Tobias Staab arbeitet derzeit in einer kleinen Schreinerei in Etterschlag im Landkreis Starnberg.
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Tobias Staab arbeitet derzeit in einer kleinen Schreinerei in Etterschlag im Landkreis Starnberg.

„Ich will nicht daheim versauern“

Reisebüro-Mitarbeiter mit vier Jobs in einem Jahr: Im Kampf gegen den Kurzarbeits-Blues

  • vonCornelia Schramm
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Der Reiseverkehrskaufmann Tobias Staab ist seit über einem Jahr in Kurzarbeit. Daheim versauern kommt für ihn nicht infrage. Mit Mini-Jobs verdient er sich nicht nur etwas dazu, sondern stellt sich auch neuen Herausforderungen – das ersetzt ihm sogar das ein oder andere Urlaubsabenteuer.

Unterumbach – Die Sonne geht gerade erst auf, da kniet Tobias Staab bereits auf dem Zuckerrübenacker. Mit der Hacke kämpft er gegen das meterhoch wuchernde Unkraut. Satte acht Stunden lang kriecht der 44-Jährige so auf allen Vieren die staubigen Ackerfurchen entlang – bis es ihm die Mittagshitze unmöglich macht.

Als brutal beschreibt Staab diese Arbeit als Erntehelfer rückblickend. Voriges Jahr packte er auf einem Hof in Wenigmünchen (Landkreis Fürstenfeldbruck) gemeinsam mit einigen Köchen, Friseuren und Veranstaltungstechnikern mit an. Kurz zuvor hatte der Lockdown sie alle in die Kurzarbeit gezwungen. „Da die 18 Hilfsarbeiter aus Rumänien nicht einreisen durften, war der Bauer auch um 22 ungelernte Helfer froh“, erzählt Staab.

Tobias Staab: „Einfach untätig daheim zu sitzen, wäre für mich das Schlimmste“

Denn sie alle wühlen mit ihren Händen ansonsten eher selten in der Erde. Mit nur einem Klick bucht Staab seinen Kunden in einem kleinen Reisebüro in Planegg (Kreis München) eigentlich traumhafte Reisen. In der Pandemie kann sein Chef den gelernten Reiseverkehrskaufmann aber nur noch vier Stunden die Woche beschäftigen. Deshalb hangelt sich Staab bereits seit einem Jahr von Job zu Job, um seine Finanzen etwas aufzubessern. „Einfach untätig daheim zu sitzen, wäre für mich das Schlimmste“, sagt er. Ob Feldarbeit oder Supermarkt-Regale auffüllen, der 44-Jährige hält sich für fit genug für harte Arbeit und ist der Meinung, lernen kann man einfach alles. „Ich lebe nach der Devise: Was ich nicht kann, habe ich nur noch nicht gelernt“, sagt er.

Als der Zuckerrüben-Bauer ab Juni keine Hilfe mehr brauchte, hörte Staab sich wieder um. Der Bauhof sucht vorübergehend Ersatz für einen verletzten Mitarbeiter, meinte seine Nachbarin. „Im Ort war ich dann Mädchen für alles“, erzählt Staab. Gullys reinigen, Kläranlagen warten, Spielplätze einzäunen. Seine Tätigkeiten in Pfaffenhofen an der Glonn (Landkreis Dachau) waren vielfältig. „Im Unkrautjäten hatte ich ja bereits Übung“, witzelt er. Denn dieses Mal musste er auf allen Vieren Verkehrsinseln vom ungeliebten Grün befreien.

Bei 40 Grad im Schatten brachte ihn der Bauhof-Job erstmals an seine körperliche Grenze: „Hut ab, vor allen, die das ihr Leben lang machen – und auch vor den Erntehelfern“, sagt Staab beeindruckt. Eindruck hat aber offenbar auch er beim Bauhof hinterlassen. In zwei Jahren könne er eine Stelle antreten, da einer der Mitarbeiter dann in Rente gehe. Vorerst musste Staab aber im November wieder nach einer neuen Beschäftigung Ausschau halten.

Reiseverkehrskaufmann sucht sich dritten Übergangsjob

Die kleine Schreinerei in Etterschlag (Landkreis Starnberg) sucht einen Mitarbeiter, meinte bald sein Schwager. „Der Geselle ging auf die Meisterschule“, sagt Staab. Daher sei sein neuer Chef um jede Hilfe dankbar. Böden verlegen, Fenster, Türen und Möbel fertigen – auch in seinem dritten Übergangsjob muss Staab wieder anpacken. „Es macht viel Spaß und liegt mir sogar im Blut“, berichtet er. Schließlich war sein Großvater Schreiner und hat ihm die Liebe zum Drechseln vermacht. Etwas Positives sieht er an Kurzarbeit und Minijob immerhin: Für sein Hobby bleibt ihm in der heimischen Werkstatt in Unterumbach viel mehr Zeit. Selbstgemachte Kerzenhalter, Stifte und Bretter verkauft er jetzt sogar auf einer eigenen Website.

Und obwohl Grünflächenpflege und Parkettverlegen wenig mit der Exotik ferner Länder wie Dubai, Ägypten oder Thailand zu tun haben, hat Staab Freude an den beruflichen Exkursionen und findet sie keinesfalls außergewöhnlich: „Ich probiere gerne Neues aus und möchte viel erleben.“ Wie beim Reisen, muss er sich auch jetzt immer wieder auf neue Situationen einstellen. „Aber ich liebe eben den Beruf, den ich seit 22 Jahren mache“, sagt er. Daher hofft er, dass sein Chef im Reisebüro ihn bald wieder in Vollzeit braucht.

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