Das Schild „Geschlossen“ hängt an der Eingangstür zu einem Ladengeschäft am Marktplatz von Schwerin.
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Während der Corona-Pandemie müssen viele Läden immer wieder schließen.

Kritik an Vorgehen der Politik

Corona-Strategie: Von Lockdown zu Lockdown - Experte zeigt Weg aus der Endlosschleife

  • Kai Hartwig
    vonKai Hartwig
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Gelingt Deutschland im Kampf gegen die dritte Corona-Welle mit der Bundes-Notbremse der große Wurf? Ein Experte ist skeptisch - und schlägt eine andere Strategie vor.

Berlin – In Deutschland soll nach dem Wunsch der Regierung die Bundes-Notbremse kommen. Mit bundesweit einheitlichen Corona-Regelungen wollen Kanzlerin Angela Merkel und ihr Kabinett die dritte Welle brechen. Für viele Beobachter fühlt es sich so an, als hangele sich Deutschland auch gut ein Jahr nach Pandemie-Beginn von Lockdown zu Lockdown. Bislang sind die Erfolge zumeist nur von kurzer Dauer gewesen.

Doch was wären die geeigneten Maßnahmen, um dem nicht enden wollenden Kreislauf aus Lockdown, Lockerungen und erneutem Lockdown zu entfliehen? Ein Experte, der auch mit dem Robert Koch-Institut zusammenarbeitet, hat eine Idee. Der Physiker Dirk Brockmann ist Teil der No-Covid-Initiative und hat ein Modell entwickelt, das aus der Lockdown-Endlosschleife herausführen soll.

Corona-Strategie: Uni-Professor Brockmann fordert klares Ziel nach Lockdown

Brockmann fordert einen kurzen, harten Lockdown, um die Inzidenzen deutlich zu senken. „Unser Ziel ist eine null Risikoinzidenz, also keine Fälle, die nicht zurückverfolgt werden können“, erklärte Brockmann im interview mit dem Spiegel. „Wenn in einem Bundesland eine Niedriginzidenz von 30 erreicht ist, wird es auch viele Gemeinden geben, die gar keine Fälle mehr haben, die muss man dann differenziert betrachten.“

Gelinge es, die Inzidenz in einzelnen Regionen unter den Wert von 30 zu bringen, könne man „mit durchdachten Konzepten wieder öffnen“, so der Professor der Berliner Humboldt-Universität. „Wenn die Fallzahlen erst einmal unten sind, kann man die Pandemie viel besser kontrollieren“, führte Brockmann aus. Dann könne die Bevölkerung auch „fast wieder normal leben. Aber dafür brauchen wir zuerst einen harten Lockdown.“

Brockmann kritisierte das Vorgehen der Politik scharf. Die präsentiere sich ziellos, „wie ein großer Dampfer auf dem Ozean: Sie umschiffen immer wieder träge die aufkommenden Gewitter, ohne dabei Land anzusteuern.“ Und genau da sieht der Wissenschaftler die Grundproblematik. Es fehle im Kampf der Regierung gegen die Corona-Pandemie vor allen Dingen eines: ein Ziel.

Corona-Strategie der Bundesregierung: „Betriebsanleitung für erfolgreichen Dauer-Lockdown.“

Dabei störte sich Brockmann schon an dem Begriff „harter Lockdown“. Es mangele seitens der verantwortlichen Politiker auch an entsprechender klarer Sprache: „Wir leben ja schon seit Wochen mit Maßnahmen, was soll denn ein harter Lockdown nun bedeuten? Das müsste viel besser kommuniziert werden“, forderte Brockmann.

Auch hier könne ein klares Ziel die Bevölkerung motivieren, kurzfristig die Entbehrungen eines harten Lockdowns in Kauf zu nehmen. Um dann mittel- bis langfristig und vor allem dauerhaft zu profitieren. Dafür müsse „die Regierung eine realistische Perspektive“ benennen, „für die es sich lohnt, sich für einen bestimmten Zeitraum einzuschränken. Zum Beispiel eine sehr niedrige Inzidenz, mit der man kontrolliert öffnen kann, ohne dass die Fallzahlen direkt wieder in die Höhe schießen. Und sie muss erklären, wie man dahin kommt.“

Mit der aktuellen Strategie der Entscheidungsträger gegen das Coronavirus kann Brockmann unterdessen wenig anfangen. Ihn stört in erster Linie die Fokussierung auf den Inzidenzwert 100. Dieser sei „viel zu hoch“ angesetzt. „Wenn wir jetzt immer bei einer Inzidenz knapp unter 100 lockern, müssen wir kurz darauf wieder schließen“, warnte Brockmann. So gebe es kein Entrinnen aus dem Hin und Her von Lockdown und Lockerungen. „Das ist eine Betriebsanleitung für einen erfolgreichen Dauer-Lockdown.“ (kh)

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