Der tansanische Präsident John Magufuli hält eine Rede
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John Magufuli ist seit 2015 Präsident Tansanias - und damit maßgeblich verantwortlichen für den laschen Corona-Kurs des Landes (Archivfoto).

Mit Gott gegen die Pandemie

„Virenfreies“ Land? Präsident leugnet Corona, sein Minister hustet und zittert während Pressekonferenz

  • Andreas Schmid
    vonAndreas Schmid
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Seit Mai 2020 gibt es offiziell keine Corona-Fälle mehr in Tansania. Das Virus sei „ausgelöscht“, wie Präsident Magufuli beteuert. Der Machthaber leugnet die Gefahr und setzt auf Gebete statt Hygieneregeln.

Dodoma - Am 14. Februar jährte sich zum ersten Mal der Tag, an dem auf dem afrikanischen Kontinent der erste Corona-Fall bekannt wurde. Was viele Beobachter bereits vermutet hatten, scheint nun bestätigt: In Afrika erkranken offenbar deutlich mehr Menschen am Coronavirus als offiziell bekannt.

Corona in Tansania: Land ist „virenfrei“ - Covid-19 „ausgelöscht“

Wissenschaftler der US-Universität Boston untersuchten hunderte Todesfälle in Sambia auf Spuren von Covid-19. Demnach war jede(r) fünfte Verstorbene mit Sars-Cov-2 infiziert. Nahezu keiner von ihnen wurde vor dem Tod auf das Coronavirus getestet. Die Ergebnisse lassen also eine enorm hohe Dunkelziffer an Fällen vermuten, weswegen der zweitgrößte Kontinent die Pandemie bei Weitem nicht im Griff hat. Genau dies behauptet allerdings John Magufuli, Präsident von Tansania.

Seit jeher setzt der zunehmend autokratisch regierende Machthaber auf einen laschen Umgang mit dem Coronavirus. Im ostafrikanischen Land gebe es keine Pandemie. „Tansania ist virenfrei“ und Covid-19 dementsprechend „ausgelöscht“, wie Magufuli bereits im Juli 2020 verkündet hatte. Es wirkt so, als würde sich der Präsident dabei an anderen Staatsoberhäuptern wie Jair Bolsonaro oder Alexander Lukaschenko orientieren, die die Auswirkungen der Pandemie ebenfalls heruntergespielt hatten.

Video: Viele Tote in der 2. Welle - Afrikas Kampf um Impfstoff

Corona in Tansania: Ärzte dürfen keine Covid-Fälle mehr melden - „es ist sehr gefährlich“

Blickt man auf die weltweiten Infektionszahlen, so scheint der Präsident auf den ersten Blick tatsächlich recht zu haben. Nur 509 Corona-Fälle bei einer Gesamtbevölkerung von knapp 60 Millionen Einwohnern wirken imposant, begründen sich aber vor allem daran, dass Tansania seit Mai 2020 und damit seit nunmehr neun Monaten keine Zahlen mehr veröffentlicht.

Die Menschen, die vor Ort in den überfüllten Krankenhäusern sterben, tun dies in der Regel an einer „viralen Lungenentzündung.“ Wie fr.de berichtet, dürfen die Ärzte kein Covid-19 mehr diagnostizieren*. Dass das Klinikpersonal dieser staatlichen Anordnung nachkommt, liegt offenbar auch an der Sorge vor Restriktionen. Ein Arzt sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland dahingehend: „Du würdest deinen Job verlieren und die Regierung könnte dir deine Lizenz entziehen. Es ist sehr gefährlich.“

Corona-Auflagen gibt es in Tansania kaum. Dementsprechend gibt es auch bei Veranstaltungen Magufulis wie hier im August 2020 nur wenige Regeln, heißt: wenige Masken, kein Abstand.

Corona in Tansania: Präsident setzt auf Gebete - „wird vorübergehen, wenn wir uns Gott unterwerfen“

Die Lage im Land wird nun immer prekärer und Beobachter befürchten einen Zusammenbruch des ohnehin schon maroden tansanischen Gesundheitssystem. Magufuli hingegen will an seinem Kurs festhalten und setzt vielmehr auf die Kraft der Gebete als die der Corona-Einschränkungen: „Wir haben uns nicht eingesperrt und wir werden jetzt auch keinen Lockdown für das Land verhängen, weil ich glaube, dass das vorübergehen wird, wenn wir uns Gott unterwerfen“, beteuerte der 61-Jährige. Er denke, dass Gott die Tansanier testen wolle, weil sie etwas falsch gemacht hätten.

Da es kein Virus gebe, brauche es unterdessen auch keine Impfungen. Die im Westen hergestellten Vakzine erachtet der Präsident als „gefährlich“ und rät neben Gebeten zu Kräuter- und Saunakuren, um etwaige „Atemprobleme“ in den Griff zu bekommen. Die Impfungen würden ohnehin nur Schaden anrichten, denn „es gibt einige Tansanier, die ins Ausland gegangen sind, um eine Corona-Impfung zu bekommen, und das sind diejenigen, die die Krankheit hierher gebracht haben“, sagte Magufuli jüngst in einer TV-Rede. „Vertraut diesen Impfstoffen nicht.“

Corona in Tansania: Erkrankter tansanischer Minister sorgt mit Pressekonferenz für Kritik

Magufulis Finanzminister Philip Mpango hat derweil mit einem Auftritt in der Öffentlichkeit für Empörung gesorgt. Um Gerüchte zu zerstreuen, wonach er am Coronavirus gestorben sei, gab der schwer erkrankte Politiker hustend und keuchend eine Pressekonferenz vor dem Krankenhaus der Hauptstadt Dodoma. Rund zehn Journalisten wurden Zeuge des Ereignisses, bei dem Mpango keine Maske trug - im Gegensatz zu den Ärzten und Krankenschwestern, die hinter ihm standen.

Mpangos Stimme war zittrig, als er den Hinterbliebenen zweier prominenter tansanischer Corona-Opfer sein Beileid ausdrückte. Woran er selbst erkrankt ist, sagte er nicht. Mpangos Auftritt rief Empörung hervor. Der Oppositionsführer Tundu Lissu stellte die „Intelligenz“ der führenden Politiker in Frage. „Wer hat es diesem Patienten erlaubt, Menschen anzuhusten, statt sich im Krankenhaus behandeln zu lassen?“, fragte er auf Twitter.

Corona in Tansania: Kritik an Machthaber Magufuli - „das Virus kennt keine Grenzen“

Im Land wird dieser Kurs derweil nicht von allen mitgetragen. Vor allem innerhalb der jungen Bevölkerung mehren sich kritische Stimmen. Sie informieren sich im Internet über die Pandemie und gehen - teils aus Eigenschutz, teil als Protestaktion - mit Mund- und Nasenschutz auf die Straßen. Immer lauter werdende Kritik kommt unterdessen sogar von der katholischen Kirche. Die tansanischen Bischöfe warnten bereits im Januar vor einer „neuen Infektionswelle“ und sprachen sich gegen die Verharmlosung Magufulis aus.

Kritik kommt auch von der panafrikanischen Gesundheitsbehörde CDC. John Nkengasong, Direktor der CDC, warnte zuletzt ausdrücklich vor einer Ablehnungshaltung beim Impfstoff und kritisierte den tansanischen Machthaber. „Tansanias Haltung ist eine Haltung, von der ich hoffe, dass sie schnell überarbeitet werden wird.“ Ein Mangel an Kooperation mache die kontinentale Corona-Bekämpfung schwierig. „Das Virus kennt keine Grenzen.“ (as mit dpa) *Fr.de ist wie Merkur.de Teil des Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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