10.000 auf der Theresienwiese – und Fliege auf der Bühne

Corona-Demo in München: Plötzlich betritt TV-Star die Bühne - Wirbel um falsche Atteste

  • Laura Felbinger
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Tausende Menschen stehen auf der Theresienwiese in brütender Nachmittagshitze. Manche tragen Trachten – und so gut wie keiner eine Maske. Das ist Programm, denn was man hier sieht, ist die Kundgebung der Querdenker-Bewegung.

  • Bei der Anti-Corona*-Demo in München sind 10.000 der „Querdenken 089“-Gruppierung auf die Theresienwiese gefolgt.
  • Auch der bekannte ehemalige TV-Pfarrer Jürgen Fliege sprach auf der Bühne.
  • „Wir müssen in der Pandemie aufeinander Acht geben, indem wir Masken tragen“, sagt dagegen eine Teilnehmerin der Gegendemo.

München - Die höchst umstrittene Demo gegen die Corona-Beschränkungen am Samstag, die im Vorfeld teilweise verboten beziehungsweise gerichtlich geschrumpft worden war – und die am Ende dann mit rund 10.000 Menschen auf der Theresienwiese stattfand.

München: TV-Pfarrer bei Anti-Corona-Demo auf der Bühne

Auf der Bühne: unter anderen Jürgen Fliege (73), bekannt als ehemaliger TV-Pfarrer* mit eigener ARD-Talkshow. Seine gut zehnminütige Rede wirkte wie eine Predigt – unter anderem mit Bibel-Bezügen zum Satz „Fürchtet euch nicht“. Diese Worte begleiteten immer die Auftritte von Engeln. Jetzt in Corona-Zeiten, so Fliege, höre man von der Regierung in Berlin aber kein „Fürchtet euch nicht“ – „auch wenn man Angela heißt…“

Vor Fliege hatte unter anderen Querdenker-Gründer Michael Ballweg gesprochen. Dessen Rede dauerte allerdings nicht lange – die Polizei unterbrach die Veranstaltung. Ihre Lautsprecherdurchsagen, man solle Maske tragen, wurden ausgebuht. Hintergrund: Seit Mittwoch ist die Maske in Bayern bei Veranstaltungen ab 200 Personen Pflicht. Damit also auch bei jener Demo, die sich ausdrücklich gegen die Maskenpflicht richtete.

Corona München: Polizei erteilt bei Demo Platzverweise

Die Veranstalter verwiesen auf Ausnahmen, eine Frau auf der Bühne sagte, sie sei Ärztin und könne Atteste ausstellen – „wer eins braucht…“ So ging es eine Weile hin und her, bis die Polizei Personalien feststellte und Platzverweise aussprach. Die Polizei nahm am Samstag bei der Corona-Demo nicht nur über 120 Anzeigen auf. Wie ein Sprecher bekannt gab, kam es auch zu mehreren Festnahmen*.

5000 Demonstranten waren ursprünglich angemeldet, 1000 genehmigt – tatsächlich wurde die Zahl aber fünfstellig. Die Veranstaltung verlief weitgehend friedlich, Reichsflaggen – wie sie in Berlin wehten – waren nicht zu sehen. Zuvor hatte die Polizei einen Demo-Zug, der am Odeonsplatz startete, in der Gabelsbergerstraße gestoppt. Auch hier trug fast niemand eine Maske. Zudem waren statt der genehmigten 500 rund 3000 Menschen dabei. Gegen 14 Uhr löste der Versammlungsleiter den Zug auf.

Der Demo war ein Rechtsstreit vorausgegangen. Erst in der Nacht zu Samstag hatte der Verwaltungsgerichtshof den Zug für 500 Personen erlaubt und die Beschränkung der Teilnehmerzahl auf der Wiesn komplett aufgehoben.

Stellte ein Arzt falsche Atteste auf der Theresienwiese aus? Polizei ermittelt

Neben der Diskussion um die Maskenpflicht (Coronavirus: Welche Masken uns im Alltag am besten schützen*) sprach man auf der Bühne auch von einer Spaltung der Gesellschaft und forderte die Aufhebung der Immunität von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Nachdem die Polizei vereinzelt Menschen auf die Maskenpflicht hinwies, hielt sich am Ende die Mehrheit daran. Über 100 hartnäckige Verweigerer erhielten Anzeigen. Über 20 weitere wurden aus anderen Gründen, etwa Körperverletzung, angezeigt. Die Bundespolizei erstattete zudem an den Bahnhöfen 45 Anzeigen wegen Verstößen gegen das Infektionsschutzgesetz – 44 davon wegen des Verdachts der Vorlage falscher Atteste. Laut Polizei gibt es zudem Hinweise, dass auf der Theresienwiese ein Arzt falsche Atteste ausstellte. In München droht indes ein wichtiger Corona-Grenzwert* überschritten zu werden.

Querdenker-Demo auf der Theresienwiese in München.

Das sagen Demonstranten

Der Lockdown war überzogen. Ich habe mich von Anfang an intensiv mit den Infektionszahlen des Robert-Koch-Instituts beschäftigt – und sie sind nach kurzer Zeit zurückgegangen. Die Verdopplungszahl war nicht so hoch, dass man die Dauer des Lockdowns hätte rechtfertigen können. Was man uns erzählt, entspricht nicht den korrekten Zahlen. Sandra Moder (46), Apothekerin aus dem Kreis Göppingen (Hinweis der Redaktion: Hier finden Sie Infos zum Coronavirus: Was bedeutet die Reproduktionszahl für die Ausbreitung?)

Der Sars-CoV-2-Virus* ist bei uns faktisch nicht mehr im Umlauf – das sind nur noch Rhinoviren und ältere Corona-Viren. Es gibt hochqualifizierte Menschen, die sich mit dem Thema beschäftigen – und die werden als Covidioten bezeichnet. Was uns Sorgen macht, ist ein Impfstoff, der nicht genug getestet wurde. Claudia E. (49), Betriebswirtin, und Barbara B.(81), Ärztin, aus München

Die Presse vertritt eine zu einheitliche Meinung. In Berlin haben Tausende friedlich demonstriert – und dann ging es nur um den Sturm auf den Reichstag. Wir sind nicht alle rechtsradikal. Hinter der Corona-Krise stecken meiner Meinung nach wirtschaftliche Interessen. Da profitieren zum Beispiel die Digitalkonzerne. Dafür nimmt man uns die Freiheit. Oliver Schmitt (49), Lehrer aus dem Kreis Fürstenfeldbruck

Gegendemo in München: 900 Leute protestierten auf dem Goetheplatz gegen Verschwörungswahn.

München: So lief der Gegenprotest

Bei der Gegenveranstaltung zur Querdenker-Aktion fanden sich am Samstagnachmittag rund 900 Teilnehmer am Goetheplatz ein. Motto: „Solidarität statt Verschwörungswahn!“ Ein breites Bündnis von Münchner Organisationen hatte dazu aufgerufen – darunter München ist bunt, der Flüchtlingsrat und der Kreisjugendring. Ursprünglich war die Demo am Geschwister-Scholl-Platz geplant, aber nachdem die Corona-Demo vom Odeonsplatz auf die Theresienwiese verlegt worden war, zog auch der Gegenprotest um. Laut Polizei wurden die Auflagen des Infektionsschutzes dort weitgehend eingehalten. „Wir müssen wegen der Pandemie aufeinander Acht geben, indem wir eine Maske tragen“, sagt die Studentin Jule Meier (25). „Das ist wirklich wichtig – und nicht die lächerliche Sorge um eine Impfpflicht, die sowieso nicht kommt!“ Ähnlich sieht das Bernhard F. (25), ebenfalls Münchner Student: „Leider gibt es viele Leichtgläubige, die sich auf irre Facebook-Quellen berufen. Diese Corona-Demos sind es, die tatsächlich unsere Freiheit gefährden, denn da laufen auch Rechtsextreme mit!“

Ein paar Dutzend Gegendemonstranten – laut Polizei „aus dem linken Spektrum“ – versammelten sich außerdem am Rande der Theresienwiese mit Transparenten gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus.

Rubriklistenbild: © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

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