Soldaten betreten ein Transportflugzeug vom Typ "Airbus A400M" auf dem Gelände vom Fliegerhorst Wunstorf. Die Bundeswehr will die Nothilfe für das von der Corona-Pandemie schwer getroffene Portugal am heutigen Mittwoch mit einem Flugzeug nach Lissabon fliegen.
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Ein Team der Bundeswehr flog am vergangenen Mittwoch zum Corona-Hilfseinsatz nach Portugal.

„Gefühl des Unrechts“

Nach Corona-Lockerungen in Portugal: „System ist überlastet“ - Bundeswehr-Einsatz sorgt für Unverständnis

  • Patrick Huljina
    vonPatrick Huljina
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Die Corona-Lage in Portugal ist angespannt - viele öffentliche Kliniken am Rande ihrer Kapazitäten. Die Bundeswehr hat einen Hilfseinsatz gestartet. Der wirft allerdings Fragen auf.

  • Die Corona-Lage in Portugal ist weiterhin besorgniserregend.
  • Die Bundeswehr ist zu einem Hilfseinsatz aufgebrochen und am vergangenen Mittwoch in Lissabon gelandet.
  • Der Einsatzort der deutschen Hilfskräfte sorgt allerdings für Unmut.

Lissabon - Vor Weihnachten tat die portugiesische Regierung das, was derzeit viele in Deutschland fordern - sie lockerte die Corona-Maßnahmen. Geschäfte und Schulen öffneten, Familienbesuche wurden wieder erlaubt. Im Januar folgte ein extremer Anstieg der Infektionszahlen. Die Ausbreitung der britischen Corona-Mutation B.1.1.7 sorgte für eine dritte Welle. Zwischenzeitlich lag die 7-Tage-Inzidenz bei einem Wert von 884.

Corona in Portugal: „Es ist fürchterlich“ - Ärzte machen Lockerungen für hohe Zahlen verantwortlich

„Es ist fürchterlich, aber wir müssen da jetzt durch und Opfer bringen. Wenn wir uns gegenseitig helfen, schaffen wir das“, sagte eine Einwohnerin der Stadt Viseu im ARD-„Weltspiegel“. Die Ärzte des dortigen Regionalkrankenhauses machen die Lockerungen vor Weihnachten und die Ausbreitung der Virus-Variante für die derzeit schlimme Lage in Portugal verantwortlich.

„Wir sind im Moment auf einem sehr hohen Plateau“, erklärt Vitor Almeida, Arzt im Krankenhaus von Viseu. Rund 280 Patienten sind derzeit stationär aufgenommen, die Zahl der Intensivpatienten steigt stetig, berichtet der deutschsprachige Mediziner im ARD-„Weltspiegel“. „Wir haben ganze Familien im Krankenhaus“, schildert Almeida die Lage.

Ende Januar standen Krankenwagen teilweise Schlange, um ihre Covid-19-Patienten an die Sanitäter im Krankenhaus zu übergeben.

Corona in Portugal: Arbeitskräfte in Krankenhäusern fehlen - Hilfseinsatz der Bundeswehr

Die technische Ausstattung der Krankenhäuser sei in Portugal kein Problem, berichtet er. „Was wirklich fehlt, sind Arbeitskräfte“, bemängelt Almeida. Junge Ärzte und Pflegekräfte würden nach ihrer guten Ausbildung häufig aus dem Ausland abgeworben. Das Personal im Krankenhaus von Viseu arbeite teilweise 80 Stunden in der Woche und stehe „massiv unter Druck“, erklärt Almeida.

Die öffentlichen Krankenhäuser in Portugal tragen die Hauptlast in der Corona-Pandemie und benötigen Unterstützung. Am vergangenen Mittwoch traf ein 26-köpfiges Team der deutschen Bundeswehr zum Corona-Hilfseinsatz in Lissabon ein - darunter acht Ärzt:innen und Pflegepersonal. Ihr Einsatzort ist allerdings kein öffentliches Krankenhaus, sondern eine moderne Privatklinik in der portugiesischen Hauptstadt.

Corona in Portugal: Einsatz der Bundeswehr sorgt für Unverständnis - „Gefühl des Unrechts“

Diese Entscheidung, die von Portugals Regierung getroffen wurde, wirft in den öffentlichen Krankenhäusern Fragen auf. Bislang habe sich der private Sektor im Kampf gegen die Corona-Pandemie nicht besonders beteiligt. Almeida ist sauer auf die Regierung. Sie weigere sich seit Monaten, Privatkliniken im Kampf gegen das Coronavirus zur Aufnahme von Covid-19-Patienten zu verpflichten und schicke nun auch noch die Hilfe der Bundeswehr ausgerechnet in eine Privatklinik.

„Das gibt ein Gefühl des Unrechts und einen bitteren Nachgeschmack“, sagt Almeida. Das Krankenhaus von Viseu hat aufgrund der hohen Patienten-Zahlen eine provisorische Covid-Station in einer Sporthalle errichtet. „Das öffentliche System ist eindeutig überlastet und nach zehn Monaten Pandemie-Kampf kommen auf einmal die Privaten in die Szene - und dann auch noch mit der Bundeswehr“, kritisiert der Mediziner mit fragendem Blick.

Corona in Portugal: Bundeswehr-Einsatz in Privatklinik - Patienten aus anderen Krankenhäusern

Die Bundeswehr-Soldaten waren angetan von den idealen Arbeitsbedingungen in der Lissaboner Privatklinik. Acht Intensivpatienten sollen dort von den deutschen Helfern ab Montag rund um die Uhr betreut werden. „Die Portugiesen haben uns gebeten, hier zu arbeiten“, stellt Oberarzt Jens-Peter Evers gegenüber dem ARD-„Weltspiegel“ klar.

„Die Privatklinik hat uns diese Infrastruktur zur Verfügung gestellt. Die Patienten, die wir behandeln werden, werden von anderen Krankenhäusern übernommen. Somit unterstützen wir nicht die Privatklinik, sondern nutzen nur deren Räumlichkeiten“, erklärt Evers weiter. Trotz der Hilfe durch die Bundeswehr dürfte Portugal noch vor schwierigen Wochen im Kampf gegen die Corona-Pandemie stehen. (ph)

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