„Wettlauf gegen die Zeit“

Corona-Mutanten immun gegen Impfstoff? Lauterbach warnt vor „Katastrophe“ - und Problemen in Europa

  • Patrick Huljina
    vonPatrick Huljina
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Forscher aus Göttingen halten die Entstehung von neuen Virus-Varianten, die immun gegen die aktuellen Corona-Impfstoffe sind, für denkbar - auch in Deutschland.

Update vom 19. April: Epidemiologie-Professor Timo Ulrichs warnt vor der Ausbreitung von Coronavirus-Mutanten in Deutschland. „Es ist in der Tat eine Art Wettlauf“, sagte er dem Portal rtl.de. „Wir müssen jetzt schnell und stringent alles durchimpfen“, so der Epidemiologe weiter. Das müsse jedoch nicht nur in Deutschland erfolgen, sondern auch in ärmeren Ländern. Sonst laufe man Gefahr, dass sich Virus-Varianten, wie etwa die brasilianische der die südafrikanische Mutation, weiterentwickeln.

Besonders impfstoff-immune Corona-Mutanten, sogenannte Escape-Varianten, bereiten Sorgen und sind in Deutschland nicht unwahrscheinlich (siehe Erstmeldung). Epidemiologe Ulrichs erklärte, es sei möglich, schnell auf ein solches Worst-Case-Szenario zu reagieren. „Man kann den Impfstoff schnell überarbeiten, indem man die mRNA-Information anpasst und dann nachimpft“, sagte er. Auch Biontech-Gründer Sahin machte diesbezüglich bereits Hoffnungen.

Corona-Mutation: Lauterbach warnt eindringlich vor B1.617 - „Kommt auch auf Europa ein Problem zu“

Dennoch wächst die Sorge vor einer solchen Super-Mutante. So warnte am Montag auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach vor der neuen Mutante B1.617. Die erstmals Anfang des Jahres in Indien aufgetauchte Variante hat eine doppelte Mutation und gilt als weit ansteckender als der Virus-Wildtyp.

Via Twitter schrieb der Politiker: „In Indien bahnt sich eine Covid-Katastrophe an. Die neue Mutation B1.617 setzt sich massiv durch, auch gegen B.1.1.7. Da B1.617 sich auch bei Impfung durchsetzen kann, kommt auch auf Europa ein Problem zu.“ Auch in England würden die Corona-Fälle mit der Mutante B1.617 „rasant“ steigen. Unklar ist Lauterbach zufolge jedoch, ob die Ausbreitung durch Reisende verursacht werde.

Impfstoff-immune Corona-Mutanten: Entstehung in Deutschland „extremes Szenario, aber nicht auszuschließen“

Erstmeldung vom 13. April: Göttingen - Deutschland befindet sich aktuell in der dritten Welle der Corona-Pandemie. Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz steigt weiter an, Intensivmediziner warnen vor einem neuen Höchststand an Covid-Intensivpatienten bereits im April. Dafür ist vor allem die Ausbreitung von Corona-Mutanten, wie beispielsweise der Virus-Variante B.1.1.7, verantwortlich. Forscher schließen in einer neuen Studie nicht aus, dass in Deutschland ebenfalls Varianten entstehen können, gegen die auch aktuelle Corona-Impfstoffe weniger oder gar nicht mehr wirken.

Corona-Mutation: Entstehung von Impfstoff-immuner Virus-Variante in Deutschland möglich

Solche Escape-Varianten können dann entstehen, wenn sich das Coronavirus in einer Bevölkerung mit unvollständigem Immunschutz ausbreitet, erklärten die Forscher Stefan Pöhlmann und Markus Hoffmann vom Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen. Dies sei beispielsweise auch der Fall, wenn die Immunität nach einer überstandenen Infektion oder Impfung langsam abnimmt.

„Falls in einer Bevölkerung kaum Immunität vorherrscht, so wie derzeit in Deutschland, würde eine Escape-Variante in direkter Konkurrenz mit den vorherrschenden Virus-Varianten stehen, die ihrerseits noch genügend empfängliche Wirte vorfinden“, erklärten die Wissenschaftler. Eine Escape-Variante würde sich nur dann großflächig durchsetzen, wenn sie auch besser übertragbar wäre.

Corona-Mutation: Virus-Varianten B.1.351 und P.1 als Beispiele für Escape-Varianten

Als Beispiel für ein solches Szenario nennen Pöhlmann und Hoffmann die Virus-Variante P.1 in Brasilien. Die Experten des Deutschen Primatenzentrums haben zusammen mit Kollegen des Uniklinikums Ulm herausgefunden, dass ein für die Covid-19-Therapie eingesetzter Antikörper bei den Corona-Varianten P.1 und B.1.351 aus Südafrika komplett wirkungslos gewesen sei. Diese beiden Virus-Varianten stufen sie daher als Escape-Varianten ein.

Es sei aber davon auszugehen, dass B.1.351 und P.1 immer noch durch die verfügbaren Corona-Impfstoffe gehemmt würden. „Allerdings ist der Impfschutz möglicherweise reduziert und von kürzerer Dauer“, so die Wissenschaftler. Daher sei es umso wichtiger, durch die Impfung schnell eine großflächige Immunität in der Bevölkerung zu erlangen und so den Virus-Varianten die Wirte zu rauben, die sie für eine Ausbreitung benötigten.

Entstehung von Escape-Variante in Deutschland: „Extremes Szenario, aber nicht auszuschließen“

Die Forscher schließen nicht aus, dass neue Virus-Varianten entstehen könnten, gegen die aktuelle Corona-Impfstoffe weniger oder gar nicht mehr wirken. Insbesondere bei einer starken Ausbreitung des Coronavirus, wie sie aktuell in Deutschland stattfindet, sei dies „ein extremes Szenario, aber nicht auszuschließen“, erklärten Pöhlmann und Hoffmann. Um die Wahrscheinlichkeit einer Entstehung solcher Escape-Varianten zu senken, müsse die Ausbreitung des Coronavirus wirksam eingedämmt werden - etwa durch die Einhaltung der AHA-Regeln und flächendeckende Corona-Impfungen.

Pöhlmann und Hoffmann schlugen zudem eine Anpassung der vorhandenen Corona-Impfstoffe vor, um den Schutz gegen Virus-Varianten wie B.1.351 und P.1 zu verbessern. „Dieses Vorgehen würde der Impfstrategie ähneln, mit der wir uns vor Grippeviren schützen“, erklärten die Wissenschaftler.

Die britische Corona-Mutation B.1.1.7 breitet sich in Deutschland rasant aus. Sie ist weitaus ansteckender als die Ursprungsversion - aber nicht tödlicher, wie eine aktuelle Studie zeigt. (ph/dpa)

Rubriklistenbild: © Matthias Bein/dpa

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