisherige Form.
  • Experten und Politiker warnen daher, die bisherigen Corona-Maßnahmen könnten nicht mehr ausreichen, um das Virus in den Griff zu bekommen.
  • „So viele Menschen wie möglich impfen“: Darauf ruht weiterhin die Hoffnung.

London - Die neue Coronavirus-Variante hatte Ende 2020 politisch schon für viel Wirbel gesorgt. Flugzeuge durften nicht landen, LKWs stauten sich und Menschen übernachteten am Flughafen. Auch 2021 spielen die Mutationen bei Lockdown-Entscheidungen und anderen Strategien eine Rolle.

Corona-Mutationen: Neue Zahlen zur Virus-Variante aus England

Dass Mutationen vorkommen, ist nicht neu. Von der Variante B 1.1.7 hieß es aber, sie sei deutlich ansteckender als die Ursprungsvariante, wenn auch nicht unbedingt gefährlicher oder tödlicher. Einschränkend betonten Experten immer wieder: „Wir müssen weitere Untersuchungen abwarten.“

Eine neue Studie aus Großbritannien* lieft nun Zahlen - und bestätigt die bisherige Annahme zunächst. Die neue Variante soll deutlich ansteckender sein. Der R-Wert werde um 0,4 bis 0,7 erhöht. Das ist entscheidend, denn die Reproduktionszahl sollte unter eins bleiben, damit die Ausbreitung des Coronavirus eingedämmt wird.

„Es gibt einen großen Unterschied, wie leicht sich diese Variante verbreitet“, sagte Axel Gandy vom Londoner Imperial College, der an der Studie mitgewirkt hat, gegenüber BBC News. „Dies ist die schwerwiegendste Veränderung des Virus seit Beginn der Epidemie“, fügte er hinzu.

Studie zur Corona-Variante B 1.1.7: Scheinbar doch alle Altersgruppen betroffen

Frühere Einschätzungen gingen davon aus, dass sich das veränderte Virus besonders unter Kindern schnell ausbreitet. Die neuesten Daten deuteten jedoch darauf hin, dass alle Altersgruppen betroffen sein könnten. „Eine mögliche Erklärung ist, dass die frühen Daten während des Lockdowns im November gesammelt wurden, als die Schulen geöffnet waren und die Aktivitäten der erwachsenen Bevölkerung eingeschränkter waren. Wir sehen jetzt, dass das neue Virus die Infektiosität in allen Altersgruppen erhöht hat“, sagte Gandy.

Diese Ergebnisse könnten gravierende Auswirkungen auf die weiteren Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung haben. „Wenn wir nichts anderes tun, wird sich der neue Virusstamm weiter ausbreiten, es wird mehr Infektionen, mehr Krankenhausaufenthalte und mehr Todesfälle geben“, sagte Jim Naismith von der Universität Oxford gegen der BBC. Dass der November-Lockdown in England die Ausbreitung der neuen Variante der Studie nach nicht gestoppt hat, gab er zudem zu bedenken.

Vor Lockdown-Verlängerung: Wie wirksam sind die Corona-Maßnahmen, wenn eine ansteckendere Variante im Umlauf ist?

Corona Lockdown in Deutschland: Verlängerung auch aus Angst vor Mutationen?

Es sei wahrscheinlich, dass die Variante bald auch in Deutschland dominierend sein werde, erklärte der Virologe Jörg Timm von der Uniklinik Düsseldorf der Deutschen Presse-Agentur. „Ich halte eine Senkung der Fallzahlen grundsätzlich für eine nachhaltige Infektionskontrolle für notwendig. Wenn die Daten zur erhöhten Ansteckungsfähigkeit der neuen Variante stimmen - und davon gehe ich aus - dann wird die Aufgabe sicherlich schwieriger.“

Alle Hoffnung liegt damit weiterhin auf dem Corona-Impfstoff. In Großbritannien wurde am Montag der erste Mann mit dem neu zugelassenen AstraZeneca-Mittel geimpft. In Deutschland werden ebenfalls immer mehr Menschen immunisiert, doch die politischen Diskussionen rund um den Impfstoff laufen. Hersteller Biontech geht bisher davon aus, dass sein Mittel auch gegen die Mutationen wirkt. Weitere Untersuchungen sollen folgen.

Außerdem wurde 2020 eine weitere Variante in Südafrika entdeckt. Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock zeigte sich am Montag auch wegen dieser Variante ziemlich besorgt. „Deshalb haben wir die Maßnahmen ergriffen, die wir ergriffen haben, um alle Flüge von Südafrika aus einzuschränken“, sagte er gegenüber BBC Radio. „Dies ist ein sehr, sehr bedeutendes Problem (...) und es ist noch mehr ein Problem als die neue britische Variante.“ Auch diesbezüglich dürften weitere Studien und Untersuchungen folgen, um die Gefahr besser einschätzen zu können.

Corona-Mutation und die Folgen: Deutschland könnten harte Maßnahmen blühen

Vor dem Corona-Gipfel am Dienstag stehen die Zeichen auf Verlängerung. Bund und Länder dürften „keine weiteren Risiken eingehen, insbesondere mit Blick auf die neue Virus-Mutation B 1.1.7 mit ihrer erhöhten Ansteckungsgefahr“, sagte Tobias Hans (CDU), Ministerpräsident des Saarlands, den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Bei seiner umstrittenen Aussage zu einem zeitlich unbefristeten Lockdown nahm auch Karl Lauterbach (SPD) gegenüber der Passauer Neuen Presse die Gefahr der Mutationen in den Blick: „Wir müssen die Neuinfektionen deutlicher reduzieren als bisher geplant. Ein Inzidenzwert von 50 reicht nicht aus, weil wir es in Zukunft wahrscheinlich mit einer Virus-Variante zu tun haben werden, die wesentlich ansteckender ist als die bisher in Deutschland verbreitete.“(cibo) *merkur.de und hna.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © Tom Weller/dpa

Auch interessant

Kommentare