Inzidenz von 900 auf 30 gedrückt

Von Inzidenz 900 auf 30: Portugal wird mit seiner Corona-Strategie zum Musterschüler

  • Marcus Giebel
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Es gibt sie noch immer. Die kleinen und großen Erfolgsgeschichten in der Corona-Pandemie. Eine der jüngsten hat Portugal geschrieben. Auch mit Unterstützung aus Deutschland.

München - Die dritte Welle ist gebrochen, der Lockerungsplan für die nächsten Wochen steht. Portugal hat sich binnen zwei Monaten vom abschreckenden Beispiel zum Vorbild in der Corona-Pandemie emporgearbeitet. Weil die ganze Nation an einem Strang gezogen hat. Und das trotz vieler Entbehrungen nach wie vor tut.

Die Belohnung: Ab Montag dürfen kleine Geschäfte und Museen wieder öffnen sowie Gastrobetriebe Gäste im Außenbereich bewirten. Außerdem soll es wieder erlaubt werden, in Kleingruppen von bis zu vier Personen Sport im Freien zu treiben. Bis Anfang Mai sollen in Stufen weitere Lockerungen folgen. So könnten ab Mitte April auch Kinos und Theater wieder Besucher empfangen, in rund einem Monat auch Restaurants und Cafés ihre Innenräume öffnen dürfen.

Corona-Pandemie in Portugal: Strikte Ausgangsbeschränkungen und Masken-Pflicht auch im Freien

Möglich wird dieser Plan aufgrund der erfolgreichen Maßnahmen, die seit Januar im ganzen Land greifen. Es gelten strikte Ausgangsbeschränkungen, Ausnahmen bilden lediglich Lebensmitteleinkäufe, Arzt-, Apotheken- oder Krankenhausbesuche. Auch der Weg zur Bank oder zur Tankstelle ist erlaubt.

Eine Home-Office-Pflicht wurde verhängt. Spaziergänge oder Sport an der frischen Luft bleiben auf einen kurzen Zeitraum und den Umkreis der eigenen Wohnung oder des eigenen Grundstücks beschränkt. Die Polizei soll die Einhaltung der Regeln sogar mit Hubschraubern kontrollieren. Auch im Freien haben die Menschen eine Maske zu tragen.

Corona-Pandemie in Portugal: Kontakt nur mit dem eigenen Hausstand erlaubt

Über die Wochenenden - also von Freitagabend bis Montagmorgen - darf der eigene Landkreis nicht verlassen werden. Ohnehin sind die Kontakte seit mehr als zwei Monaten auf den eigenen Hausstand beschränkt. Das heißt auch: keinerlei Besuche. Da bildet Ostern keine Ausnahme.

Mit diesem rigiden Kurs hat Portugal die Infektionszahlen deutlich heruntergedrückt. Waren allein am 28. Januar - in der absoluten Hochzeit - mehr als 16.000 neue Fälle gemeldet worden, sind es derzeit nur noch wenige hundert am Tag. In den zwei Wochen zwischen dem 21. März und Ostersamstag wurden insgesamt lediglich 6.062 Infektionen registriert.

Am Anschlag: Über Wochen und Monate waren die Intensivbetten in Portugal mit Covid-19-Patienten ausgelastet.

Corona-Pandemie in Portugal: Tägliche Todeszahlen sind mittlerweile einstellig - niedrige Positivrate bei Tests

Besonders positiv: Die tägliche Todeszahl im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 war zuletzt einstellig. Wohlgemerkt in einem Land mit mehr als zehn Millionen Einwohnern.

Die landesweite Sieben-Tage-Inzidenz sank Meldungen zufolge von einst 900 auf unter 30. Dabei wird auch im Land an der Algarve eifrig getestet, die Positivrate liegt jedoch laut Tagesspiegel lediglich bei 1,4 Prozent. Beeindruckend wenig. Zum Vergleich: In Deutschland sind es acht Prozent.

Corona-Pandemie in Portugal: Einreise für Deutsche nur aus triftigem Grund und mit negativem Test möglich

Etwas problematischer ist die Lage lediglich auf der Insel Madeira, die auch vom Auswärtigen Amt wegen einer Inzidenz jenseits der 50 als Risikogebiet eingestuft wird. Dagegen wurde die Region Lissabon an Ostern von der Liste gestrichen. Allerdings dürfen Deutsche ohnehin nur für „notwendige, nicht touristische Reisen“ ins Land - wenn sie einen negativen PCR-Test vorweisen, der nicht älter als 72 Stunden ist.

Mehrere Wochen lang unterstützte allerdings die Bundeswehr vor Ort den Kampf gegen das Virus. In einem Lissaboner Krankenhaus umsorgte das Sanitätsteam Intensivpatienten - dieser Einsatz fand Anerkennung. „Die Leute sprechen uns direkt an, wenn sie uns sehen. Wenn sie an der Ampel neben uns halten müssen, hupen sie und zeigen den Daumen hoch. Das ist wirklich ganz, ganz toll, was wir für eine Wertschätzung von der Bevölkerung bekommen“, zitierte tagesschau.de den Oberstarzt Jens-Peter Evers.

Corona-Pandemie in Portugal: Staatspräsident erklärt „Notstand“

Wie die Menschen im Land die Einschränkungen grundsätzlich ohne größeren Aufschrei mitzutragen scheinen. Diese Folgsamkeit wird auch mit der Vergangenheit des Landes als Diktatur bis in die 70er Jahre hinein erklärt. So spricht Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa von einem „Notstand“, zu dem gegriffen werden musste, „um die restriktiven Maßnahmen beim härtesten Kampf gegen die Pandemie rechtlich zu begründen“.

Bereits vor Ostern wurden zumindest wieder einige Kitas, Schulen und Universitäten geöffnet. Zur Sicherheit wird vor vielen Schulen Fieber gemessen. Es soll schließlich kein unnötiges Risiko eingegangen werden. Ein weiterer harter Lockdown würde der schon jetzt enorm ächzenden Wirtschaft einen weiteren Tiefschlag verpassen.

Denn trotz aller positiven Entwicklungen Portugals in den vergangenen Wochen, bleibt ein Problem wie in der gesamten EU: Die Impfungen gehen viel zu langsam voran. Deshalb wissen die Menschen im Land, wie fragil der jüngste Erfolg ist. (mg)

Rubriklistenbild: © Matthias Balk/dpa

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