Coronavirus - Brasilien: Medizinische Versorgung in einem Lazarett
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Mitarbeiter des brasilianischen Gesundheitswesens versorgen in einem Feldlazarett einen Patienten, der am Coronavirus erkrankt ist.

Internationale Gefahr

Corona „komplett außer Kontrolle“: Rekord-Zahlen und weitere Mutationen schocken Brasilien

  • vonElisabeth Urban
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Vier Gesundheitsminister, neuartige Mutationen und Politik-Versagen: Die täglichen Corona-Todesfälle in Brasilien erreichen einen dramatischen Höchststand.

São Paulo - Noch im März waren es 2.000 Corona-Tote pro Tag, jetzt hat Brasilien mit mehr als 4.000 gemeldeten Todesfällen innerhalb von 24 Stunden eine neue Marke geknackt - ein trauriger Rekord. 4.195 Menschen seien an einem Tag als in Zusammenhang mit der Virus-Erkrankung verstorben gemeldet worden, heißt es am 6. April auf der Webseite des brasilianischen Gesundheitsministeriums. Besonders hoch sind die Zahlen im Bundesstaat São Paulo, mehr als ein Viertel der Gesamt-Fälle wurden hier gemeldet.

Während die Zahlen in den letzten Tagen deutlich niedriger waren, wurden laut Medienberichten jetzt wohl zahlreiche Fälle der Oster-Feiertage nachgemeldet. Mit den neuen Zahlen steht das größte Land Lateinamerikas fast an der weltweiten Spitze der Krise, nur die USA hatten zuvor mehr als 4.000 Todesfälle pro Tag gemeldet.

Corona in Brasilien: „Komplett außer Kontrolle“ - dramatische Lage und neue Varianten

„Das ist die größte humanitäre Tragödie in der brasilianischen Geschichte“ - diese drastischen Worte findet der international angesehene Mediziner Dr. Miguel Nicolelis in einem TV-Interview. „Wir haben so etwas noch nie erlebt.“ Die Lage sei „komplett außer Kontrolle“.

Zudem tauchen weiterhin neue Virus-Varianten auf. Das Land, in dem auch die mittlerweile international verbreitete Mutation P1 ihren Ursprung hat, wird durch die Pandemie nicht nur wirtschaftlich gebeutelt - vor allem das Gesundheitssystem ist vielerorts mittlerweile komplett überlastet. Die Varianten aus Brasilien könnten eine „gigantische Bedrohung“ für andere Länder darstellen, schätzt Nicolelis - und sie würden sich dank der kontraproduktiven Politik des brasilianischen Staatsoberhaupts definitiv verbreiten. Der Mediziner plädiert daher für ein Eingreifen der WHO im Kampf gegen das Virus.

Coronavirus in Brasilien: Präsident Bolsonaro gerät durch „entsetzliche Situation“ unter Druck

„Wir sind in einer entsetzlichen Situation“, stellt die Epidemiologin Ethel Maciel von der Espirito Santo Federal University in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP fest. Eine eindeutige Mitschuld sieht sie genau wie Nicolelis bei der Regierung um den rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro: „Leider hat die Politik uns dort hingebracht, wo wir heute stehen: zu dieser enormen Zahl an Menschen, die ihr Leben verloren haben“. Bolsonaro hatte unter anderem Restriktionen durch regionale Autoritäten zur Pandemie-Bekämpfung kritisiert, er selbst verharmloste das Virus, schürte Skepsis und machte sich lustig über mögliche Maßnahmen. Etwa zehn Prozent der Brasilianer haben bisher eine erste Corona-Impfung erhalten, meldete AFP.

Doch auch Bolsonaro spürt nun langsam den wachsenden Druck in der dramatischen Corona-Situation: In den vergangenen Wochen besetzte er deswegen einige Posten im Kabinett neu. Der Präsident, der in seiner Amtszeit mittlerweile den vierten Gesundheitsminister eingesetzt hat, berief außerdem drei neue Oberbefehlshaber für Heer, Marine und Luftwaffe.

Die Epidemiologin Ethel Maciel wünscht sich jetzt drastische Maßnahmen: Man brauche einen „wirksamen Lockdown für mindestens 20 Tage“ erklärte sie AFP. Weil die Impfungen schleppend vorangehen, sei das der „einzige Weg, die extrem schnelle Ausbreitung des Virus zu verlangsamen“ - mit Bolsonaro an der Spitze des Landes bleibt ein solches Vorgehen aber äußerst unwahrscheinlich. Unter der Krise zu leiden haben unterdessen vor allem ärmere Menschen in Brasilien. (eu/AFP)

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