In einem Zimmer der Intensivstation wird ein Patient mit einem schweren Covid-19 Krankheitsverlauf behandelt.
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Die Corona-Situation in Deutschland wird kritischer. Ein Forscher des RKI fordert einen harten Lockdown.

„Was fehlt: Ein Ziel“

Corona: Scharfe RKI-Kritik an Merkels Notbremse - „Betriebsanleitung für einen erfolgreichen Dauer-Lockdown“

  • Michelle Brey
    vonMichelle Brey
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Die Corona-Fallzahlen in Deutschland steigen. Eine bundesweite Notbremse soll die Lösung sein. Ein Physiker des Robert-Koch-Instituts kritisiert das Vorhaben der Regierung scharf.

Berlin/München - In Deutschland soll zukünftig bei hohen Sieben-Tages-Inzidenzen auf eine bundesweite Notbremse gesetzt werden. Die Beratungen über die Änderungen am Infektionsschutzgesetz gehen am Montag (19. April) weiter. An Kritik an dem Vorhaben fehlt es nicht. Nachdem zuletzt ein Epidemiologe einen großen Fehler anprangerte, bemängelt nun auch Physiker Dirk Brockmann die Pläne der Bundesregierung. Er modelliert für das Robert-Koch-Institut das Corona-Infektionsgeschehen.

Corona in Deutschland: RKI-Physiker kritisiert Corona-Strategie der Regierung - „Was fehlt: ein Ziel“

Die Politik agiere wie „ein großer Dampfer im Ozean“, so Brockmann gegenüber Spiegel.de. Weiter führte er sinnbildlich aus: „Sie umschiffen immer wieder träge die aufkommenden Gewitter, ohne dabei Land anzusteuern. Und genau das ist es, was fehlt: ein Ziel.“

Von Bedeutung sei es, eine realistische Perspektive zu nennen, für die es sich auch lohne, sich für einen bestimmten Zeitraum einzuschränken. „Zum Beispiel eine sehr niedrige Inzidenz, mit der man kontrolliert öffnen kann, ohne dass die Fallzahlen direkt wieder in die Höhe schießen“, sagte Brockmann. Auch müsse erklärt werden, wie das erreicht werden könne. Der Physiker kritisierte scharf: „Stattdessen konzentrieren sich die Entscheidungsträger nun auf eine Inzidenz von 100, die viel zu hoch ist. Wenn wir jetzt immer bei einer Inzidenz knapp unter 100 lockern, müssen wir kurz darauf wieder schließen. Das ist eine Betriebsanleitung für einen erfolgreichen Dauer-Lockdown.“

„No-Covid-Strategie“: Experten fordern harten Corona-Lockdown für Deutschland

Dirk Brockmann ist Mitglied der sogenannten „No-Covid-Strategie“. Zusammen mit Experten wie Virologin Melanie Brinkmann fordert er seit Monaten einen kurzen, harten Lockdown. Das Ziel sei eine „null Risikoinzidenz“. Das bedeutet, dass es keine Corona-Fälle mehr gibt, die eine Zurückverfolgung nicht möglich machen. Gegenüber Spiegel.de sagte Brockmann diesbezüglich: „Natürlich ist es vorerst unrealistisch, bundesweit gar keine Neuinfektionen zu haben.“ Die Experten seien jedoch der Meinung, dass eine Niedriginzidenz von unter 30 zu schaffen sei. Des Weiteren sei das eine Basis um „dann mit durchdachten Konzepten wieder zu öffnen.“

Die Voraussetzung für die „No-Covid-Strategie“ sei ein harter Lockdown. Dass konsequente Maßnahmen schnell Wirkung zeigen würden, sehe man an Ländern wie Portugal, Irland, Norwegen oder Finnland. „Wenn wir uns jetzt gemeinsam noch mal drei oder vier Wochen stark einschränken“, dann könnte man das auch in Deutschland schaffen. Erforderlich sei dann auch ein Plan für die Zeit nach dem harten Lockdown. Hierzu würden „kluge Teststrategien“ und das Vorantreiben der Impfkampagne zählen.

Doch die Aussichten auf einen harten Lockdown stehen eher gering. Indes wurde am Montag bekannt, dass das geplante Gesetz zur Eindämmung der Corona-Pandemie nun doch weniger strenge Regeln für nächtliche Ausgangsbeschränkungen enthalten soll als ursprünglich geplant.

Aktuelle Zahlen zeigen, dass die Infektionen in Deutschland weiter steigen. Das RKI meldete am Montag einen traurigen Todeszahlen-Rekord. (mbr)

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