Pandemie in Deutschland

RKI-Studien mit bitterem Ergebnis: Infektionen und Sterblichkeit völlig ungleich verteilt - „Arme baden es aus“

  • Michelle Brey
    vonMichelle Brey
    schließen

Zwei Studien des Robert-Koch-Instituts zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem sozialen Status und dem Coronavirus gibt. Die Ergebnisse sind niederschmetternd.

München - Deutschland steckt mitten in der dritten Coronavirus-Welle. Bundesweit steigen die Fallzahlen und die Sieben-Tage-Inzidenz befindet sich auf hohem Niveau. Zwei Studien des Robert-Koch-Instituts (RKI) untersuchten das Risiko einer Infektion und die Covid-19-Sterblichkeit in Bezug auf den sozialen Status.

RKI-Studien: „Anstieg der Covid-19-Todesfälle in sozial benachteiligten Regionen am stärksten“

Beide Studien des RKI beziehen sich auf Zahlen der zweiten Infektionswelle (Herbst und Winter 2020/21) in Deutschland. Die Covid-19-Sterblichkeit stieg damals stark an. Im Dezember und Januar wurde ein Höchststand erreicht. Für die Analyse der sozialen Unterschiede orientierten sich beide Studien an dem „German Index of Socioeconomic Deprivation“ (GISD). Dieser Index besteht aus Daten zu Beruf, Bildung und Einkommen der Deutschen.

Mehr als 42.000 Personen sind der ersten Studie zufolge im Dezember und Januar an Covid-19 gestorben. 90 Prozent der Corona-Toten waren 70 Jahre alt oder älter. Weiter schrieb das RKI: „Der Anstieg der Covid-19-Todesfälle fiel in sozial benachteiligten Regionen Deutschlands am stärksten aus - sowohl bei Männern als auch bei Frauen. [...] Im Dezember und Januar lag die Covid-19-Sterblichkeit in sozial stark benachteiligten Regionen um rund 50 bis 70 Prozent höher als in Regionen mit geringer sozialer Benachteiligung.“

Coronavirus-Studie: Große Unterschiede im Infektionsrisiko

Wie Ergebnisse einer weiteren Studie zeigen, ist auch das Infektionsrisiko ungleich verteilt. Diese Studie veröffentlichte das RKI im Deutschen Ärzteblatt. Zu Beginn der zweiten Corona-Welle seien zunächst höhere Inzidenzraten in wohlhabenderen Regionen festgestellt worden. „Mit dem Voranschreiten der zweiten Welle kehrte sich dieses Muster jedoch um, sodass Menschen in sozioökonomisch stark deprivierten Regionen schließlich am häufigsten betroffen waren“, ist der Studie zu entnehmen. Dies sei auch in der ersten Virus-Welle beobachtet worden.

Coronavirus in Deutschland: „Die Armen baden es zunehmend aus“

Die Ergebnisse würden Rückschlüsse darauf zulassen, „dass sozioökonomisch bessergestellte Bevölkerungsgruppen für die anfängliche Dynamik einer Sars-CoV-2-Welle eine bedeutende Rolle spielen“. Ursächlich dafür könnten „Urlaubsreisen oder stärkere Pendlerverflechtungen“ sein. Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, sagte Mitte April gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland in Bezug auf die Studie: „Die, die reisen konnten, brachten das Virus und die Armen baden es zunehmend aus. Zum einen aufgrund der steigenden Infektionen und schwereren Krankheitsverläufe, zum anderen weil sie durch die Pandemie eine viel höhere finanzielle Belastung haben.“

Konkrete Ergebnisse der Studie:

  • Bei ärmeren Menschen im Alter von 60 bis 79 stieg der Inzidenzwert von 80 (Beginn der zweiten Welle) bis auf circa 190 (Anfang Januar).
  • Bei ärmeren Menschen im Alter von 30 bis 59 Jahren stieg der Inzidenzwert bei Frauen von 147 (Beginn der zweiten Welle) bis auf 307 (Anfang Januar). Bei Männern stiegen die Werte von 124 auf 222.

Impfung-Herausforderung: „Geht nicht nur um den kulturellen Hintergrund, sondern auch die soziale Lage“

Auf die sozialen Unterschiede in der Gesellschaft spielte auch Gesundheitsminister Jens Spahn am Montag in einem Interview an. Vorab soll er nach Informationen von Bild.de gesagt haben, es sei eine Herausforderung bei Migranten für die Corona-Impfung zu werben. Auch Virologe Hendrik Streeck hat seine These in einem Interview kommuniziert.

In einem Interview mit Welt.de bestätigte der Politiker seine Aussage: „Es ist so, ich habe gesagt, es gibt bestimmte Gruppen.“ Dabei gehe es jedoch „nicht nur um den kulturellen Hintergrund, sondern auch die soziale Lage“. „Das macht auch einen Unterschied, dass wir diejenigen erreichen, die wir auch ansonsten mit Präventionsangeboten schwer erreichen, wenn es um Gesundheit geht“, fuhr Spahn in dem Interview fort. In Deutschland haben knapp 20 Millionen Menschen eine Erstimpfung erhalten (Stand: 27.April).

CDU-Spitzenpolitiker räumten jetzt Verbesserungsbedarf im Umgang mit Nicht-Muttersprachlern und anderen Gruppen in der Impf-Kampagne ein. Hinsichtlich der Corona-Missstände äußerten die Grünen auf Anfrage von Merkur.de scharfe Kritik. (mbr) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Wüstneck/dpa

Auch interessant

Kommentare