Nacht- und Nebelaktion

Quarantäne-Anordnung: Hunderte Briten verschwinden dennoch aus Skiort - Ex-Diplomat gibt nun mit Flucht an

Mehrere hundert Briten sind über Nacht aus dem Schweizer Wintersportgebiet Verbier verschwunden. Trotz Quarantänepflicht. Darunter auch ein Ex-Diplomat aus Großbritannien.

  • Eine mutierte Variante des Coronavirus aus Großbritannien macht auch den Schweizern Sorgen.
  • Daher sollten sich rund 420 britische Touristen im Skiort Verbier nach der Einreise in Isolation begeben.
  • Über die Hälfte der betreffenden Skifahrer sind über Nacht dennoch plötzlich verschwunden.

Update vom 29. Dezember, 10.34 Uhr: Quarantäne oder 10.000 Schweizer Franken Strafe - trotz Androhung von einem happigen Bußgeld machten sich britische Winterurlauber aus dem Staub. Über Nacht verließen hunderte Touristen den Skiort Verbier im Schweizer Kanton Wallis. Ein britischer Tourist prahlt auf seinem Instagram-Account (privat) über seinen irrwitzigen Erfolg.

Britischer Tourist prahlt mit Flucht vor Schweizer Corona-Quarantäne

„Wir waren wie die Trapp Familie von Sound of Music, wir habe es über die Berge in die Freiheit geschafft!“, zitiert das britische Boulevardblatt Daily Mail seinen Instagram-Post und veröffentlicht einen Screenshot davon zum Beweis. (In der bekannten Geschichte der singenden Großfamilie fliehen die Trapps nach der Annexion Österreichs durch die Nazis in die USA.)

Bei den flüchtigen Briten handelt es sich laut Daily Mail um einen ehemaligen britischen Diplomaten. Er sei vor Weihnachten im Skiort Wengen (Kanton Bern) gewesen als die Corona-Quarantäne für Briten angeordnet wurde. Auf dem Weg mit dem Zug nach Paris und dann mit dem Eurostar nach London sei er mehrfach von der Polizei angehalten worden.

Inzwischen befindet sich der Brite in Quarantäne in Großbritannien. Der ehemalige Diplomat behauptet keine Regeln gebrochen zu haben. Er und seine Familie seien 20 Minuten vor Inkrafttreten der Quarantäne aus dem Land gereist. Am 23. Dezember sei er und seine Familie in London angekommen. „Wenn wir nicht rechtzeitig rausgekommen wären, hätten wir Weihnachten verpasst“, sagt der 54-Jährige im Gespräch mit Daily Mail.

Hunderte Briten verschwinden aus Skiort - Kanton beschuldigt Bundesamt

Update vom 28. Dezember, 11.42 Uhr: Auf einmal waren sie weg: Die Abreise von hunderten Briten, die wegen der entdeckten Corona-Variante eigentlich in der Schweiz in Quarantäne sollten (siehe Erstmeldung), sorgte für Spott und Unverständnis. Jetzt schieben sich der Bund und der Kanton Wallis, in dem der Ort des Geschehens, Verbier, liegt, gegenseitig die Schuld zu. Der Schweizer Zeitung 20 Minuten zufolge sagte der Walliser Regierungspräsident Christophe Darbellay, das Bundesamt für Gesundheit (BAG) habe die Liste der Passagierdaten der Großbritannien-Flüge zu spät geliefert. „Das hat unsere Arbeit unnötig erschwert.“ Man habe aber alles versucht, um die Quarantänevorschriften durchzusetzen.

Doch genau da setzt das BAG mit seinem Standpunkt an: „Es liegt in der Kompetenz der Kantone, die Quarantäne durchzusetzen“, sagte demnach Sprecher Grégoire Gogniat. Es sei „nicht akzeptabel“, wenn sich Personen dem entziehen. Auch den Vorwurf, bei den Passagierdaten zu langsam gewesen zu sein, weist das Amt zurück. 

Trotz Quarantäne-Anordnung: Briten verschwinden aus der Schweiz

Erstmeldung vom 27. Dezember, 13.28 Uhr: Verbier/Schweiz - Die Briten lieben Verbier – und diese Liebe wird durchaus erwidert. Dennoch hat sich jetzt ein kleiner Knacks in dieser innigen Beziehung aufgetan. Denn hunderte Briten sind plötzlich aus dem Schweizer Nobelskiort verschwunden. Doch von Anfang an: Viele Touristen aus Großbritannien verbringen ihren Winterurlaub gerne in dem Wintersportgebiet, das zur Gemeinde Bagnes gehört. Auch von der grassierenden Corona-Pandemie haben sie sich zunächst nicht abhalten lassen.

Doch seit im Vereinigten Königreich eine hochansteckende Mutation des Coronavirus aufgetreten ist, kühlte die Liebe der Schweizer merklich ab. Flugverbindungen wurden eingestellt, bereits eingereiste Briten sollten auch rückwirkend zehn Tage lang in Quarantäne. Ob sie dann wieder nach Hause kämen, blieb unklar.

Skurrile Szenen in Verbier: Mindestens 200 Briten sind über Nacht verschwunden

Daher entschieden sich in Verbier zahlreiche Touristen trotz der angeordneten Quarantäne zu einer überstürzten Abreise. Die Behörden haben vor Weihnachten 420 Gäste aus Großbritannien identifiziert, die in Selbstisolation gemusst hätten. Schweizer Medienberichten zufolge sind mindestens 200 Personen in einer Nacht- und Nebelaktion einfach verschwunden. „Viele von ihnen blieben einen Tag in Quarantäne, bevor sie unbemerkt im Schutz der Dunkelheit aufbrachen“, sagte Jean-Marc Sandoz, Sprecher der Gemeinde Bagnes, zu der Verbier gehört zur Schweizer SonntagsZeitung. Aufgefallen sei den Hoteliers die heimliche Abreise ihrer Gäste erst, als die Anrufe in den Quarantäne-Zimmern wiederholt unbeantwortet blieben oder die vor den Zimmern deponierten Mahlzeiten nicht angerührt worden waren.

Einige hätten sich inzwischen aus Frankreich gemeldet, so der Sprecher gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Doch bei vielen ist weiterhin unklar, wohin sie gefahren sind. Sandoz kritisierte die überstürzt und rückwirkend eingeführten Quarantänepflichten für Reisende aus Großbritannien scharf. Für Verbier sind die Einnahmen durch die britischen Gästen sehr wichtig.

Aus der Corona-Quarantäne – hunderte Briten verschwunden: Hohn und Spott im Netz

Das spurlose Abtauchen der nervös gewordenen Gäste ist natürlich auch den Schweizern im Netz aufgefallen. Viele finden den eigenwilligen Vorfall amüsant. „Gibt es Finderlohn wenn man einen Verbier-Briten findet?“, fragt sich ein Nutzer zum Beispiel. Eine andere verweist für die Suche süffisant auf andere Schweizer Skipisten, die trotz Corona noch geöffnet sind.

Auch Verbier selbst muss sich einiges anhören. In der Vergangenheit hatte das Skigebiet nämlich behauptet, man werde in Zeiten von Corona ein Vorbild für andere Wintersportregionen sein. Zu dieser Rolle passt das unerklärliche Verschwinden von 200 Briten natürlich nicht so ganz. (mam/dpa)

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Rubriklistenbild: © Fabrice COFFRINI / AFP

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