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RKI-Zahlen eigentlich viel höher? Experten befürchten unsichtbare Welle

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Von: Bettina Menzel

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Coronavirus: Menschen stehen in der Schlange, um sich auf Covid-19 testen zu lassen
Menschen stehen in einer Schlange, um sich auf Covid-19 testen zu lassen. Die Corona-Infektionen könnten aktuell viel höher liegen, als die RKI-Zahlen vermuten lassen (Symbolbild). © picture alliance/dpa | Stefan Sauer

Ist die vierte Welle eigentlich viel größer? Die Engpässe der Kapazitäten in Laboren, Gesundheitsämtern und Kliniken könnte die RKI-Zahlen derzeit verfälschen.

München - Die Corona-Inzidenz ist am Wochenende leicht gesunken und lag bei 439,5. So oder so ähnlich berichteten viele Medien am Sonntag. Diese Meldung könnte allerdings ein falsches Bild suggerieren. Denn erstens bedeutet ein kurzer Rückgang auf einem weiterhin hohen Niveau noch keine Entwarnung. Und zweitens könnte die Dunkelziffer der Infizierten in Deutschland deutlich höher liegen. Das machten auch RKI-Chef Lothar Wieler und der scheidende Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bei ihrer letzten gemeinsamen Pressekonferenz am Freitag klar.

Corona in Deutschland: Zahl der Neuinfektionen könnte eigentlich viel höher liegen

Nicht jede Gefahr lässt sich für Laien auf den ersten Blick erkennen. Zieht sich das Meer zurück, nutzen das manche für einen ausgedehnten Strandspaziergang. Doch tatsächlich könnte weit draußen auf dem Ozean gerade ein Tsunami anrollen. Ungefähr so ist es möglicherweise gerade mit den offiziellen Corona-Zahlen des Robert-Koch-Instituts. Im November jagte zunächst ein Rekordwert den nächsten. Die Corona-Neuinfektionen stiegen auf Höchststände seit Beginn der Pandemie. Dann sank die Inzidenz drei Tage in Folge. Doch das kurze Plateau war keine Trendwende, ganz im Gegenteil. RKI-Chef Lothar Wieler sprach am Freitag in der Bundespressekonferenz von einer möglichen Untererfassung mit dem Faktor zwei bis drei.

Die Gesundheitsämter meldeten dem RKI binnen eines Tages 42.055 Neuinfektionen (Stand: 5. Dezember), der Rechnung von Wieler zufolge könnten es also tatsächlich bis zu 126.165 Fälle gewesen sein. Denn die Gesundheitsämter und Kliniken in einigen Regionen kommen mit der Meldung von Fällen nicht mehr hinterher. Zudem nannte der geschäftsführende Gesundheitsminister Jens Spahn auch die Laborkapazitäten als Nadelöhr. Wie auch auf Intensivstationen ist der begrenzende Faktor in Laboren das Personal. Die naheliegende Lösung wäre ein Ausbau sowohl der Intensivbetten als auch der Laborkapazitäten. Doch der Personalmangel lässt sich nicht einfach so beheben. Die entsprechende Ausbildung dauert lange und die Jobs sind weiterhin wenig begehrt, da oft schlecht bezahlt. Die kurzfristige Lösung liegt daher aus Sicht des ehemaligen Gesundheitsministers darin, die Infektionszahlen zu senken. „Hier kann jeder einzelne etwas beitragen“, so Spahn.

Corona: Höhere Dunkelziffer auch durch „Impf-Paradox“

Eine Dunkelziffer gab es von Beginn der Pandemie an, darauf wies auch Spahn bei der Pressekonferenz am Freitag hin. Denn nicht alle Menschen, die positiv sind, lassen sich testen. Doch nur die von Gesundheitsämtern registrierten positiven Tests fließen in die Statistik ein. Dazu kommt ein „Impf-Paradox“:

Je mehr Geimpfte es gibt, desto größer könnte auch die Dunkelziffer sein. „Das liegt daran, dass Geimpfte erstens nur selten einen negativen Test brauchen, zweitens häufiger einen nahezu asymptomatischen Krankheitsverlauf haben und drittens oft der Fehleinschätzung unterliegen, sie könnten sich dank der Impfung gar nicht mehr infizieren“, sagt etwa der Experte für mathematische Epidemiologie Jan Fuhrmann der Apotheken Umschau. Die Impfung reduziert das Risiko von schweren Verläufen, doch anstecken können sich Menschen damit trotzdem, wenn auch deutlich seltener als Ungeimpfte.

Corona in Deutschland: Unsichtbare Welle könnte Krankenhäuser zeitverzögert belasten

Die Nachmeldungen an das Robert-Koch-Institut sind derzeit hoch. Am Freitag beispielsweise lag die Inzidenz bei 443,1 am Tag selbst, doch die nachträglichen Nachmeldungen erhöhten den Wert auf 466,4. Problematisch ist das auch, da eine zeitverzögerte, unsichtbare Welle auf die Intensivstationen zurollen könnte. Denn schwere Verläufe zeigen sich nach einer Infektion oft erst nach sieben Tage oder mehr.

Die Überlastung der Intensivstationen zu vermeiden, ist eine der größten Herausforderungen dieser Pandemie. Um die drohende Belastung einschätzen zu können, gibt es den Hospitalisierungsindex. Er gibt die Anzahl der Krankenhauseinweisungen in Verbindung mit Corona pro 100.000 Einwohner innerhalb der vergangenen sieben Tage an. Doch auch diesen Messwert sehen Experten kritisch. Der designierte Gesundheitsminister, Karl Lauterbach (SPD), hält den Index für „alles andere als optimal“. Denn der Index misst nur jene Fälle, die innerhalb einer Woche ins Krankenhaus kommen. „Dieser Verlauf ist zu kurz“, so Lauterbach. Oft dauert es von der Infektion bis zur Aufnahme ins Krankenhaus länger. Dazu kommt, dass es auch beim Hospitalisierungsindex eine hohe Anzahl von Nachmeldungen gibt. „Auch wenn man ein Fieberthermometer in kochend heißes Wasser wirft, zeigt es maximal 42 Grad an“, sagt ein Twitter-Nutzer zu der Diskussion. Beim Blick auf die aktuellen RKI-Zahlen lohnt es sich, das im Hinterkopf zu behalten.

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