Christoph Well: Aus seinem Fenster in Haidhausen ertönen seit einem Jahr täglich Stofferls Trompetenklänge.
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Christoph Well: Aus seinem Fenster in Haidhausen ertönen seit einem Jahr täglich Stofferls Trompetenklänge.

Stofferl bläst das Virus weg

Bayerischer Kultmusiker gibt jeden Abend ein Fensterkonzert: „Quasi als Wiedergutmachung“

  • vonAndrea Stinglwagner
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Er spielt für die Nachbarschaft, aber auch um auf die Situation der Künstler aufmerksam zu machen: Christoph „Stofferl“ Well. Und das schon seit Monaten, jeden Tag, fünf Minuten.

München - Fast ein Jahr ist es jetzt her – der erste Lockdown hatte das Leben gerade brutal eingebremst: Da blies Christoph „Stofferl“ Well das erste Mal aus seinem Fenster in Haidhausen ein kleines Trompeten-Ständchen für die Nachbarschaft. Ein Jahr später macht der 62-Jährige das immer noch – jeden Tag, abends um sieben.

„Unterhaltungsmangel ist eklatant – Kultur ist systemrelevant!“

Für die Nachbarn spielt er, „für mich selbst. Einfach zur Freud“, aber auch um auf die Situation der Künstler aufmerksam zu machen: „Unterhaltungsmangel ist eklatant – Kultur ist systemrelevant!“ Und wenn er spielt, dann ist das Virus tatsächlich wie weggeblasen! Was die Leute zu hören kriegen: Es sind Lieder, die Stofferl schon immer gut gefallen haben: Guter Mond, du gehst so stille, oder Guten Abend, gut Nacht, oder mal einen Posaunen-Ländler. Nicht nur die Trompete erschallt, auch mal der Dudelsack oder die Harfe.

Am Wochenende spielen auch Stofferls Kinder Maresa und Maxi im zweiten und dritten Stock mit – mit dem Akkordeon oder der Flöte. Wie kam es zu den Fensterkonzerten – und wie geht der Musiker mit der Pandemie um? Die tz sprach mit Stofferl Well:

Herr Well, wie kam es zu Ihrer täglichen kleinen Fenstermusik?
Christoph Well: Im ersten Lockdown waren wir alle zu Hause, auch ich hatte nichts zu tun. Da dachte ich mir, die Nachbarn müssen mich jeden Tag beim Üben hören, dann spiel ich ihnen abends ein Stückerl – quasi als Wiedergutmachung. Jeden Tag fünf Minuten, zuerst aus der Nordseite in den Hof hinein, dann an der Südseite zur Straße raus.
Und wie sind die Reaktionen?
Christoph Well: Die Leute bleiben beim Abendspaziergang stehen, freuen sich bestenfalls, klatschen und gehen wieder heim. Beschwert hat sich jedenfalls noch keiner! Einmal hat ein Zuhörer einen Kuchen mitgebracht, ein Bub aus der Straße hat mir ein Bild gemalt. Besonders schön war’s im Sommer, da haben an einem Abend die Leut plötzlich gesagt: Stofferl, heut’ hörst du mal uns zu! Und sie haben für mich gesungen: „Guten Abend, gut Nacht…“
Da geht dem Musikanten bestimmt das Herz auf…
Christoph Well: Ja es ist schön, weil ich das Gefühl habe, Haidhausen wird wieder ein bisserl zum Dorf. Man trifft sich, hält zusammen (natürlich auf Abstand…). Und für mich persönlich ist es auch wichtig: Das tägliche „Konzert“ bringt meinem Tag Struktur, ich strenge mich an und komme beim Vorspielen nicht aus der Übung.
Hätten Sie vor einem Jahr gedacht, dass Sie heute immer noch aus dem Fenster trompeten?
Christoph Well: Kein Mensch hätte das alles für möglich gehalten! Zuerst wurden meine Konzerte auf Juni verschoben, dann auf Oktober, Januar, April … Die Situation vieler Künstler ist existenzbedrohend. Auch von allen, die damit zu tun haben: Instrumentenbauer, Veranstalter… Viele werden das nicht überleben. Und welcher junge Mensch entscheidet sich momentan denn dazu, Trompete zu studieren? Auch für den Musikunterricht ist es schwer. Online ist kein Ersatz.
Wie haben Sie sich mit der Situation arrangiert?
Christoph Well: Ich kann mich ja eigentlich nicht beschweren, hab meine Familie bei mir. Wir kochen viel, spielen Schafkopf.
Was raten Sie den Leuten?
Christoph Well: Wichtig ist, den Humor nicht zu verlieren, wie aussichtslos es auch ausschauen mag. Wenn man über den Tod lachen kann, ist er nicht mehr so schlimm. Und wenn man über den Lockdown lacht, hält man ihn auch besser aus.
Was kriegt Ihr Publikum heute Abend zu hören?
Christoph Well: Vielleicht hol ich mal das Alphorn raus – das ist lustig, weil es drei, vier Meter in die Straße hinausragt!
Das ist aber laut, oder?
Christoph Well: Nein, es ist nicht laut fürs Ohr, aber es klingt weit hinaus. Bis zum Landtag rüber, und wenn der Wind richtig steht, vielleicht bis zur Staatskanzlei…
Innehalten und freuen! Täglich bleiben Spaziergänger aus der Nachbarschaft stehen und lauschen den schönen Liedern.

Die Familie Well aus Günzlhofen

Wer über die bayerische Musiker-Szene spricht, kommt an den Wells nicht vorbei: Aus der 17-köpfigen Familie aus Günzlhofen bei Fürstenfeldbruck stammen mehrere berühmte Musikanten. Christoph, genannt Stofferl, ist der zweitjüngste der Well-Kinder. Er studierte Trompete und war Solotrompeter bei den Münchner Philharmonikern. Mit den Brüdern Michael und Hans gehörte er zu den Biermösl Blosn. Derzeit ist Stofferl mit den Brüdern Michael und Karl als die „Wellbrüder“ unterwegs, auch mit Kabarettist Gerhard Polt. Stofferl hat eine eigene Sendung im BR: Stofferl Wells Bayern. 2015 gewann er die „Bairische Sprachwurzel“.

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